Aufgepasst!

Die Achtsamkeit ist in aller Munde: Bewusster leben, durchschnaufen, fokussieren – das sind in Pandemiezeiten populäre Ratschläge. Ein Allheilmittel ist die Achtsamkeitslehre aber nicht.

Aufgepasst!

Weniger Stress und mehr Zufriedenheit, ein besseres Selbstverständnis und Selbstwertgefühl – das alles kann durch ein wenig mehr Achtsamkeit im beruflichen wie im privaten Alltag erreicht werden. So zumindest versprechen es die Autoren zahlreicher Bücher. Und so wird es auch expansiv-explosiv in Trainings, Seminaren und Vorträgen vermittelt. Es lohnt sich aber, etwas genauer hinzuschauen.

Das Grundprinzip hinter dem Hype beschreibt der Achtsamkeitstrainer Rasmus Hougaard wie folgt: innehalten, durchatmen, nach innen schauen. Übersetzt ins Praktische heißt das: Fokussieren Sie sich streng auf den Augenblick. Dabei helfen folgende Regeln.

  • Regel 1: Sie konzentrieren sich auf genau die Tätigkeit, für die Sie sich entschieden haben. Wenn das Ihre E-Mails sind, sind es nur Ihre E-Mails.
  • Regel 2: Sie bestimmen, wer oder was Sie dabei ablenken darf. Teams-Nachrichten dürfen es vielleicht nicht, die Chefin vielleicht schon.
  • Regel 3: Die Chefin bekommt bei einer Störung volle Aufmerksamkeit. Danach kehren Sie aber zu Ihrer ursprünglichen Tätigkeit und Regel 1 zurück.
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Mindful Business

Eine Sekunde entscheidet über Ihre Arbeit, Ihr Leben, Ihr Glück.

Rasmus Hougaard Ariston Verlag

Sie ahnen es bereits: Das liest sich einfacher, als es tatsächlich ist. Denn potenzielle Störfaktoren lauern überall. Gerade wenn wir am Computer sitzen, werden wir durch Push-Nachrichten und die begleitenden Signaltöne immer wieder aus unseren Tätigkeiten und Gedanken gerissen. Eben noch konzentriert, sind wir dann wieder abgelenkt und müssen den Gedankengang von vorn beginnen. Und: Das dauert Studien zufolge bis zu 20 Minuten.

Zum Thema Multitasking gibt es die unterschiedlichsten Meinungen. Studien zeigen allerdings auch, dass „Multitasker“ unproduktiver arbeiten. Das ständige Changieren von Aufgaben kann Menschen sogar traurig machen. Warum? Weil Menschen, die konstant verschiedene Dinge gleichzeitig tun, irgendwann eine Art Gedankenkarussell entwickeln, das sich nicht mehr stoppen lässt. Sie verlieren zunehmend die Kontrolle über ihren Tagesrhythmus und damit auch über das eigene Leben.

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Die Intervall-Woche

Rhythmusmanagement ist das neue Zeitmanagement.

Lothar Seiwert und Silvia Sperling Knaur

Arbeit und Konsum

Deshalb ist es wichtig, aktiv im jeweiligen Moment zu leben. In seinem Buch Achtsam wirtschaften erzählt der ehemalige Unternehmensberater Kai Romhardt, wie er sein Leben entschleunigt und wie mehr Achtsamkeit ihn verändert hat.

Achtsamkeit ist kein Konzept, sondern ein Geisteszustand, den wir wie einen Muskel trainieren können.

Kai Romhardt

Viele Jahre war er von der Arbeit gehetzt und getrieben durch den Tag gerannt, brach dann nach einer Lebenskrise aus diesem Hamsterrad aus und ging für zwei Jahre in ein Kloster. Hier lernte er die Stille kennen, das Innehalten. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für ihn während dieser Zeit: Sich selbst als Teil des großen Ganzen zu begreifen. Kloster hin oder her: Jeder von uns nimmt mit dem, was er tut oder eben nicht tut, Einfluss auf seine Umgebung. Wer lernt, bewusste Entscheidungen zu treffen und Dinge sorgsam zu erledigen, macht damit auch das eigene Umfeld resilienter. „Schnell, schnell“ führt dagegen zu Fehlern, die im gesamten System ihre Schäden hinterlassen können.

Für Romhardt in diesem Zusammengang besonders wichtig: die eigene Arbeit. Sie sollte Ihren Werten nicht zuwiderlaufen, für Sie also Sinn-voll sein. Auch das ist oft einfacher empfohlen als getan, denn wir alle kennen in der Regel Notwendigkeiten und Verpflichtungen, die uns in der Wahl unseres Arbeitsplatzes einschränken. Doch selbst wenn wir, aus welchen Gründen auch immer, an eine gewisse Arbeit gebunden sind, haben wir die Wahl, wie wir unseren Arbeitsalltag bestreiten, welche Einstellung wir gegenüber unseren Aufgaben haben. Auch Romhardt rät hier zur Fokussierung: „Konzentrieren Sie sich bei Ihrer Arbeit und verzetteln Sie sich nicht. Tun Sie die naheliegenden Dinge. Heutzutage wird so viel geplant – Strategien, Meilensteine, Umsatzziele, Karriereziele, künftige Gewinne usw. –, dass bisweilen die Gegenwart ganz aus dem Blickfeld gerät.“

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Hyperfocus

Lassen Sie sich nicht ablenken – am wenigsten von sich selbst: Hyperfokussieren Sie!

Chris Bailey Redline Verlag

Gleiches gilt für den eigenen Konsum – medial, materiell oder in Form von Genussmitteln. Es geht dabei nicht um Verzicht, es geht allein um das Achtgeben, wann, wo, wie viel und warum man konsumiert. Romhardt selbst helfen bei der Führung eines achtsamen Lebens die fünf folgenden Prinzipien:

  • Impulsdistanz: Wir sind in jedem Augenblick Reizen/Impulsen ausgesetzt, auf die wir in vielen Fällen kopflos reagieren. Wenn wir es jedoch schaffen, diese bewusst wahrzunehmen, können wir unsere Reaktion steuern. Wir lassen uns nicht mitreißen. Dabei reicht es in vielen Fällen schon aus, drei tiefe Atemzüge zu machen und folgend die Situation noch einmal neu zu betrachten.
  • Anfängergeist: Bei Tätigkeiten, die wir immer und immer wieder ausführen, verfallen wir irgendwann in Routine. Doch die Welt befindet sich im ständigen Wandel, sodass sich auch vermeintlich wiederholende Situationen verändern. Anfängergeist bedeutet in diesem Zusammenhang, Dinge nicht einfach routiniert abzuarbeiten, sondern immer wieder neu zu beurteilen und entsprechend zu behandeln.
  • Extralosigkeit: Ganz bewusst sich einer Aufgabe widmen und nicht gedanklich potenzielle Gefahren oder Risiken bedenken. Diese „Extras“ sind in der Regel Hirngespinste, denen wir viel Aufmerksamkeit schenken, die aber niemals eintreffen werden. Konflikte entstehen in vielen Fällen, weil das Gegenüber gewisse Erwartungen an uns hat oder wir eben gewisse Erwartungen an ihn haben, die aber vollkommen unbegründet sind.
  • De-Identifikation: Machen Sie sich frei davon, die eigene Persönlichkeit auf Titel, Positionen und Erfolge zu beschränken. Jeder ist mehr als das, was er geleistet oder eben verbockt hat. Wenn Sie es schaffen, sich davon zu lösen, können Sie freier agieren und die Dinge entspannter angehen.
  • Mußezeiten: Keine Termine, keine Planung, einfach mal die Zeit vergessen. Oft reicht dabei schon eine Viertelstunde am Tag, besser wäre jedoch ein „Keine-Arbeit-Tag“. Aber das ist für viele von uns einfach nicht drin. Versuchen Sie jedoch, wenigstens einmal am Tag innezuhalten und durchzuatmen, auch das wird schon zu mehr Kraft und Energie führen.
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Achtsamkeit

Lernen Sie, achtsam mit sich selbst und Ihrer Umgebung umzugehen – gleich im Hier und Jetzt.

Lebensqualität

Für die Harvard-Psychologin Ellen Langer ist vor allem die Gedankenlosigkeit, mit der wir durch den Alltag stolpern, schuld an fehlender Achtsamkeit:

Achtsamkeit bedeutet bewusstes Denken. Leider denken wir oft herzlich wenig und gehen erschreckend achtlos durchs Leben.

Ellen Langer

Das Festhalten an alten Gewohnheiten und in der Kindheit gelernten Abläufen verleiht uns eine nur scheinbare Sicherheit, denn unsere Welt verlangt Flexibilität von uns. Wir müssen Dinge immer wieder neu betrachten und bewerten, um nicht irgendwann böse auf die Nase zu fallen. Langer selbst nutzt die folgenden Herangehensweisen, um bewusster zu leben und zu arbeiten:

  • Stolpersteine sind Bausteine: Ungewollte Abweichungen vom Gewohnten sind die Chance, Prozesse kreativ umzugestalten.
  • Wagnis Veränderung: Lust auf neue Energie? Dann sollte man einfach mal gewohnte Aufgaben neu angehen und gänzlich anders bewältigen.
  • Innovationen: Sinnlose Routine, festgefahrene Einstellungen lassen sich durch die Ideen von Außenseitern aufbrechen.
  • Unsicherheit zulassen: Als Führungskraft ist es wichtig, Vertrauen zu signalisieren, dass die Arbeit erledigt wird. Wie das aber passiert, das entscheidet allein der Ausführende.
  • Burn-out-Prävention: Die eigenen Entscheidungen kontrollieren können bedeutet, das eigene Leben in der Hand zu haben.
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Mindfulness: Das Prinzip Achtsamkeit

Bedachtes tun statt gedankenlos durchs Leben stolpern.

Ellen J. Langer Vahlen Verlag

Kopfkino ausschalten

Auch Langer weist darauf hin: Vieles, das uns kopflos macht, entsteht paradoxerweise ausschließlich in unserem Kopf. Vorurteile, Glaubenssätze und Zukunftsängste sind dabei die Motivatoren, die zu oft unsinnigen und meist negativen Gedanken führen. Um sie gar nicht erst entstehen zu lassen, rät der Diplom-Theologe Ralf Braun zum Einüben einfacher Gewohnheiten und Tricks, die sich unkompliziert in den eigenen (Arbeits-)Alltag integrieren lassen, jedoch schnell zu mehr Klarheit führen:

  • Machen Sie immer nur eine Sache nach der anderen. Kein Multitasking!
  • Pausen zwischen den Tätigkeiten helfen Ihnen, das eine abzuschließen, bevor Sie das andere beginnen.
  • Handy, Tablet & Co. sind nützlich – solange Sie die Kontrolle darüber behalten.
  • Erfolge gehören gefeiert. Misserfolge müssen benannt und hinterfragt werden – und Sie sollten aus ihnen lernen.
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Mindful@work

Dem Stress Einhalt gebieten – so klappt’s!

Ralf Braun Klett-Cotta Verlag

Braun selbst vertraut zudem auf den so genannten Reality-Check. Wenn sich eine Situation ergibt, die man selbst nicht ändern kann, dann gibt es nur drei Möglichkeiten:

  • sie annehmen
  • sie verändern
  • einfach gehen / sein lassen

Viele Menschen trauern Chancen hinterher, die sie nicht genutzt haben, leben ein Stück weit also in der Vergangenheit. Sie grämen sich über Dinge, die passiert sind und sich nicht mehr ändern lassen. Die Achtsamkeitslehre ist der Gegenpol zu dieser Lebensweise. Achtsamkeit kann helfen, Probleme anders wahrzunehmen, mit Herausforderungen besser umgehen zu lernen. Jede und jeder von uns bringt dabei gewisse Voraussetzungen mit, innere wie äußere, die den Grad, in dem wir Achtsamkeit bewusst ins Leben lassen (können), beeinflusst. Sie hilft, die eigene Lage besser zu verstehen – darauf aufbauend zu handeln ist dann ein zweiter Schritt.


Lesen Sie auch unser Interview mit Christina Berndt zum Thema Wandlungsfähigkeit:

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