„In den letzten Wochen haben viele endlich gelernt, wirklich zuzuhören.“

Was bleibt von den hastig gemachten Transformationsschritten in der Corona-Krise? Und was kann wieder weg? Wirtschaftsprofessor und Coach Wolfgang Jenewein gibt Auskunft.

„In den letzten Wochen haben viele endlich gelernt, wirklich zuzuhören.“
getAbstract: Herr Jenewein, in den letzten Wochen und Monaten mussten sich viele von uns mit einer gänzlich neuen Arbeitsweise vertraut machen: dem Arbeiten im Home Office unter Zuhilfenahme digitaler Helferlein. Viel wurde über die Nachteile dieses neuen Arbeitens gesprochen, gleichwohl wollen viele Menschen auch künftig mehr von daheim erledigen. Sie geben nun schon seit Monaten vermehrt digitale Vorträge und Workshops – was sind die Vorteile?

Wolfgang Jenewein: Mir sind bei Onlineformaten fünf große Vorteile im Vergleich zur analogen Welt aufgefallen. Erstens: Gerade wenn man die Teams in virtuelle Gruppenarbeiten entlässt sind alle per Knopfdruck in Ihrer Gruppe. Das klingt zunächst banal, aber wer kennt es nicht: Bei physischen Meetings oder Seminaren wartet man auf den, der noch seinen Kaffee holt oder auf die, die noch auf die Toilette muss; man muss Räume zuweisen, die sind womöglich noch abgeschlossen; dann warten Sie auf den Hausmeister, der flickt bestenfalls noch den Beamer, dessen Fernsteuerung er allerdings erst suchen muss – und zum Schluss fragt dann noch jemand „Was war eigentlich die Aufgabenstellung für unsere Gruppenarbeit?“ In Zoom-Meetings sind auf Knopfdruck alle da, auch bereits in 2er, 3er- oder 4er-Gruppen zugeteilt und können sofort produktiv werden. Logistiker würden sagen man hat eine Rüstzeit von 0. Das heisst: Sie haben enorme Zeit- und Effizienzgewinne am Veranstaltungstag und während des Seminars. Damit hängen die Punkte zwei und drei direkt zusammen. 

Die da wären?

Punkt Zwei: Es ist viel einfacher geworden, Gäste einzuladen! Ob das Koryphäen als Redner sind, die nicht mehr erst durch ganz Europa anreisen müssen, um irgendwo eine halbe Stunde vorzutragen, oder jene, die von ihnen lernen wollen – die Hürden, einer Gruppe, einem Seminar oder nur schon einem Meeting beizuwohnen, sind enorm gesunken. Eine anständige Webcam und ein ruhiges Zimmer kosten nur den Bruchteil einer Zugreise mit Hotelübernachtung. Von der gesparten Reisezeit und dem damit verbundenen Stress ganz zu schweigen. Das entschlackt die Agenden um ein Vielfaches. Hinzu kommt, und das ist schon Punkt drei: In den Seminaren wird meist konzentrierter und fokussierter gearbeitet und diskutiert.

Inwiefern?

Bei der Präsenzarbeit neigen einige zu Folklore und Zurschaustellung, was für tolle Hechte sie sind. In der Onlinewelt fällt das schneller negativ auf. Zum Beispiel, wenn Leute abschweifen oder von ihren persönlichen Erfolgen erzählen, kurz: Zeit anderer verschwenden. Der Grund dafür liegt auf der Hand:

Man verliert die Leute in Onlinemeetings viel schneller, da die Aufmerksamkeitsspanne beim ständigen Blick auf den Bildschirm signifikant sinkt.

Wolfgang Jenewein

Innerhalb der letzten zwei Monate haben deshalb viele Leute gelernt, auf den Punkt zu kommen und fokussiert, sach- und projektorientiert zu diskutieren. 

Sie meinen: es gibt weniger Gockelgehabe? Dazu passt die Beobachtung, dass in Meetings von Home Office zu Home Office plötzlich die Hierarchien flacher sind. Der Chef ohne Schlips und Anzug, in einem ähnlich kargen Zimmerchen mit dürftiger Beleuchtung wie alle anderen – da diskutiert es sich weniger künstlich.

Das ist Punkt vier! In der analogen Welt spielen, man möchte es kaum glauben, in einigen Unternehmen auch heute noch die Insignien der Macht – das Vorzimmer des Chefs, die strenge Bürokraft, die einen erst mal Platz nehmen und warten lässt, das große Büro mit tollem Blick und grossem Schreibtisch – eine nicht unerhebliche Rolle.

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Warum unsere Chefs plötzlich so nett zu uns sind

Generation Y + VUKA = Zeit zum Umdenken

Wolfgang Jenewein Ecowin Verlag

In der digitalen Welt ist das alles weg. Die Hierarchien sind also gefühlt flacher geworden. Im Home Office sind zu einem gewissen Grad alle gleich: Zu Beginn etwas unsicher, dann aber bemerkend, dass man so auch besonders schnell voneinander lernt. Ganz ohne Standesdünkel. Ob Vorgesetzter oder nicht: Man gibt sich Mühe, dass es funktioniert, und das gelingt am besten, wenn sich alle auf Augenhöhe begegnen. 

Hat sich dadurch auch die Entscheidungskultur geändert?

Durchaus. Sie ist, wie der Dresscode des Chefs vor der Webcam, informeller geworden. Damit kommen wir zu Punkt fünf, dem verbesserten Zuhören. In den letzten Wochen haben viele von uns endlich auch gelernt, wirklich zuzuhören. Einerseits, wenn Widemann aus der IT, dessen Namen der Chef bisher kaum kannte, letzterem vor allen anderen schnell und einfach erklärt, wie er in den Audioeinstellungen von Microsoft Teams das richtige Mikrophon einstellt, damit er überhaupt gehört wird. Andererseits aber auch im Hinblick auf wichtige unternehmerische Entscheidungen:

Wer verstehen und richtig entscheiden will, muss zuerst zuhören. Dazu müssen die wichtigen Informationsträger zur Sprache kommen und aussprechen dürfen. In einem Umfeld, in dem alle gerade viel lernen, ist das besonders wichtig – und besonders produktiv.

Wolfgang Jenewein

Hinzu kommt, dass in der Situation am Bildschirm das Gehör eine größere Rolle spielt als am Konferenztisch: Wenn Sie auf ein verpixeltes, stockendes Bild starren, nützt ihnen das Auge weniger – also konzentrieren Sie sich besonders auf den Ton. Und wenn dieser dann noch mit etwas Verzögerung kommt, müssen Sie immer abwarten, bevor Sie antworten. Wenn Leute durcheinanderreden, versteht nämlich niemand etwas. Es bleibt Ihnen eigentlich gar nichts anderes übrig, als aufmerksam und bis zum Schluss zuzuhören. Und das ist eine wunderbare, heilsame Erfahrung!

Wie viel von dieser Erfahrung – und dem mitunter notgedrungen Gelernten – bleibt? Sprich: Was können wir in der „Neuen Normalität“, von der gerade alle reden, weiterhin brauchen? Denn hier existiert das Vorzimmer wieder, und das verpixelte Gesicht von Widemann aus der IT weicht wieder seiner ganzen Person, die dann doch wieder auf das Mitarbeitergespräch am Ende des Jahres warten muss…

Zunächst: Ich bin gar nicht sicher, ob die Rede von der „Neuen Normalität“ so sinnvoll ist. Denn der Begriff könnte missbraucht werden. Damit liesse sich beispielsweise suggerieren, dass die neuen Abstandsregeln ewig bleiben oder Tracing Apps dauerhaft eingesetzt werden müssen. Oder dass von nun an jederzeit von zu Hause gearbeitet werden kann, wenn man sich gerade danach fühlt. Die Diskussion ist im Moment noch sehr überhitzt und man sollte aufpassen, dass das „New Normal“ am Ende kein Albtraum wird.

Andererseits wird die „Neue Normalität“ aber als Sammelbegriff für bleibende, positive Erkenntnisse aus der Arbeitswelt in der Corona-Krise verwendet, die den Alltag auch in der Zeit danach vereinfachen können. Wie stehen Sie dazu?

Unbedingt. Ich glaube, wer jetzt ein sogenanntes „Beginner- oder Learnermindset“ aktivieren kann, hat unglaubliche Chancen, zu wachsen. Ob das gelingt, hängt aber stark vom Individuum und der jeweiligen Organisation ab, in der es arbeitet. Darum empfehle ich den Verantwortlichen in den Unternehmen, die Erfahrungen und Errungenschaften aus der Coronazeit in gemeinsamen Sessions mit den Mitarbeitern aufzuarbeiten.

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High-Performance-Teams

Genug von Mittelklasse-Mitarbeitern? So machen Sie Ihr Team zur Elite-Einheit.

Wolfgang P. Jenewein und Marcus Heidbrink Schäffer-Poeschel

In vielen Fällen haben wir gelernt, hierarchiefreier, unbürokratischer, fokussierter und empathischer miteinander zu arbeiten. Gleichwohl muss man sagen: Diese letzten Wochen haben uns auch gezeigt, wo die Nachteile dieser rein digitalen Arbeitswelt liegen.

Natürlich können Zoom-Meetings nicht in jedem Fall physische Meetings ersetzen. Arbeit ist auch immer Beziehungsarbeit, und Beziehungen entstehen über Begegnungen!

Wolfgang Jenewein

Sozialer Kontakt über Bildschirme ist schwieriger, weniger bewegend und emotionsarm. Es lassen sich Gefühle nur schwer übertragen, und häufig stellen wir fest, dass komplexe kontroverse Themen online nicht wirklich gelöst werden können, weil man die für die Lösung eines Konflikts durch die Körpersprache übertragenen Signale online schlicht nicht lesen kann.

Ganz grundsätzlich: Gibt es Mittel und Wege, wie man das Gegenüber in einer Videokonferenz wenigstens ein bisschen besser „spüren“ lernt? 

Ganz offen? Meine Hoffnung ist eher, dass wir bald wieder mehr physische Meetings haben, aber situativ auch entscheiden können, bei welcher Gelegenheit Webcam und Mikrophon vielleicht effizienter sind, und wofür man doch wieder eine anständige Hose anziehen muss. (Lacht.) „Remote-Identifikation“ ist nämlich beinahe unmöglich. Umso wichtiger ist es, dass man sich mit den transportierten Inhalten identifiziert. Wenn das der Fall ist, überträgt sich das auch auf das Gegenüber. Sie sollten sich also bei Präsentationen am Bildschirm weniger fragen „Kommt das gut an?“, dafür umso mehr: „Bin ich bei mir, kann ich dahinterstehen, bin ich überzeugt von dem, was ich präsentiere?“ Natürlich gelingt das nicht immer, und manchmal fällt es schwer, mit den Inhalten, die man weitergibt, „verheiratet“ zu sein. Aber wenn es der Fall ist, stärkt das den Selbstwert und Sie kommen in eine Art Flow – das spüren dann die anderen.

Das Beste aus zwei Welten also, von denen wir die eine gerade erst kennengelernt haben. Ist es für Sie als Wirtschaftswissenschaftler und Coach eigentlich interessant zu sehen, wie schnell vermeintliche Naturgesetze des Arbeitslebens – etwa, wenn es um das Für- und Wider des Home Offices geht, das bis vor kurzem in vielen Unternehmen stets mit dem Hinweis, dass es nicht überprüfbar sei, ob dann gearbeitet werde oder nicht, abgelehnt wurde – als Mythos entlarvt werden, wenn die Umstände es erzwingen?

Durchaus! Manchmal braucht es eben genau diese externen Schocks, damit einem klar wird, dass ein vermeintliches Gesetz doch nur eine dazu hochstilisierte Annahme war. Genau so überraschend war für mich, wie in der Krise plötzlich Abteilungen miteinander kooperiert haben, die sich vorher spinnefeind waren. Plötzlich waren ganze Projekte und IT-Lösungen innerhalb von Wochen realisierbar, die sonst Jahre in Anspruch genommen hätten oder zuvor schon x-mal gescheitert waren. Schlicht, weil die entsprechenden Abteilungen kooperieren mussten. Weil sie endlich mal miteinander an einem – digitalen – Tisch sassen und gemeinsam Lösungen suchten, von denen sie wussten, dass sie dringend nötig sind. Menschen ändern sich und ihren Zugang zu einer Sache eben in der Regel schneller und nachhaltiger, wenn sie eine Krise durchleben, die neue Einsichten generiert. Das gilt natürlich für das Home Office und Remote Work generell, es gilt aber auch für die für viele neuen Werkzeuge wie Microsoft Teams oder ZOOM, die man nun beherrschen lernen muss.

Zunächst muss man diese Tools aber sichten. In den vergangenen Monaten wurden wir geflutet mit Video- und Konferenzsoftwarelösungen. Welche haben Sie überzeugt?

In meinem beruflichen Alltag in der Ausbildung von Führungskräften und Studenten habe ich Skype und Teams von Microsoft getestet, dann auch ZOOM. Und ganz ehrlich? ZOOM hat mich eher überzeugt. Gerade wenn Sie mehrere Teilnehmer in einen Workshop integrieren wollen, ist Teams mit seiner limitierten Anzahl von Videofenstern pro Konferenz sehr limitiert. ZOOM lässt Sie alle Teilnehmer der digitalen Zusammenkunft wirklich sehen, und das gibt Ihnen ein wenig das Gefühl, wirklich vor ihnen zu sitzen, vor allem wenn Sie – wie ich – vor Gruppen von zwanzig, dreissig, manchmal hundert Teilnehmern referieren. Man sieht:

Die sind da, die schlafen nicht, oder bringen gerade den Müll raus. Wo das Gegenüber unsichtbar und „gemutet“ ist, wissen Sie nicht, wann und wo Fragen aufkommen. Oder noch schlimmer: ob das Ganze langweilig ist.

Wolfgang Jenewein
Damit kommen wir zur Abschlussfrage. Stichwort Intrinsische Motivation: Wie halte ich die hoch, wenn die physischen Bande zwischen dem Büroleben, also den Kollegen und mir, im neuen Remote-Work-Betrieb dünner werden?

Erinnern Sie sich einfach daran, warum Sie bei dem Unternehmen angefangen haben! Da kannten Sie viele Kollegen vielleicht noch nicht, aber wussten schon, dass Sie hier arbeiten wollen. Aber: Warum und wozu? Wenn man Leuten diese Frage stellt, antworten Sie nur sehr selten „Des Geldes wegen…“, oder „Es gab nichts Besseres“ – die meisten verbinden damit die Möglichkeit, ihre Talente richtig einzusetzen. Oder sie glauben, dass das Unternehmen etwas Sinnvolles macht, und glauben, sie können mit ihren Fähigkeiten einen Beitrag zu diesem Tun leisten. Fragen Sie sich also selbst: Warum sind Sie Journalist geworden?

Ich schreibe gern und freue mich, wenn ich einen komplexen Sachverhalt begriffen zu haben glaube – und ihn dann anderen erklären kann. Hier bei getAbstract unter Zuhilfenahme einer riesigen Wissensbibliothek, von der ich selbst täglich lerne.

Sehen Sie? So geht das den allermeisten. Sie suchen den Platz, an den sie passen – und im Prinzip werden Sie dort von drei Dingen motiviert. Erstens: Von der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Wenn man den Sinn in dem, was man täglich tut, nicht sieht, wird man die Arbeit auch nicht motiviert tun. Zweitens: Von der Gemeinschaft. Wer schon mal in einem Team arbeiten musste, in dem wirklich keiner Lust darauf hatte, weiß, wovon ich rede.

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Begeisterte Mitarbeiter

Wenn der Mitarbeiter Fan des Unternehmens ist, wird es auch der Kunde.

Wolfgang Jenewein, Marcus Heidbrink und Fabian Heuschele (Hg.) Schäffer-Poeschel

Wenn Sie in einer Organisation keine Community bilden, ist es keine Organisation, die den Namen verdient. Natürlich wird gerade das im Digitalen schwieriger, aber es ist nicht unmöglich. Und drittens: Von der Möglichkeit, zu wachsen.

Es gibt keinen mächtigeren Motivationskiller als persönliche oder professionelle Stagnation – wo die Perspektive fehlt, kommt niemand auf Touren.

Wolfgang Jenewein

In den letzten Wochen mag sich also der Platz, an dem Sie arbeiten, ins Home Office verlegt haben, und vielleicht wollen Sie dort sogar bleiben. Aber die Organisation oder das Unternehmen, in dem Sie Ihren Platz gefunden haben, ist weitgehend trotzdem dasselbe. Bei aller Hektik der letzten Monate lohnt es sich, sich daran zu erinnern und aufzurichten. Oder aber: Schritte einzuleiten, wenn man feststellt, dass nicht Corona oder mehr Remote Work Ihnen die Motivation ausgetrieben haben, sondern Ihnen schlicht der Sinn, die Gemeinschaft oder die Perspektive fehlt. Auch hier erweist sich die Krise als das, was sie vor allem war: eine Art Katalysator, der verdrängte Probleme schonungslos offenbarte und verdichtete, aber auch nachhaltige Lösungen in Rekordzeit ermöglichte.

Über den Autor
Wolfgang Jenewein ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und Führungscoach. Seit 2011 ist er Direktor des HSG-Instituts für Customer Insight (ICI-HSG).

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