„Wir sind nicht das Produkt von Genen und Erziehung.“

Wir haben unser Glück zu großen Teilen selbst in der Hand. Das ist die gute, wenn auch mitunter anstrengende Erkenntnis neuster epigenetischer und psychologischer Forschung. Die Journalistin und studierte Biochemikerin Christina Berndt erklärt, wie wandlungsfähig wir tatsächlich sind.

„Wir sind nicht das Produkt von Genen und Erziehung.“
Christina Berndt, Foto: Alessandra Schellnegger

Frau Berndt, in Ihrem neuen Buch Individuation vertreten Sie die These, dass die Erlebnisse und Entscheidungen, die man als Erwachsener durchmacht und trifft – oft gerade solche, die zeitlich gar nicht lang zurückliegen – die eigene Persönlichkeit mehr beeinflussen als Gene und Erziehung. Was genau ist hier der Stand der Wissenschaft?

Unsere Persönlichkeit ist uns zum Teil in die Wiege gelegt. Zu etwa 50 Prozent entscheiden die Gene darüber, ob wir eher offen oder gewissenhaft sind, eher ängstlich oder extrovertiert. Aber eben nur zu 50 Prozent. Es bleibt also noch viel Raum für den Einfluss der Umwelt. Das Leben übt eine ebenso große Kraft auf die Persönlichkeit aus wie die Gene – und zwar über die ersten Lebensjahre hinaus. Die von Sigmund Freud geprägte Idee, das menschliche Verhalten werde vor allem durch die ersten Lebensjahre beeinflusst, gilt längst als überholt. Stand der Wissenschaft ist: Die ersten Lebensjahre prägen den Menschen durchaus, aber alle anderen Lebensjahre sind genauso wichtig. Wie ein Mensch heute ist, das hängt viel mehr von Erlebnissen und Einflüssen der jüngsten Vergangenheit ab als von dem, was Jahrzehnte zuvor passiert ist. Womit verbringt man seine Zeit? Welchen Beruf hat man? Lebt man in einer Beziehung? Wenn ja, in was für einer? Welchen Hobbys geht man nach? Was für Freunde hat man? Davon gibt es eine entscheidende Ausnahme: Wenn man als Kind schweren Missbrauch erlebt. So etwas ist langanhaltend. Aber es ist ebenfalls langanhaltend, wenn man Missbrauch in späteren Jahren erlebt.

Wieso boomen dann die Erziehungsratgeber trotzdem wie nie zuvor?

Eltern nehmen Erziehung heutzutage sehr ernst. Während die Menschen, die in den 1950ern, 1960ern oder 1970ern Eltern waren, ihre Aufgabe oft ganz selbstverständlich so ausführten, wie es ihnen „normal“ erschien, wollen Eltern von heute gerne „gute Eltern“ sein. Das ist einerseits sehr erfreulich, andererseits ist es traurig, weil so viele junge Eltern an sich zweifeln.

Konkret?

Junge Eltern zermartern sich oft den Kopf darüber, was sie alles falsch machen! Dabei könnten sie sich eigentlich ganz entspannt zurücklehnen und sich am Aufwachsen ihres Kindes erfreuen. Sie müssen nicht mehr mit sich hadern, sich fragen, ob sie zu streng sind und damit die Entwicklung ihrer Kinder behindern oder ob sie vielleicht zu locker sind und ihren Kindern damit Entwicklungschancen nehmen. Denn:

Die Erziehungsmethode hat erstaunlich wenig Einfluss darauf, was aus einem Kind wird.

Christina Berndt

Solange sie nicht schwerwiegende Fehler machen und ihr Kind traumatisieren, sind Eltern gar nicht so wichtig. An Geschwistern kann man ja sehr leicht sehen, wie unterschiedlich sich Menschen entwickeln, obwohl sie demselben Erziehungsstil ausgesetzt waren.

Spielt die Erziehung eine eher untergeordnete Rolle, weil die Beziehung zu den Eltern mit der Zeit meist schwächer wird als die Beziehung zu anderen? Oder anders gefragt: Hätte sie einen größeren Einfluss, wenn wir einen engeren Kontakt zu unseren Eltern über die Kinderstube hinaus beibehalten würden?

Ja, absolut, die Beziehung zu den Eltern ist eben nur eine von vielen Beziehungen – wenn auch unbestritten eine wichtige. Selbstverständlich wird die Persönlichkeit eines Kindes somit auch dadurch geformt, wie seine Eltern mit ihm umgehen. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Kinder haben schließlich viel mehr Beziehungen als nur die zu Vater und Mutter. Sie bauen Beziehungen zu Freunden auf, die oft viel enger sind, begegnen Lehrern, Nachbarn, Eltern von Freunden. Später pflegen sie den Austausch mit ihren Partnern, mit Kollegen und vielen weiteren Menschen. Dabei lernen sie ständig neue Ansichten und neue Umgangsformen kennen, erproben sich in Auseinandersetzungen und Freundschaften. Und weil der menschliche Geist so formbar ist, verändern sie sich dabei dauernd.

Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
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Individuation

Von wegen Gene und Erziehung: Jeder kann die eigene Persönlichkeit aktiv beeinflussen.

Christina Berndt dtv Verlagsgesellschaft

Sie schreiben diesbezüglich, dass sich sogenannte Resonanzmomente mit unserer Umwelt – egal ob mit Menschen, Tieren oder Dingen; positive wie negative – tief in unseren Genen verankern, wie die Epigenetik zeigt: Erleben wir viel Positives, haben wir längerfristig auch eine positivere Weltsicht und umgekehrt. Das klingt plausibel, aber wie genau funktioniert das?

Epigenetik ist ein hochspannendes Forschungsgebiet. Es zeigt: Nicht nur die Gene haben Einfluss darauf, wie wir uns verhalten. Unser Verhalten hat auch Einfluss auf unsere Gene! Diese sind nämlich gar nicht so stabil, wie man immer dachte. Vielmehr werden sie durch alles verändert, was wir tun und erleben – durch Glücksmomente ebenso wie durch Sport und Ernährung. Gene sind ja letztlich nichts anderes als biochemische Einheiten, und sie können sich chemisch verändern. Besonders intensive Erlebnisse brennen sich dabei besonders tief in die Gene ein – die Spuren von schweren Traumatisierungen lassen sich später oft kaum noch löschen.

Und wie unterscheiden sich diese „Resonanzmomente“ – also, woher wissen wir, was schlecht oder gut ist?

Ob ein Erlebnis gut oder schlecht ist, das kann man in der Tat im Moment des Erlebens oft nicht sagen – einmal abgesehen von Gewalt und Misshandlung. Solche Dinge sind schlicht und ergreifend negativ. Aber viele andere Ereignisse in unserem Leben wenden sich bei anfänglich negativem Erleben doch noch zu etwas Positivem. Und das hängt vor allem von unserer Reaktion ab – und von den Folgen, die sich daraus ergeben. Die sind oft genug positiv, selbst wenn etwa die Trennung vom Partner oder der Verlust des Jobs anfänglich schwer zu ertragen sind. Am Ende ist es unsere Bewertung, die ein Ereignis in unserem Leben zu einer positiven oder negativen Erinnerung werden lässt.

Bedeutet das dann nicht, dass „das Sein das Bewusstsein“ bestimmt – obwohl Ihr Buch ja eigentlich eine „Ich-Werdung“ propagiert, in der wir das Heft doch ein gutes Stück weit in der Hand haben?

Unsere Entwicklung ist in der Tat zu einem großen Teil von unserer Umwelt bestimmt. In eine andere Familie hineingeboren, mit anderen Begegnungen wären wir wohl ein anderer Mensch geworden. Persönlichkeitspsychologen sind sich heute sicher: Der Mensch hat keinen wahren Kern, den es zu finden und zu verwirklichen gilt. Vielmehr entwickeln wir uns in Resonanz auf das Leben jeden Tag weiter. Und ja, das heißt auch, dass wir ein Stück weit beeinflusst werden. Dass der Zufall bei unserer Entwicklung eine durchaus beachtliche Rolle spielt. Häufig geschieht diese Entwicklung passiv und unbewusst. Wir werden geprägt, schwingen mit, übernehmen Ideen anderer Menschen und passen uns an.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein – da hatte der gute, alte Marx durchaus Recht. Aber: In welcher Umwelt wir leben, ist ja kein Zufall. Wir gestalten unsere Umwelt zu einem erheblichen Teil selbst.

Christina Berndt

Etwa aufgrund unserer persönlichen Vorlieben: Welchen Beruf wir wählen, mit welchen Menschen wir uns umgeben – das hängt von unseren eigenen Entscheidungen ab. Insofern gilt auch hier: Der Einfluss ist wechselseitig. Wir haben dabei ständig die Möglichkeit, uns fortzuentwickeln. Unsere Persönlichkeit ist nicht in Stein gemeißelt, wir sind nicht das Produkt von Genen und Erziehung: In jedem Moment haben wir die Wahl. Unsere Persönlichkeit besteht schließlich aus drei Grundpfeilern: Denken, Fühlen und Verhalten. Wie wir über eine Situation denken, was wir fühlen und wie wir uns letztlich verhalten – das macht unsere Individualität, unsere Besonderheit aus.

Worauf haben wir dabei den größten Einfluss?

Auf das Fühlen haben wir meist wenig Einfluss, aber wir können lernen, unser Denken und unser Verhalten zu kontrollieren und fortzuentwickeln. Dass wir unser Denken und Verhalten ändern können, ist die Grundlage jeder Verhaltenstherapie. Das heißt: Wenn wir üben, werden wir nicht mehr so oft negativ über Ereignisse oder uns selbst denken. Und ebenso können wir negative Reaktionen und Verhaltensweisen abstellen oder ein Verhalten einüben, das für uns eher ungewöhnlich ist. Wir können sogar lernen, extrovertierter oder gewissenhafter zu werden. Dafür haben Psychologen regelrechte Change Plans entwickelt. Das Prinzip: Wenn wir uns erproben, erweitern wir unser Repertoire. Nichts anderes tun Teenager, wenn sie erwachsen werden. Sie testen sich aus, bis sie die Verhaltensweisen verinnerlicht haben, die ihnen am besten gefallen oder mit denen sie am weitesten kommen. Das ist die wirklich gute Nachricht der modernen Persönlichkeitspsychologie: Veränderung ist ständig möglich. Hier beginnt die Individuation, wir werden zu Individuen.

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Was halten Sie von der gegenwärtig sehr populären Achtsamkeitsbewegung, in der Gefühle – auch negative – eben nicht verdrängt, sondern bewusst betrachtet und akzeptiert werden?

Sehr viel! Uns tut es insgesamt gut, mit uns im Dialog zu sein, auf unsere Bedürfnisse zu achten, unsere Gefühle zu akzeptieren, Momente ganz bewusst wahrzunehmen. Das gilt auch für die negativen Seiten des Lebens. Unser Leid entsteht zum großen Teil dadurch, dass wir uns gegen die negativen Gefühle wehren. Dabei gehören die genauso zum Leben wie die schönen Gefühle. Oft ist das Erleben von Trauer oder Wut aber gar nicht mehr so schlimm, wenn wir uns bewusst machen, dass wir gerade traurig oder wütend sind. Schon in dem Moment, in dem wir das feststellen, geht es uns in der Regel besser – eben weil wir die Trauer oder die Wut akzeptieren.

Wenn wir negative Gefühle als Teil unseres Lebens akzeptieren, müssen wir keine Angst mehr davor haben. Das macht uns frei.

Christina Berndt

Werden Veränderungen an uns schwieriger, je stärker wir von außen auf eine bestimmte Rolle festgelegt werden? Gibt es eine „richtige Rolle“, sprich: die aktuell so oft propagierte „Authentizität“?

Nein, es gibt sie nicht, die eine richtige Rolle. Wir müssen uns nicht finden. Wir können uns erfinden und uns entwerfen. Es gibt sicherlich oft eine stimmige Art der Reaktion für uns persönlich – aber wir passen diese Reaktion stets an den Moment an und auch an die soziale Rolle, die wir gerade spielen.

Das ist jetzt sehr abstrakt. Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Betrachten wir uns selbst, wenn wir einem Bettler begegnen: In der Regel entscheiden wir jedes Mal neu, ob wir ihm etwas geben. Ähnlich beim Trinkgeld. Gewiss hängt das Maß unserer Großzügigkeit von unserer grundsätzlichen Einstellung ab. Aber wie viel wir in einem Moment letztlich geben, hat mit unseren Gefühlen in der jeweiligen Situation zu tun, und die sind ambivalent. Psychologische Studien haben gezeigt: Unser Verhaltensrepertoire ist extrem groß. Die Unterschiede im Verhalten einer einzelnen Person sind durchschnittlich sogar größer als die Unterschiede zwischen verschiedenen Personen. Je nachdem, ob wir gerade in der Rolle des Angestellten sind, des Kindes unserer Eltern, der Elternrolle oder des Staatsbürgers: Wir präsentieren uns höchst unterschiedlich. Als Arbeitnehmer sind wir besonders gewissenhaft, als Kind am wenigsten verträglich. Und oft genug glauben wir in jeder dieser Rollen absolut authentisch zu sein.

Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
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Resilienz

Seelische Robustheit verstehen und trainieren.

Christina Berndt dtv Verlagsgesellschaft

Wie authentisch sind Sie jetzt gerade, wenn ich Ihnen Fragen zum Buch stelle? Im Buch schreiben Sie, dass es deutlich erfolgversprechender ist, sich anzupassen, als sich immer so zu verhalten, wie man sich gerade fühlt. Klar: Selbstkontrolle ist wichtig, aber das Überspielen des eigenen Ichs ist doch langfristig auch sehr ungesund?

In diesem Interview nehme ich eine Rolle ein – die Rolle der Expertin, die Fachwissen zu dem Thema hat, um das es gerade geht. Ich spiele Ihnen hier nichts vor, aber ich reagiere doch anders als in einem Gespräch mit einer Freundin. Das heißt nicht, dass die Art, wie ich in der jeweiligen Situation bin, falsch oder aufgesetzt wäre. Oder dass wir Menschen alle schreckliche Lügner oder Schauspieler wären. Das wäre in der Tat ungesund.

Es ist grundsätzlich richtig, eine Rolle einzunehmen und uns den Anforderungen der jeweiligen Situation anzupassen. Es wäre schlichtweg unklug, wenn ich mit meinem Chefredakteur genauso sprechen würde wie mit meinen Kindern.

Christina Berndt

Und unsere Mannigfaltigkeit hat einen weiteren großen Vorteil: Wir können flexibel auf die Herausforderungen des Lebens reagieren. Wer immer gleich reagiert, ist in einer sich ändernden Welt klar im Nachteil.

Mein Lieblingszitat aus „Individuation“ ist: „Wir könnten alle bessere Menschen sein – wenn wir nur endlich mal ausschlafen würden!“ Aber: Was heisst denn nun „ausreichend“? Ich habe immer gehört, dass das von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sei.

Wie wichtig Schlaf ist, wird schrecklich unterschätzt. Schlafentzug führt auf Dauer zu zahlreichen körperlichen und psychischen Erkrankungen. Er erhöht den Blutdruck, schwächt das Herz, begünstigt Übergewicht, Diabetes und Magen-Darm-Krankheiten. Außerdem geht er mit Depressionen, Angststörungen und einem geschwächten Immunsystem einher. Und trotzdem schlafen die meisten von uns schlichtweg zu wenig. Die Folge ist, dass wir aggressiv, risikobereit und gestresst durch den Tag gehen – es ist, als hätten wir zu viel Alkohol im Blut. Aber, klar: Wann der Mangel anfängt, ist für jeden Menschen unterschiedlich. Der Richtwert besagt, dass sieben bis neun Stunden Schlaf normal sind.

Schlaf ist ein bisschen wie die Schuhgröße, sagen Schlafforscher, hochindividuell. Ohne Frage gibt es also Leute, die besonders wenig Schlaf brauchen. Das Problem ist nur: Das gilt nicht für alle, die davon überzeugt sind, zu diesen Leuten zu gehören.

Christina Berndt

Und wer ständig unausgeschlafen ist, merkt das nicht unbedingt. So wie Betrunkene sich oft für tolle Typen halten und gar nicht realisieren, wie eingeschränkt sie gerade sind, gilt das auch für Schlafmangeltrunkene. „Wer sich mit wenig Schlaf fit und leistungsfähig fühlt“, sagt der Chronobiologe Christian Cajochen, „der sollte sich fragen, wie viel fitter und leistungsfähiger er wäre, wenn er ausgeschlafen wäre.“


Über die Autorin
Christina Berndt hat Biochemie studiert und arbeitet als Journalistin und Autorin.

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