„Man lernt nur für den nächsten Test oder einen guten Abschluss.“

Was kann und muss Bildung heute leisten? Wie wird das künftige Leben aussehen, für das unsere Kinder seitenweise Formeln und Fakten pauken? Viele kluge Menschen haben sich darüber schon die Köpfe zerbrochen. Ich habe den Spieß umgedreht und die Person befragt, die es am meisten betrifft: Meine Tochter.

„Man lernt nur für den nächsten Test oder einen guten Abschluss.“

„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ So sprach Seneca vor 2000 Jahren in seiner bitteren Abrechnung mit dem römischen Schulsystem. Und heute? Schul- und Weiterbildung wird als Tor zu einem glücklichen und erfüllten Leben gepriesen. Doch irgendwo scheint uns der Schlüssel dazu verloren gegangen zu sein. Das behauptet zumindest unsere 14-jährige Tochter. Ich habe sie für getAbstract zu den Idealen und den Realitäten des Lernens befragt und werde in den kommenden Monaten an dieser Stelle die Kritik und Anregungen unserer Tochter aufnehmen, weiterspinnen, Wissenschaftler dazu interviewen und versuchen, neue Antworten auf alte Fragen zu finden. Mehr zur Motivation und zum Stand dieses Projekts erfahren Sie hier:

Jeder Themenkomplex des entstandenen Gesprächs wird von Kommentaren, Experteninterviews und Leselisten flankiert, die Aufschluss darüber geben sollen, inwieweit die Perspektive unseres schulmüden Kindes und die Perspektive der Wissenschaft in dieser Frage übereinstimmen.

Das Gespräch dient also als roter Faden durch ein komplexes Thema, Monat für Monat werde ich ihm neue Beiträge hinzustellen, die das Gesamtbild vervollständigen sollen. Auf diesem Wege lernen Leser, ich selbst als Autorin und Mutter und nicht zuletzt unsere Tochter – und zwar gemeinsam.

Michka, Du bist jetzt 14 und hast rund 8,5 Jahre Schule hinter dir. Was hast du in dieser Zeit gelernt?

Lesen, Rechnen, Italienisch…aber ich nehme an, die Frage bezieht sich auf abstraktere Konzepte. Ich habe gelernt, das zu sagen, was andere Leute von mir hören möchten. Es ist eine Fähigkeit, die ich gerade versuche mir abzugewöhnen, denn ich finde erstens, dass es eine Form von Lügen ist, und zweitens ist es äußerst entmündigend. Am Ende der Mittelschule sagte mir meine Englischlehrerin in einem vorwurfsvollen Ton, sie sei enttäuscht von mir, weil ich mich in ihrem Unterricht nicht so angestrengt hätte wie in anderen Fächern (ich bin Englisch-Muttersprachlerin.) Sie habe gedacht, ich könnte eine Ressource für die Klasse sein, aber da habe sie sich leider in mir getäuscht. Anstatt ihr zu sagen, was mir alles an ihrem Unterricht nicht gefallen hat, antwortete ich defensiv – also nicht so, wie es meiner Überzeugung entsprach, sondern so, wie man es von mir erwartete. 


Kommentar

Die Bildungskrise als Chance

Viele Familien und Pädagogen sind nach wochenlangem Homeschooling mit ihren Nerven am Ende. Doch das Chaos weckt auch Hoffnungen auf einen Neuanfang.


Was hat dir im Unterricht gefehlt?

Ich finde, konstruktiv über Themen nachzudenken und sie diskutieren zu können, ist die wichtigste Fähigkeit von allen. Dennoch wird sie in der Schule überhaupt nicht gefördert. Als im Geschichtsunterricht der Codex Hammurapi durchgenommen wurde, haben wir nicht etwa darüber gesprochen, wie dieser als einer der ersten Gesetzessammlungen die Geschichte unseres Rechtssystems beeinflusst hat, oder was dieses uralte juristische Relikt über die Natur der Menschheit sagt. Nein, wir mussten die Höhe der Stele auswendig lernen (2,25 m!). Selbst bei der Erörterung im Italienisch-Unterricht ging es nicht darum, eigene Ideen zu entwickeln und zu verteidigen, sondern eine von der Schule genehmigte Meinung mit möglichst abstrakten und politisch korrekten Argumenten zu bestätigen. Also klänge eine gute Erörterung verkürzt dargestellt so: ,,In den Medien hört man immer wieder von tragischen Fällen des sogenannten Cybermobbings – was ist deine Meinung dazu?“ Antwort: „Alle Arten von Diskriminierung sind schlecht, weil sie gemein sind.“


Interview

„Es gibt keine faulen Schüler. Es gibt nur unmotivierte Schüler.“

Der Hirn- und Lernforscher Gerhard Roth im Gespräch über die Chancen und Grenzen des Schulsystems, die Motivation von Kindern und alternative Lernkonzepte.


Warum lernst du überhaupt? Was motiviert dich dazu?

Mir bereitet es große Freude, argumentieren zu können. Obwohl das in der Schule als solches nicht gefördert wird, ist eine Grundkenntnis von Politik, Kultur und Geschichte wichtig, um sich überhaupt eine Meinung bilden zu können. Außerdem: Lernen macht mir schlicht und einfach Spaß.

Was demotiviert dich?

In der Schule geht es meist darum, möglichst viel Stoff oben reinzustopfen und abzufragen, was unten rauskommt – ohne irgendetwas zu hinterfragen. Man lernt nur für den nächsten Test und einen möglichst guten Abschluss. Dabei wird angenommen, dass alle im Leben den gleichen Wunsch hätten: Auf eine gute Uni zu gehen, um einen angesehenen Job zu ergattern (wenn es gut geht, macht er dir sogar Spaß!), und sich dann ein großes Haus und viel Zeugs anzuschaffen; dann wirst du glücklich sein. Ich persönlich habe aber kein großes Interesse daran und finde es viel spannender zu reisen und Neues zu lernen. Deshalb ist es erschöpfend, ständig zu hören, dass dieses und jenes mir im späteren Berufsleben nützlich sein wird. Denn das bezweifle ich stark.


Artikel

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Ende des kuratierten Teils / Nächstes Update am 13.7.2020

Wenn du dir, um eine deiner ehemaligen Lehrerinnen zu zitieren, „deine eigene Schule stricken könntest“ – wie sähe die aus?

Das hängt von einem wichtigen Faktor ab – geht es um die beste Schule für mich persönlich, oder darf ich ein komplett neues System gestalten? Das Stichwort „Inklusion“ – eigentlich fast schon ein Tabu – hat mich meine ganze Schulkarriere lang verfolgt. Ich habe dazu eine sehr gespaltene Meinung: Einerseits ist das Konzept super. So soll die Bildung aller Schüler gefördert werden, und Kinder lernen von klein auf andere Realitäten als die eigene kennen. Andererseits hat es meiner Erfahrung nach nie die erhofften Resultate erzeugt: Besonders in der Mittelschule (6. bis 8. Klasse) hatte ich das Gefühl, dass niemand von den gemischten Klassen profitierte. Die Schüler mit Lernschwäche bekamen nicht die Aufmerksamkeit, die sie benötigten, und ich fühlte mich ständig so, als sei ich die einzige motivierte Schülerin (zusammen mit wenigen anderen, denen es aber gefühlt nur um die Note ging). Die Lehrer waren frustriert, weil nicht alle gleich gut abschnitten. Das von Pädagogen erhoffte Klassenzugehörigkeitsgefühl, bei dem alle einander einfach schrecklich lieb haben und sich deshalb gegenseitig helfen, hat sich auch nicht eingestellt. Die meiste Zeit gab es zwar keine offene Feindseligkeit, aber dass ich das überhaupt erwähnen muss, ist kein gutes Zeichen. Zurück zur Ausgangsfrage: Mir persönlich würde eine Schule, in die nur motivierte Schüler gehen, am besten dienen. Aber wenn es um das Gut aller Schüler geht, muss Inklusion neu erfunden werden.

Was soll Bildung leisten, um dich auf die Zukunft vorzubereiten – eine Zukunft, wie du sie dir für dich persönlich aber auch für die Welt im allgemeinen vorstellst? Stichworte: Klimawandel, Automatisierung, digitale Arbeitswelt…

Erstens finde ich es wichtig dass Schulen aufhören, gedankenlosen Konsum beizubringen: Nicht jedes Fach braucht eine eigene Mappe, nicht jedes Blatt Papier braucht eine eigene Plastiktüte, und man braucht auch nicht zehn verschiedenfarbige Kulis, um eine Matheaufgabe zu lösen. Dabei geht es nicht unbedingt darum, ob pro Schüler 10 oder 100 Plastiktüten produziert werden (obwohl das auch wichtig ist), sondern um die Denkweise, die ein Kind so lernt: ,,Mein Pulli hat ein Loch… dann kaufe ich mir eben einen neuen.“ Ich behaupte nicht, dass die Überlebensfähigkeit unseres Planeten einzig und allein von den Schulen abhängt, aber sie könnten immerhin ein anderes, besseres Vorbild abgeben. Zweitens muss ich zugeben: Ich glaube nicht, dass genügend Jobs in kreativen und naturwissenschaftlichen Branchen entstehen werden, um die durch die Automatisierung verloren gehenden Arbeitsplätze zu ersetzen. Dennoch, wenn überhaupt Hoffnung bestehen soll, die neue Generation auf den digitalen Arbeitsmarkt vorzubereiten, muss unbedingt kritisches und kreatives Denken gefördert werden. Selbst (besonders!) in Fächern wie Mathe: „Weshalb funktioniert diese Formel?“ nicht: „Lerne auswendig, wie sie funktioniert und wann man sie anwenden darf.“

Häufig hört man das Argument: „In der Schule lernt man fürs Leben, weil man gezwungen wird, mit Leuten umzugehen und Dinge zu tun, die man nicht mag. Das sind wesentliche Fähigkeiten fürs spätere Berufsleben.“ Wie stehst du dazu?

Ich habe seit einiger Zeit beschlossen, im Moment zu leben. Es ist nämlich ziemlich deprimierend davon auszugehen, dass wir die Kindheit damit verbringen, fürs Leben als Erwachsene zu lernen, um dann das Erwachsenenleben damit zu verbringen, für die Rente zu arbeiten und uns erst im letzten Drittel unseres Lebens damit zu beschäftigen, mal richtig Spaß zu haben. Natürlich kommt einem das Leben nicht entgegen. Doch egal wie viel man sich vorbereitet, man kann nicht auf alles im Voraus eine Antwort haben.

„Soft Skills“, also die Fähigkeit zum Umgang mit Menschen aller Art, gelten heute als entscheidende Voraussetzung für Erfolg. Wie lernt man Soft Skills deiner Meinung nach am besten?

Ganz ehrlich – im Internet. Mir ist nämlich mehrmals aufgefallen, dass die Leute in der Schule in Wahrheit genau dem Gegenteil von Vielfalt entsprechen. Da spielt sicher auch der Kleinstadt-Faktor eine entscheidende Rolle, aber trotzdem finde ich. dass die Schule eigentlich nur den Umgang mit einer bestimmten, überwiegend sehr angepassten Art Mensch lehrt. Dabei ist doch eines der Versprechen der digitalen Arbeitswelt, dass Meinungsvielfalt viel wichtiger sein wird. Wenn man lernen will, Trolle nicht zu beachten – was ja auch zu den Soft Skills zählt – sind Internet-Kommentare die beste Art, sich mit unterschiedlichen Meinungen auseinanderzusetzen und zu lernen, wie der Umgang damit überhaupt geht.

Eine weitere Schlüsselfähigkeit ist das Transferdenken, also die Fähigkeit, Gelerntes auf andere Bereiche übertragen zu können. Wie, wenn überhaupt, wird das in der Schule gelehrt?

Meiner Ansicht nach wird das in der Schule kaum gefördert oder gar gelehrt. Ich hatte beispielsweise eine Klassenkameradin, die super lernen konnte. Sie saß stundenlang an ihrem Schreibtisch und büffelte, bis sie sich genau eingeprägt hatte, wann genau der Spanische Bürgerkrieg stattgefunden hatte, wie Deutschland und Italien darin beteiligt waren etc. Am nächsten Tag hatten wir Erdkundeunterricht, und sie fragte mich, ob Portugal die Hauptstadt von Madrid sei. Also nein, in der Schule kommt das kaum vor.

Auch Teamfähigkeit gehört dazu: Was sind deine Erfahrungen mit Projektarbeit?

Als ich in der Mittelschule war, hasste ich die: Sobald eine Lehrerin ein Projekt vorschlug, bedeutete es, dass ich die nächste Woche damit verbringen würde, die ganze Arbeit allein zu machen. Danach würde ich meinen Teammitgliedern genau erklären, was sie Wort für Wort bei der Vorstellung des Projekts zu sagen hätten. Ich hätte sie bestimmt dazu bringen können, einen Teil der Arbeit sehr widerwillig zu tun, aber sie verstanden unter Projektarbeit „Die Streberin macht alles“. Mir war es am Ende wichtiger, ein halbwegs akzeptables Ergebnis zu produzieren. Am Gymnasium war es eine ganz andere Geschichte: Es gab endlich mal auch andere Leute, die einen Teil der Arbeit übernahmen und Ideen dazu hatten, wie man das Projekt kreativ gestalten könnte. Ich hatte richtig Spaß daran. Meine Hoffnung ist also – wenn ich mich irgendwann in einem Team zurechtfinden muss – dass die Teammitglieder sich eher wie Letztere verhalten.

Abschließend ein Blick in die Zukunft: Welche Ziele hast du für dein Leben nach der Schule?

Reisen, und zwar viel und überall in der Welt. Mit Blick auf ein späteres Studium interessiere ich mich für Architektur oder MINT-Fächer, aber einen solchen Job möchte ich nur, wenn er mir erlaubt, permanent unterwegs zu sein (möglicherweise ohne Zuhause). Mein größter Wunsch ist es, kreativ tätig zu sein, aber gleichzeitig alle meine Sachen in einen Rucksack packen zu können, einschließlich Klamotten und Elektronikgeräte, und einfach mal hier, mal da ein paar Monate zu wohnen. Ich weiß aus eigener Erfahrung – von den vielen Reisen, die meine Eltern mit mir unternehmen – wie befreiend es sich anfühlt, weniger Sachen zu haben. Denn es erlaubt mir, mehr auf das zu achten, was um mich herum vorgeht.

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