„Gute Führungskräfte verteilen nicht nur Aufgaben, sondern befähigen ihre Leute“

Junge Digital Natives träumen von unendlichen Freiheiten – und treffen in Schulen, Unis und Unternehmen weiterhin auf verstaubte Inhalte und Old-School-Führung. Wie geht es besser? Florian Feltes, Jahrgang 1985, Ex-Lehrer, Professor für Digital Leadership und Mitgründer des KI-Start-ups Zortify, verrät es uns.

Florian Feltes / zvg.

getAbstract: Herr Feltes, sind Sie gern zur Schule gegangen?

Florian Feltes: Ja, unbedingt. Ich war immer sehr neugierig, bin gerne unter Leuten – und komme aus einem winzigen Ort in der Eifel, mit 250 Einwohnern und mindestens ebenso vielen Kühen. Daher war in der Schule schon immer etwas mehr los. Außerdem habe ich bis zur 10. Klasse die Realschule besucht, weil alle meine Freunde dorthin gegangen sind. Das war sehr praxisorientiert –Schwarzpulver herstellen, technisches Zeichnen und ähnliches. Ich habe es nie bereut, weil ich dort viele Dinge ausprobieren konnte, die nicht auf dem gymnasialen Lehrplan standen.

Sie haben nach dem Abitur Sport, Geographie und Erziehungswissenschaften auf Lehramt studiert, das Referendariat abgeschlossen und Ihre erste Festanstellung mit Aussicht auf Verbeamtung ausgeschlagen. Warum?

Das lag eindeutig nicht an den Schülern, sondern am System, in dem ich mich gefangen fühlte. Denn vieles von dem, was Lehrer machen müssen, hat gar nichts mit dem Lehrberuf zu tun – wie stundenlang in Konferenzen zu sitzen und über Dinge zu diskutieren, die sie eh nicht ändern können. Dabei gibt es vieles, das wir in Frage stellen und im Sinne einer guten Ausbildung verändern sollten: Sind die alten Lehrpläne überhaupt noch sinnvoll, vor allem mit Blick auf Digitalisierungsthemen? Was sind die Bedürfnisse der Schüler? Und für wen bilden wir eigentlich aus? Für mich gilt: Love it, change it or leave it – und am Ende war die Liebe einfach nicht groß genug.

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Revolution? Ja, bitte!

Der Führungsstil der digitalen Zukunft: Social Leadership.

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Heute lehren Sie Digital Leadership an der Uni und helfen Unternehmen, eine neue, generationenübergreifende Führungskultur zu etablieren. Was sind die größten Baustellen?

Führung ist häufig noch rein transaktional. Sie basiert – wie in der Schule – auf Command and Control: Die Leute kommen morgens zur Arbeit, hängen ihre Jacke an den Haken, ihren Kopf daneben und arbeiten irgendetwas ab, ohne sich über die Folgen Gedanken zu machen.

Letztlich machen viele Führungskräfte ihre Mitarbeiter abhängig von sich.

Florian Feltes

Bei ihnen laufen die Fäden zusammen und sie führen die Mitarbeiter wie Marionetten. Diese Manager sagen dann: Wieso, ich delegiere doch und gebe damit Verantwortung ab!? Doch zwischen Delegieren und Empowerment besteht ein großer Unterschied. Gute Führungskräfte verteilen nicht nur Aufgaben, sondern befähigen ihre Leute dazu, selbst Probleme zu sehen, eigene Lösungen zu entwickeln und unternehmerisch zu handeln. Dazu gehört, sie möglichst früh in Entscheidungsprozesse einzubinden, Wissen mit ihnen zu teilen und Macht abzugeben. Nur so können sie frei entscheiden und auch mal einen ganz anderen als den üblichen Weg einschlagen.

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Stichwort Freiheit: In Revolution? Ja bitte! schreiben Sie, dass Digital Natives kreativ und frei sein und die Welt verbessern möchten – aber oft auch unsicher und unentschieden sind. Als Mutter zweier Teenager kann ich sagen: Kluge Führung wird da leicht zum Oxymoron.

Klar, das ist eine Herausforderung. Erst einmal muss man sagen, dass junge Menschen heute viel mehr Möglichkeiten haben als frühere Generationen: Allein in Deutschland standen im vergangenen Jahr 16.000 verschiedene Studiengänge zur Auswahl. Umgekehrt werden sie aus einem Bildungssystem entlassen, das zuletzt immer stärker verschult wurde. Sie haben es oft nicht gelernt, sich selbst zu organisieren und eigene Entscheidungen zu treffen. Das muss ihnen dann häufig in Traineeships vermittelt werden. Führungskräfte sollten außerdem Sicherheit und Orientierung bieten und eine vorwärtsgerichtete Personalentwicklung betreiben. Nicht fragen: „Was hast du bisher gemacht, und was folgt darauf logisch als nächstes?“ Sondern: „Was möchtest du zum Gelingen des Projekts oder zum Teamerfolg beitragen, was kannst du davon direkt in die Waagschale werfen, und wo möchtest du dich noch weiterentwickeln?“

Aber genau das ist nach Ansicht mancher Babyboomer unmöglich. Sie lästern über die Generationen Y und Z als zaudernde „Generation Why?“ und anmaßende „Generation Zombie“.  Was antworten Sie darauf?

Diese Debatte ist doch so alt wie die Menschheit. „Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“ – das Zitat wird unter anderem Aristoteles zugeschrieben. Klar, die älteren Generationen stehen nicht mehr so im Zentrum des Geschehens, sie verstehen nicht jeden Trend, dem die jüngeren begeistert folgen. Gleichzeitig müssen Digital Natives aufpassen, ältere Mitarbeiter und Vorgesetzte nicht vor den Kopf zu stoßen: Zwar verfügen sie über Fähigkeiten, die gerade extrem gefragt sind, und der demografische Wandel arbeitet für sie. Aber sie sollten sich auch nicht überschätzen und bereit sein, immer weiterzulernen. Zum Erfolg gehört etwas mehr, als nur wichtige Skills drauf zu haben.

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Und was ist das genau? Sie sind Mitgründer von Zortify – einem KI-Startup, das erfolgsrelevante Potenziale sicht- und nutzbar machen will. Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Wir kombinieren klassische Daten zur Selbsteinschätzung mit offenen Textfragen. Unsere algorithmische Textanalyse kann auf dieser Basis Eigenschaften analysieren, die klar mit Erfolg korrelieren: Unternehmerisches Kapital, Veränderungsbereitschaft, Contributor Preferences. All das sind Stärken, die sich trainieren lassen und die man schon in der Schule viel stärker vermitteln sollte. Denn letztlich geht es nicht nur darum, wie viele Fremd- oder Programmiersprachen man gelernt hat, sondern auch um die Fragen: Wie kann ich selbst wirksam sein? Wie lerne ich, mit einem Tiefschlag umzugehen und wieder aufzustehen? Was kann ich tun, um lösungsorientiert zu denken?

Doch gerade beim Thema Veränderung hört es in manchen Organisationen schon auf: Die digitale Transformation weckt bei vielen Menschen Zukunftsängste.

Aber wenn wir nicht bereit wären, uns zu verändern, dann würden wir heute noch in der Höhle wohnen und mit der Keule hintereinander herlaufen! Und wir beide würden nicht – der eine in Köln, die andere in Italien – ein Interview miteinander führen. Wir dürfen nicht vergessen, was die neuen Technologien alles ermöglichen.

Vieles können wir heute einfacher und schneller erledigen und dadurch Zeit für die Dinge gewinnen, die mehr Spaß machen, mehr Sinn ergeben und auch dringender und notwendiger sind.

Florian Feltes

Umgekehrt müssen die Menschen eine Aufgabe und ein Einkommen erhalten, deren Jobs obsolet werden. Letztlich trifft die Kernaussage der New Work-Bewegung auch auf die Digitalisierung zu: „Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen.“

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Und was raten Sie Schülern und Studierenden der Generation Z zu ihrem Glück und Erfolg?

Viele werden irgendwann in Jobs arbeiten, die heute noch nicht einmal existieren. Deshalb: Sammelt so viele Erfahrungen wie möglich. Genießt eure Zeit. Denkt nicht nur an den unmittelbaren Abschluss, das nächste Praktikum und jeden weiteren Karriereschritt, sondern fragt ganz grundsätzlich: Was kann ich, und was will ich damit bewirken? Welche Fußstapfen möchte ich einmal hinterlassen? Und keine Angst vor Umwegen! Denn gerade auf den Umwegen machen wir die Erfahrungen, aus denen wir am meisten lernen und neue Ideen und Chancen entstehen. Seid also mutig und probiert euch aus!


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Florian Feltes kam über den Umweg der Lehrerausbildung zur Digital Leadership und lehrt heute selbst an der Potsdamer XU Exponential University. Er ist Mitgründer des KI-Startups Zortify und Co-Autor von Revolution? Ja bitte!. Gemeinsam mit Andreas Buhr hat er dafür fast fünf Jahre zum Thema Führung in digitalen Zeiten recherchiert.

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