„Es hilft, wenn Sie Ihre schwere Zeit als Projekt sehen.“

Angst vor Veränderung, mentale Blockaden, plan- und zielloses Herumirren – Tom Diesbrock hat das alles selbst ausprobiert. Heute unterstützt er mit seinem praktischen Wissen Menschen bei der beruflichen Veränderung.

„Es hilft, wenn Sie Ihre schwere Zeit als Projekt sehen.“

Herr Diesbrock, warum geraten Menschen in eine berufliche Krise?

Tom Diesbrock: Oft ist die berufliche Krise zuerst eine individuelle Sinnkrise. So ist man vielleicht zufrieden im Beruf, erfolgreich, hat einen gewissen Status erreicht und eine Familie gegründet – und plötzlich steht die Frage im Raum: Ist das nun alles? Wenn ich mit 80 auf mein Leben zurückschaue, bin ich dann zufrieden? Problematisch wird’s, wenn diese Fragen dann aus Bequemlichkeit nicht beantwortet und weggeschoben werden. Dann ist das wie bei der Plattentektonik: Zwei Erdplatten reiben aneinander, bauen Druck auf. Und wenn der nicht abgelassen wird, rumpelt es irgendwann – schon ist die Krise da. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Gruppe derjenigen, die nie zufrieden in ihrem Job waren und vielleicht stets den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind. Oder weil der gewählte Beruf eben nach Karriere klang, nach „etwas Vernünftigem“. Und klar: Die, die unter Mobbing oder gar Burn-out leiden, geraten ebenfalls oft – und mitunter völlig unverschuldet – in die Krise.

Meistens sind die Situationen sehr komplex. Wie komme ich zu einem klaren Bild meiner Situation?

Essenziell ist, dass Sie nicht in Aktionismus verfallen. Das tun Menschen nämlich ständig: Sie stellen fest, dass da etwas verkehrt läuft, und wollen dann ganz schnell etwas ändern. Man kündigt oder man bewirbt sich einfach kopflos bei anderen Unternehmen. Das bringt meist wenig. Besser, Sie atmen erst einmal durch, verändern gar nichts und machen sich die Krise erst einmal bewusst. Denn wer die Krise nicht ernst nimmt – frei nach dem Motto: Ich bin zwar unzufrieden, mir geht es nicht gut, aber andere sind ja noch viel schlechter dran! –, macht die Sache nur noch schlimmer. Mein Rat: Sich zuerst eingestehen, in einer schwierigen Situation zu stecken, eine schwere Zeit zu erleben. Parallel dazu einen Gang zurückschalten und der Krise auf den Grund gehen.

Wie sieht das praktisch aus?

Ich empfehle immer, die Dinge aufzuschreiben, die einem auf der Seele liegen. Welche Gedanken, welche Gefühle beschäftigen einen? Was nehmen Sie als Symptome einer Krise wahr? Was nehmen andere bei Ihnen wahr? Haben Sie das getan, können Sie im zweiten Schritt schauen, wo Sie ansetzen wollen. Sie bringen so eine Struktur in den Prozess und das ist notwendig. Wenn ich mir Struktur und Zeit gebe, wird gewissermaßen aus einer schwierigen Zeit ein Projekt. Und dann bin ich schon auf dem Weg zur Lösung.

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Kopf aus dem Sand!

Mit Mut und kühlem Kopf aus der beruflichen Krise.

Tom Diesbrock Campus Verlag
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Wie schaffe ich es, die Kraft aufrechtzuerhalten, Veränderungen voranzutreiben, dranzubleiben?

Das ist nicht einfach. Wir Menschen neigen dazu, an einem guten Tag, am Freitagabend oder wenn der nächste Urlaub in Sicht ist, schnell zu sagen: Ist ja gar nicht so schlimm. Und dann rutschen Sie wieder ins Verleugnen. Doch genau hier hilft es, wenn Sie Ihre schwere Zeit als Projekt sehen. Diesem widmen Sie dann Zeit und Aufmerksamkeit, bearbeiten es Schritt für Schritt – und halten so die Motivation aufrecht. Tage, an denen Sie resignieren, keine Lust und keine Kraft haben, sind menschlich. Die dürfen Sie auch durch- und erleben. Krisenarbeit ist Aufbauarbeit: erst einmal zu erkennen, was eigentlich los ist, und nicht gleich nach einer Lösung zu suchen.

Stichwort: destruktive Muster. Welche gibt es und was kann ich dagegen tun?

Darüber ließe sich ein Buch schreiben (lacht). Aber klar: Es gibt ein paar markante Muster. Destruktive Selbstkritik, zum Beispiel. Destruktiv wird sie, wenn sie nicht differenziert ist. Der berühmte innere Kritiker mit seinem Schwarz-Weiß-Denken, das niemandem gerecht wird. Aber auch Perfektionismus gehört dazu, der ist nämlich in aller Regel von Angst getrieben. Das gilt für alle destruktiven Muster: Sie alle werden getriggert und getrieben durch Ängste.

Welche sind besonders weit verbreitet?

Die Angst, ausgelacht zu werden, nicht gut genug zu sein. Angst, zu scheitern oder als Träumer entlarvt zu werden. Perfide ist unser weitverbreiteter Umgang damit, denn zum Beispiel das sehr menschliche „Augen zu und durch“ – nach dem Motto: Ich muss mich einfach noch mehr anstrengen! Das wird schon gut werden! – führt meist in eine Sackgasse. Solches Denken ist nicht erwachsen, es ist nicht professionell.

Sie sprachen eben den Jobwechsel schon an. Ist das grundsätzlich keine gute Idee?

Ein Jobwechsel ist immer eine Option. Doch es ist wichtig, erst einmal eine genaue Analyse zu machen und nicht kopflos zu handeln. Eine Notkündigung beispielsweise erhöht nur den Druck und nicht selten bewirbt man sich in diesem Fall wieder auf den gleichen Job, eben nur in einem anderen Unternehmen.

Wer erst einmal die Faktoren seiner Krise erarbeitet, der kann darauf aufbauend verschiedene Optionen entwickeln.

Tom Diesbrock

Fragen Sie sich: Was stört Sie in diesem Job? Was macht ihn so schwierig, langweilig, herausfordernd, dass man sich damit nicht wohlfühlt? Was möchte man verändern? Wer sich diese Fragen ehrlich beantwortet, kann daraus Schlussfolgerungen ableiten und dann Optionen entwickeln. Es geht um Veränderungen, und die können kleiner und größer sein. So können Sie, wie gesagt, das Gleiche an einem anderen Ort tun. Wenn der Ort das Problem war, ist das eine Option: Wenn Sie zum Beispiel bislang PR innerhalb einer industriellen Organisation gemacht haben und zukünftig PR für eine gemeinnützige Organisation machen, kann das viel verändern. Sie sehen vielleicht plötzlich mehr Sinn im eigenen Tun. Oder aber Sie machen etwas ganz Neues, etwas ganz anderes – dann nämlich, wenn der Ort gar nicht ausschlaggebend ist. Das sollten Sie aber zuerst festgestellt haben.

Sie beschäftigen sich eingehend mit dem mentalen Selbstmanagement. Was versteht man darunter?

Es geht hier um den Umgang mit meinen Wünschen, meinem Wollen, mit meinen inneren Bremsen, Ängsten und Zweifeln. Also all die Dinge, die mich ausmachen. Wenn ich die Ängste und Zweifel ans Ruder lasse, werde ich mich selbst nicht gut managen können.

Ein praktisches Beispiel?

Wenn ich in ein Bewerbungsgespräch gehe und der Angst die Hoheit abtrete, mache ich mich wahrscheinlich klein und rechtfertige mich die ganze Zeit. Das kommt nie gut an. Mentales Selbstmanagement bedeutet, dafür zu sorgen, dass Zweifel und Ängste nicht ans Steuer kommen. Sich ganz von ihnen lossagen geht natürlich auch nicht, aber wir können professionell und erwachsen mit ihnen umgehen. Das kann man lernen.

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Zusammenfassung (Buch)

Hören Sie auf, sich im Weg zu stehen

Wie Sie die Handbremse in Ihrer Persönlichkeitsentwicklung lockern.

Tom Diesbrock Verlag Herder
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Wie kann ich mentales Selbstmanagement trainieren?

Indem Sie sich zuerst einmal eingestehen, was Sie als erwachsenen, professionellen Menschen ausmacht. Fragen Sie sich: Wovon bin ich überzeugt? Auch wenn wir uns hier gerne schwertun: Es zeigt sich immer wieder, dass jeder Mensch sich selbst recht gut einschätzen kann. Dann gilt es, Gedanken und Gefühle danach zu sondieren, ob sie nun durch Ängste und Zweifel entstehen oder auf Ihren Überzeugungen beruhen. Ist das erwachsen, was ich da tue, oder lasse ich mich von etwas „Falschem“ verleiten? Denke ich gerade schwarz-weiß oder kann ich differenzieren? Oder Sie nutzen den Perspektivwechsel für sich. Was würden Sie einer Freundin, einem Freund raten, wenn er in Ihrer Situation stecken würde? Ihr oder ihm sagen Sie ja auch nicht, dass er das gleich lassen kann, weil es nichts bringt. Da würden Sie wohl eher raten, es zumindest zu versuchen. Bei anderen Menschen sind wir meistens viel klarer, viel analytischer, viel differenzierter, als wenn es um uns selbst geht.

Andersherum: Was funktioniert ganz sicher nicht?

Vergessen können Sie diese ganzen Bücher, die mit Versprechen locken wie „In drei Tagen zum Glück“ oder „Nach sieben Tagen Burn-out-frei“ – das funktioniert nun einmal nicht. Es ist harte Arbeit, an den eigenen destruktiven Mustern und negativen Gefühlen und Gedanken zu arbeiten, denn die haben Sie wahrscheinlich schon einige Jahrzehnte kultiviert. Und unser Gehirn ist denkfaul, es hält sich gerne an Vertrautes und Bewährtes. Ein wirkliches Anders- oder auch Neu-Denken zu verfestigen, das benötigt Zeit.

Manchmal basieren berufliche Krisen ja auch auf äußeren Faktoren, wie jetzt in der Coronakrise. Viele fühlen sich machtlos der Situation ausgesetzt. Was kann ich in solchen Situationen tun?

Ein anschauliches Beispiel, denn Corona hat vielen Menschen die Strukturen „geklaut“. Plötzlich sitzt man allein daheim und muss sich selbst organisieren. Und das beginnt mit dem Arbeitsplatz, der einem bislang im Büro bereitgestellt wurde und um den man sich keine Gedanken machen musste. Und es geht bis zu dem Punkt, wo man in Kurzarbeit ist oder eben gar nicht mehr arbeiten kann. Plötzlich fallen alle Strukturen weg und auch die Ziele, die von außen geliefert wurden – von der Chefin, der Führungskraft oder auch den Kunden. Dann muss ich meinen Tag strukturieren, mir Themen suchen, mit denen ich mich beschäftige. Vielleicht bilde ich mich auch weiter. Wichtig ist: Ich muss die Sache wirklich selbst in die Hand nehmen. Daran komme ich nicht vorbei, da ich sonst Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit kultiviere. Corona hat also für viel Planlosigkeit gesorgt, ich sehe aber auch, dass man mit der Zeit gelassener damit umgeht. Sicher will man wieder reisen, aber wenn es eben nicht im kommenden Monat geht, dann vielleicht in zwei oder drei Monaten. Es hilft, sich selbst Ziele zu stecken, Rituale zu schaffen. Denn:

Durch das Homeoffice haben wir mehr Distanz zur Arbeit und viele fragen sich, was sie noch mit ihrem Berufsleben anfangen wollen.

Tom Diesbrock

Diese Leute machen Corona nicht selten zu ihrem Projekt und denken aktiv über ihre Zukunft nach. Und wer sich so aktiv mit seiner Lebensgestaltung auseinandersetzt, hat definitiv bessere Voraussetzungen, einen weiteren Lockdown oder erneute Kurzarbeit zu überstehen.

Und wenn ich wirklich schon tief drinstecke in der depressiven Verstimmung oder einen Burn-out habe? Dann sollte ich mir schnell professionelle Hilfe suchen, oder?

Zur depressiven Verstimmung oder zum Burn-out kommt es ja nicht selten, weil wir Menschen einen Tunnelblick haben. Wir fokussieren uns nur noch auf den Stress, was zur Folge hat, dass Stresspegel und Stresslevel immer weiter ansteigen. Dieser Fokus ist uns angeboren und macht oft durchaus Sinn: Wenn ein Bus auf uns zurollt, konzentrieren wir uns nur noch auf den Bus, seinen Weg, und damit auch unseren rettenden Ausweg. Doch das gleiche System greift in unserem Kopf auch in einer beruflichen Krise: Ich sehe nur noch das Problem. Und je weiter dieser Prozess fortschreitet, desto mehr braucht dieser Mensch Hilfe von außen. Am Anfang, wenn sich die ersten Anzeichen zeigen, kann man als Freund dabei noch unterstützen. Doch das braucht auch Mut, denn es muss eine klare Ansage sein, die nicht irgendwie freundlich verpackt werden darf. Ist der Prozess jedoch fortgeschritten, werden Sie nicht mehr zu diesem Menschen durchdringen. Dann braucht es professionelle Hilfe, Klarheit und Härte. Besonders wenn sich schon körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit, Herzprobleme und Tinnitus zeigen, muss der Mensch – auch gegen seinen Willen – aus dem beruflichen Verkehr gezogen werden. Der erste Schritt ist eine Krankschreibung, die auch der Hausarzt ausstellen kann.

Was kann ich denn als Kollege, Führungskraft oder auch Freund und Familienangehöriger tun, wenn ich sehe, dass jemand in eine solch ausweglose Lage hineinrutscht?

Als Führungskraft sind Sie verpflichtet, den Menschen damit zu konfrontieren. Sie müssen auch zwingend die Personalabteilung hinzuziehen. Vielleicht auch den Betriebsarzt, wenn Sie in einem großen Unternehmen arbeiten. Leider jedoch findet das in der Regel nicht statt, das Abrutschen wird billigend in Kauf genommen. Denn so ein Mensch arbeitet eben sehr viel, und zwar so lange, bis er dann zusammenklappt. In vielen Unternehmen ist dann die Logik: Nun kann jemand anderes übernehmen. Eine Führungskraft, die das Zusammenklappen in Kauf nimmt, ist entweder selbst nicht mehr auf der Höhe – oder sie handelt vorsätzlich. Unter Freunden sollten Sie sich bei akuten Bedenken aktiv in das Leben des anderen einmischen, indem Sie vielleicht sagen: Heute Abend um sieben hole ich dich zum Essen ab. Ich stehe vor deiner Tür und du gehst mit – dann reden wir! Das ist sicher grenzüberschreitend, aber wenn jemand auf der Kippe steht, braucht es dieses Vorgehen.

Was mache ich, wenn der andere abwiegelt oder sich sogar wehrt?

Der andere ist ein erwachsener Mensch, und Sie haben keinen Auftrag. Es ist immer schwer, jemandem zu helfen, der einem keinen Auftrag dazu gegeben hat. Wenn Ihr Gegenüber also sagt, dass Sie ihn in Ruhe lassen sollen, dass Sie Unsinn reden – dann müssen Sie das akzeptieren. Sie dürfen jedoch in solch einem Moment auch klar auf Abstand gehen und deutlich machen, dass Sie sich das Elend nicht länger anschauen werden. Hier geht es dann auch um Selbstschutz, darum, sich eben nicht auch noch mit runterziehen zu lassen. Ganz grundsätzlich gilt: Bleiben Sie bei sich, managen Sie sich und Ihre Krise. Nur wer das tut, kann auch für andere eine Hilfe sein.

Über den Autor:
Tom Diesbrock ist Psychotherapeut und Coach mit Schwerpunkt berufliche Neuorientierung. Außerdem hat er zahlreiche Sachbücher geschrieben – unter anderem Hören Sie auf, sich im Weg zu stehen.


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