Gekündigt – und jetzt!?
Esther Crawford war die Leiterin des Produktmanagements beim Nachrichtendienst Twitter. Sie galt als eine der zuverlässigsten Personen im Unternehmen, schlief sogar auf dem Boden neben ihrem Schreibtisch. Dennoch hat Twitter-Chef Elon Musk ihr gekündigt – er fand es wohl nicht so lustig, dass sie ein Bild von ihrem Nachtlager auf Social Media postete.
Esther ist kein Einzelfall. Wie sie werden gerade viele Mitarbeitende weltweit Opfer der „Kann-oder-muss-weg-Strategie“. So hat H&M gerade verlauten lassen, dass von den 3500 Mitarbeitenden in der Abteilung Business Tech in Stockholm 1500 bis Sommer ihren Platz räumen müssen. Google will sich gar von 12.000 Mitarbeitenden trennen. Und ein Traditionshaus wie das Schweizerische Jelmoli schließt seine Türen komplett – dabei verlieren 850 Menschen ihren Job.
Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Ob der Auslöser nun die Pandemie war, aktuelle kriegerische Auseinandersetzungen oder gekränkte Vorgesetzte: Viele Menschen – egal wie gut sie sind – bangen aktuell um ihren Job oder haben die Kündigung schon erhalten. Ein Moment, bei dem viele den Boden unter den Füßen verlieren. Finanzielle Ängste und psychische Ausnahme- und Schockzustände sind keine Seltenheit. Viele empfinden auch Scham. Sie fragen sich: Wie soll es weitergehen? Kann es überhaupt weitergehen? Was mache ich denn jetzt?
Das geschriebene Wort als Unterstützung
Vorweg: Bücher werden Sie in diesem Moment nur bedingt unterstützen können. Psychische Probleme sollten mit Fachpersonen besprochen werden und Rechtsberatung braucht echten Expertenrat. Und dennoch kann das geschriebene Wort Ihnen zumindest erste Anhaltspunkte dazu liefern, was nach einer Kündigung wichtig ist: welche rechtlichen Schritte möglich sind, wie Ihr weiterer Karriereweg aussehen könnte und wie Sie besser mit der Situation umgehen lernen. Wir haben daher einmal die wichtigsten Informationen aus unserer Bibliothek für Sie zusammengefasst und durch entsprechende externe Quellen ergänzt.
1. Rechtliches
Grundsätzlich und noch einmal: Wenn Ihnen gekündigt wurde, lassen Sie sich von Arbeitsrechtsexperten beraten. Sie unterstützen dabei, dass auch in einem emotionalen Ausnahmezustand alle Fristen und gesetzlich zu befolgenden Regeln eingehalten werden. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil hier jedes Land seine eigenen Regeln hat. So sind Sie in Deutschland zum Beispiel dazu verpflichtet, innerhalb von 21 Tagen eine Kündigungsklage einzureichen und sich innerhalb von drei Werktagen arbeitslos zu melden, um auch wirklich zu Beginn der Arbeitslosigkeit sofort Geld zu erhalten. In der Schweiz hingegen gilt: „Melden Sie sich arbeitslos, möglichst frühzeitig, aber spätestens am ersten Tag, für den Sie Arbeitslosengeld erhalten wollen. Je nach Wohnkanton müssen Sie dafür persönlich bei der Gemeinde oder beim regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) vorsprechen.“
Relevant ist zudem die Art der Kündigung.
- Die ordentliche Kündigung. Hier werden alle gesetzlichen, tariflichen und vor allem vertraglich festgelegten Regeln wie Fristen etc. eingehalten. Wichtig: Bei einer ordentlichen Kündigung muss der Arbeitgeber im Kündigungsschreiben keine Gründe angeben. Der Arbeitnehmer darf jedoch die Gründe mündlich erfragen.
- Die außerordentliche bzw. fristlose Kündigung: Diese erfolgt in aller Regel auf unangemessenes oder betriebsschädigendes Verhalten wie Arbeitszeitbetrug, Diebstahl, sexuelle Belästigung, Verstoß gegen das Wettbewerbsverbot, Betriebsspionage, grobe Verletzung der Treuepflicht oder Tätlichkeiten sowie Beleidigung gegenüber dem Arbeitgeber. Je nach Vergehen muss jedoch vorab eine Abmahnung ausgesprochen worden sein. In diesem Fall erfolgt in aller Regel eine rechtliche Auseinandersetzung, da eine Partei meistens schadensersatzpflichtig gegenüber der anderen ist.
- Die Änderungskündigung: Hier bleibt das Arbeitsverhältnis bestehen, jedoch werden Teile des Vertrags geändert. Auch hier sollten Sie den neuen Vertrag auf jeden Fall einem Experten vorlegen.
In Deutschland muss eine Kündigung dringend schriftlich erfolgen, in der Schweiz und Österreich kann dies auch mündlich passieren. In beiden Ländern muss der Arbeitgeber jedoch beweisen können, dass der Arbeitnehmer die Kündigung erhalten hat. Daher wird auch in der Schweiz in aller Regel schriftlich gekündigt. Tipp: Auch wenn ein Arbeitnehmer sagt, dass Sie sofort irgendetwas unterschreiben oder gewissen Regelungen schriftlich zustimmen müssen, sagen Sie Nein. Sie sind dazu gesetzlich nicht verpflichtet. Unterschreiben Sie also nichts, aber notieren Sie sich auf jeden Fall das Datum, an dem Sie über die Kündigung informiert wurden. Stichwort: Fristen.
Wichtige Links zu gesetzlichen Regelungen finden Sie hier:
2. Persönliches
JA, Sie dürfen sauer, traurig, verstört, empört und fassungslos sein. Sie dürfen die Welt nicht mehr verstehen und sich fragen: What the f***!? Wobei auch gesagt werden muss, dass, wenn Sie selbst die Kündigung wegen Fehlverhaltens herbeigeführt haben, vielleicht Selbstreflexion und absolute Ehrlichkeit gegenüber Ihrer eigenen Person die besseren Alternativen sind. Ansonsten ist es völlig normal, dass die ersten Tage für Sie zu einer emotionalen Achterbahnfahrt werden. Sie sollten sich nur nicht in dieser verlieren und irgendwann wieder aussteigen!
Steven C. Hayes schreibt in seinem Buch Kurswechsel im Kopf:
Wir behandeln das Leben als ein Problem, das einer Lösung bedarf, und nicht als Prozess, den es zu durchlaufen gilt.
Sicher braucht es im Normalfall mittel- und langfristig eine Lösung in Bezug auf eine neue Einnahmequelle. Kurzfristig aber sollten Sie sich auf den Prozess der Verarbeitung konzentrieren. Und diesen bewusst erleben, durchleben und – um es dramatisch auszudrücken – überleben. Ablenkung ist auf jeden Fall gut, aber Verdrängen nicht. Daher:
Die Kunst, in schwierigen Zeiten nicht durchzudrehen
Gräfe und Unzer Verlag- Konzentrieren Sie sich auf die Dinge, die Sie selbst in der Hand haben und bewusst verändern bzw. beeinflussen können. Schreiben Sie alles auf, was Sie beunruhigt, irritiert, verärgert, traurig oder wütend macht. Markieren Sie, was Sie von sich aus verändern können, und starten Sie am besten gleich damit. Wobei natürlich gilt: Nicht alles auf einmal. Priorisieren Sie. Sollten Dinge auf Ihrer Liste stehen, die Sie nicht beeinflussen können (die Kündigung, das Wetter, das Weltgeschehen, eine Pandemie etc.), sollten Sie nicht resignieren, aber diese Dinge akzeptieren lernen.
- Fragen Sie sich nicht nur, was Sie nicht mehr wollen, sondern auch, was Sie stattdessen wollen. Seien Sie hier sehr konkret. Schmieden Sie Pläne und seien Sie aktiv. Notieren Sie sich Ihre Ziele und auch, woran Sie messen, dass Sie diese erreicht haben.
- Lernen Sie, die guten Dinge in Ihrem Leben wahrzunehmen. Eine glückliche Partnerschaft, tolle Kinder, Gesundheit, ein sicherer Lebensort etc. Lenken Sie Ihre Gedanken bewusst darauf, was Positives in Ihrem Leben ist. Tun Sie dies am besten direkt einmal nach dem Aufwachen für 5 Minuten und ein zweites Mal am Abend vor dem Einschlafen.
- Akzeptieren Sie die Vergangenheit als vergangen. Sie werden diese nicht mehr ändern können. Leben Sie in der Gegenwart: Was ist jetzt wichtig? Was ist jetzt richtig?
- Reden Sie mit Ihrer Familie, mit Freunden und Fachleuten. Es ist wichtig, sich – auch wenn Sie eher introvertiert sind – nicht einzuigeln. Und wer weiß, manchmal hat vielleicht ein Gegenüber gerade gehört, dass irgendwo gerade eine Stelle frei geworden ist, die genau zu Ihnen passt … Bleiben Sie kommunikativ und aktiv.
3. Neu anfangen und Pläne machen
Sobald eine Kündigung erfolgt ist, ist sie real, aber zugleich auch Vergangenheit. Sie werden eine Kündigung nur selten rückgängig machen können oder das wollen. Wichtig ist also vielmehr, sie zu verarbeiten. Zu erfragen, warum es dazu gekommen ist, ist hier ein erster Schritt. Danach sollten Sie jedoch bewusst den Neuanfang planen.
Der Tag der Kündigung ist der erste Tag eines beruflichen Neustarts und damit einhergehend auch die stringente Fortführung Ihrer Karriere.
Karl Weber und Heinz-Wilhelm Vogel
Starten Sie mit dieser Einstellung! Sehen Sie die Kündigung als Chance auf einen (Neu)Anfang. Leichter gesagt als getan, das ist klar. Aber dennoch ist es einen Versuch wert. Setzen Sie sich mit Ihren Stärken und Werten auseinander und finden Sie den Job, der am besten zu Ihnen passt. Oder den Sie schon immer machen wollten. Wobei Sie – so als Tipp – das mit dem aktuell gern zitierten Purpose nicht so ernst nehmen sollten. Sehen Sie Ihren Job als etwas, das Ihnen ermöglicht, Ihr Wissen und Ihre Stärken optimal einzusetzen – und wobei Sie idealerweise auch noch Spaß haben könnten. Dann kommt das mit dem Sinn-voll von ganz allein.
Sieben wichtige Schritte auf dem Weg zu einem neuen Job:
- Optimieren Sie Ihre Bewerbungsunterlagen. Achten Sie auf Vollständigkeit und Aktualität. Bringen Sie Ihren Lebenslauf auf den Punkt, verfassen Sie Textbausteine für Ihr Motivationsschreiben, sodass Sie dieses für jedes Unternehmen schnell individuell anpassen können.
- Kommunizieren Sie offen und transparent, dass Sie einen neuen Job suchen. Nutzen Sie Ihr Netzwerk und die sozialen Medien. Seien Sie selbstbewusst und machen Sie nicht nur deutlich, dass Sie einen neuen Job suchen, sondern auch, welchen Job Sie suchen.
- Schreiben Sie eine Liste mit den Unternehmen, bei denen Sie gerne arbeiten würden. Schauen Sie auf deren Karriereseiten oder bewerben Sie sich initiativ. Seien Sie selbstbewusst und machen Sie deutlich, in welcher Position Sie am meisten bewirken könnten.
- Machen Sie die Suche nach einem neuen Job zu einer Vollzeitaufgabe, die Sie strukturieren und planen.
- Nutzen Sie verschiedene Medienformate für Ihre Bewerbung. Erstellen Sie zum Beispiel ein kurzes Video, das Sie, Ihre Fähigkeiten, aber auch Ihre Wünsche zusammenfasst. Geben Sie in drei Minuten Antworten auf „Bin ich, kann ich, will ich“.
- Nutzen Sie die Zeit während der Jobsuche zur Weiterbildung.
Seien Sie kreativ, wenn es darum geht, sich für einen neuen Job zu bewerben. „Pimpen“ Sie Ihren CV auf. Senden Sie kein 08/15-PDF, sondern gestalten Sie eine Imagebroschüre zu Ihrer Person. Machen Sie einen Videocall-Termin mit dem Personalverantwortlichen aus, auch wenn kein Job ausgeschrieben ist. Sagen Sie, dass Sie einfach gerne in 15 Minuten darlegen wollen würden, warum Sie eine Bereicherung für das Unternehmen wären. Nehmen Sie professionell ein Video auf, in dem Sie sich in 3 Minuten selbst beschreiben, und senden Sie dieses initiativ an die Firmen, bei denen Sie gerne arbeiten würden. Sprechen Sie hier über Ihre Stärken, Begabungen, Werte und positionieren Sie sich als lösungsorientiert.
Finden Sie Freude daran, sich Dinge wie diese auszudenken und umzusetzen. Versuchen Sie aktiv, sich die Zeit bis zum Start in einem neuen Job positiv zu gestalten. Und nutzen Sie alle Wege, die Ihnen zur Verfügung stehen, eine neue Aufgabe zu finden.