Ein Titel ist ein Titel – mehr aber auch nicht

In Sachen Jobbezeichnungen kennt die Kreativität keine Grenzen mehr. Leider ist trotzdem nicht immer drin, was draufsteht – wenn man überhaupt versteht, was draufsteht.

Auf der Visitenkarte von Al Capone stand nicht „Mafioso“, sondern „Gebrauchtmöbelhändler“ – so heißt es zumindest. Das war natürlich leicht untertrieben. Capone ist bis heute der bekannteste Chief Crime Organizer (CCO) der Welt. Doch damit wollte der kleine, leicht reizbare Herr wohl nicht hausieren gehen, was in seinem Fall nachvollziehbar bleibt. Das bringt mich aber zu der Frage: Warum legen Menschen nicht erst seit gestern so viel Wert auf berufliche und akademische Titel? Und: Macht das überhaupt noch Sinn?

Titel sagen weniger als wir glauben

Starten wir mit einer einfachen Frage: Warum gibt es eigentlich Titel im beruflichen Miteinander – und ich spreche bewusst von Titeln und nicht von Jobbezeichnungen. Letztere sind nämlich im Grunde sehr eindeutig und machen Verantwortlichkeiten klar. Da ist der Hausmeister, die Labortechnikerin, der Geschäftsführer oder die Gründerin. Nicht so schwierig, herauszufinden, was die treiben. Bei den abertausenden von Relocators, Chief Evangelists oder Chief Happiness Officers in den Konzernzentralen wird’s schon kniffliger. Was die tun? In manchem Fall kaum zu beantworten, in vielen Fällen aber immerhin gut interpretierbar.

Und genau darum geht’s: Jobtitel sind heute oft überzogen, das wissen auch die, die sie vergeben. Doch offensichtlich braucht es das, da die intrinsische Motivation, sich auf eine gewisse Stelle zu bewerben und diese auch auszufüllen, nicht ausreichend vorhanden ist. Da macht ein „fancy“ Jobtitel oft den Unterschied. Apropos „fancy“: Sicher ist die gegenwärtige Anglizismenschwemme bei den Berufsbeschreibungen eine Folge der Globalisierung unserer Arbeitswelt. Auf der anderen Seite aber geht es vielfach wirklich nur darum, bestimmte Jobs begrifflich aufzumöbeln. Warum? Weil sie sonst eventuell niemand mehr machen mag: Wahrscheinlich ist das eine Erklärung dafür, warum die Meinung, der Hausmeister habe früher seinen Job besser verrichtet, so weite Verbreitung findet. In der Zeit, in der der Facility Manager uns heute eine Termineinladung zu einem „Review Call“ (und gleich noch ne Einladung auf LinkedIn) geschickt hat, hatte der Meister – schöner Titel, übrigens, oder? – das Türscharnier längst geflickt.

Eine Frage des Preises

Aber für Nostalgie kann man sich bekanntlich nichts kaufen. Manchen akademischen Grad zahlt man dafür heute aus der Westentasche: Bachelor, Master, Doktor – Was darf’s sein? Wer den offensichtlichsten Weg vermeiden will, klaut sich die Passagen für die Abschlussarbeit zusammen oder lässt sich am besten sogar (wie früher die Hausaufgaben) von irgendwem verfassen, nur eben nicht mehr von den Eltern oder von der Klassenbesten – das Angebot ist ganz legal (wenn auch teurer als das „HubbaBubba“ damals auf dem Schulhof).

Wir sprachen ja kurz über das Kriminelle: Die Anwesenheitspflicht in der Uni lässt sich mit Computerspielen und Social Media überleben – oder eine Pandemie sorgt für den bequemen Umstand, dass man in Videocalls auf „mute“ drücken kann, auch die Kamera lässt sich ausschalten, wenn man es nicht vergisst. Es ist so faszinierend wie erschreckend: Selbst ein „Prof.“ wird an manchen Universitäten heute gern „verschenkt“, man muss nur berühmt oder einflussreich genug sein, etwas Besonderes geleistet haben – oder doch mindestens jemanden bezahlt haben, der das für einen gemacht hat.

Trotz all dieser kleinen, mittleren und gewaltigen Katastrophen sind Jobtitel weiterhin fester Bestandteil von Status- und Machtspielen, beginnend bei der der Emailsignatur über Bewerbungen bis hin zum Smalltalk, und akademische Titel sind so etwas wie das i-Tüpfelchen dieses sozialen Gerangels, besonders in den Führungsetagen. Vergessen geht dabei immer wieder: Nicht die Frage, wer mit welchem Titel Chef ist, sondern eine gemeinsame Mission, nicht ein Organigramm, sondern die Aufteilung nach Verfügbarkeit und Fähigkeiten sollten im Vordergrund einer Unternehmung stehen. So steht etwa auf der Visitenkarte des Erfinders des Computerspiels Angry Birds als Jobtitel „Mighty Eagle“, auf Deutsch „Mächtiger Adler“.

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New Business Order

Die Welt durch Kinderaugen sehen: Was Unternehmen von Start-ups lernen können.

Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen Carl Hanser Verlag
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Klar: Es gibt Millionen Menschen, die jahrelang hart arbeiten, um sich mit entsprechenden (akademischen) Titeln bewerben zu können. Das ist gut so und bleibt es hoffentlich auch weiterhin. Nach 20 Jahren im Wirtschaftsleben aber kann ich sagen: Es läuft oft anders – und zwar immer öfter. Als Freelancerin und Ghostwriter klingelt es ständig im Postfach: Die zehnseitige Hausarbeit für 0,1 Cent pro Wort? Die Rede vor den Aktionären für das hundertfache (sofern ich eine zehnseitige Verschwiegenheitsklausel unterzeichne). Oder darf ich gleich die Worthülsenkanone fürs WEF mobilisieren? Mittlerweile wundere ich mich über nichts mehr, wenn es um dreisten Wortbetrug geht.

Titel sind oft irrelevant (weil frei erfunden)

Damit es gesagt ist: Ich habe nichts gegen Titel, und habe mir aus Spaß sogar einmal in einem global tätigen Schweizer Unternehmen mit Genehmigung von oben meinen eigenen gebastelt. War eine interessante Erfahrung, weil in jeder zweiten Antwortmail nachgehakt wurde, welche Funktion denn ein „CCW“ so ausübe. Ich habe den Leuten damals freigestellt, ob sie mich als „Chief Creative Writer“ abspeichern wollen oder als „Creative Chief Wilma“. Nach einem halben Jahr hab ich das Experiment beendet: Im Nachbardepartment wurde ein Cisco Commerce Workspace System eingeführt, und immer wenn das nicht so funktionierte, wie es sollte, bekam ich von den betroffenen Relocators, Chief Evangelists und Chief Happiness Officers der Firma jämmerliche „Service Requests“.

Das auf Brandschutz spezialisierte Ingenieurbüro HHPBerlin beispielsweise hat u.a. deshalb alle Jobtitel abgeschafft: So überdenkt jeder immer wieder neu, was er im Unternehmen sein möchte.

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Management Y

Schluss mit Motivation durch Boni – den Arbeitnehmer von morgen motivieren Offenheit, Vertrauen und kreative Spielräume.

Ulf Brandes, Pascal Gemmer, Holger Koschek und Lydia Schültken Campus Verlag
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Unverständlich in diesem Zusammenhang übrigens, dass so viele Jobbezeichnungen angestrebt werden, die rechtlich überhaupt keinen Bestand haben. Nehmen wir zum Beispiel den CEO: Weder in Deutschland, noch in der Schweiz und auch nicht in Österreich hat dieser Titel handels- und gesellschaftsrechtlich Relevanz. Indes ist der Geschäftsführer gesetzlich und rechtlich vollkommen akzeptiert. Das heißt: Hinz und Kunz aus dem „Feelgood Management“ können sich das nicht einfach so auf ihre Visitenkarten drucken.

Hunderte andere Titel, die sogenannten ungeschützten Berufsbezeichnungen etwa, sind nämlich – wie der Name schon verrät – vogelfrei und haben in der Regel keine rechtliche Bedeutung. Findige Kerlchen machen damit sogar Geld, indem sie jedem, der hoffnungslos oder deppert genug ist, ermöglichen, sich ein entsprechendes Diplom einfach online ausstellen zu lassen. Gegen Bares, versteht sich – nicht gegen HubbaBubba. Wieder andere bieten online einen Jobtitelgenerator an und unterstützen denjenigen, dem es bei der eigenen Bezeichnung an Kreativität fehlt. Gute Nachricht für letztere: Auch völlig ohne Background, pardon: Ahnung, können sie sich ungestraft Dozent, IT-Manager oder Wirtschaftsjurist nennen.

Was ich will? Mehr Deutlichkeit bei den Jobbezeichnungen! Vergessen Sie die alten und bewährten Namen nicht – sie stehen für etwas, das die neuen Bezeichnungen (noch) nicht erreicht haben Wenn wir sie denn pflegten. Und: Mehr Kreativität bei der Jobbezeichnung bedeutet nicht, dass der oder die, die sie eben tragen, besonders kreativ sein müssen. Sicher wird es immer wieder neue Aufgaben in Unternehmen, und in diesem Zuge auch neue Bezeichnungen geben. Viel spricht aber auch hier fürs Maßhalten. Wie das geht? Ganz einfach: Fragen Sie ein Kind im Grundschulalter, was es glaubt, das ein „XY“ macht. Müssen Sie über die Antwort lachen? Dann ist der Titel das eben auch – einfach lachhaft.

Wil(l)ma Wissen
Die Kolumne unserer Autorin Wilma Fasola widmet sich der unkonventionellen Herangehensweise an Wirtschaftsfragen, und manchmal auch der sehr direkten Konfrontation rund um Themen, die sich im täglichen (beruflichen) Miteinander ergeben. Dinge, die andere vielleicht weniger gern angesprochen wissen, die aber genau deshalb Interesse wecken. Schließlich lernen wir alle niemals aus.

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