Flexible Arbeitszeitmodelle: Die 4-Tage-Woche

In weniger Zeit das gleiche Pensum schaffen? Beispiele aus der Praxis zeigen, dass das möglich ist. Doch dafür braucht es klare Regeln.

Flexible Arbeitszeitmodelle: Die 4-Tage-Woche

„Economic Possibilities for our Grandchildren“ lautete der Titel eines Aufsatzes, der im Jahr 1930 erschien. Im Fokus des von John Maynard Keynes verfassten Werkes stand die These, dass die Menschen 100 Jahre nach Erscheinen nur noch drei Stunden am Tag würde arbeiten müssen.

Seine Annahme: Sowohl die Produktivität wie auch das Vermögen jedes Einzelnen haben im Jahr 2030 ein Level erreicht, das eine 15-Stunden-Woche rechtfertige. Heute, wenige Jahre vor dem Erreichen dieses Zeitpunktes, sieht es jedoch auf den ersten Blick schlecht für die damals getroffene Prognose aus. Gefühlt arbeiten wir immer mehr. Die 40-Stunden-Woche reicht oft nicht aus, um zu schaffen, was geschafft werden muss. Und Selbstständige arbeiten in der Regel sowieso selbst und ständig.

Andererseits leuchtet da ein kleines Licht am Ende des Tunnels: Immer öfter probieren Unternehmen und Organisationen es zumindest für einen gewissen Zeitraum aus, Arbeitszeiten flexibler und vor allem kürzer zu gestalten – so passiert beispielsweise in Island. Die Studie Iceland’s journey to a shorter working week erschien im Sommer 2021 und belegt, dass sich auch mit weniger Arbeitsstunden gute Ergebnisse erreichen lassen.

Über den Zeitraum von rund vier Jahren wurde getestet, wie produktiv Arbeitnehmer sind, wenn sie statt 40 Stunden nur 35 Stunden pro Woche arbeiten. Und das Ergebnis: Es wurde arbeitstechnisch genauso viel oder sogar mehr geschafft als vorher.

Zudem hatte das neue Konzept positive Auswirkungen auf das Privatleben und auch die psychische Verfassung der Angestellten. Kurz zusammengefasst: Win-win – für alle Beteiligten.

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Kann weniger mehr bringen?

Vollzeit von 8 bis 13 Uhr.

Sarah Lambers managerSeminare Verlag
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Konzentration auf das Wesentliche

Das Thema flexible Arbeitszeiten hat in den letzten eineinhalb Jahren noch einmal an Relevanz gewonnen. Corona hat nicht nur zahlreiche Arbeitnehmer ins Homeoffice versetzt, sondern von vielen auch verlangt, das Berufs- und das Privatleben parallel und an einem einzigen Ort managen zu müssen. Nine to five war so für viele einfach gar nicht mehr möglich – auch beim besten Willen nicht. Zudem fand schon vorher ein Umdenken statt, vor allem bei den Arbeitnehmern der jüngeren Generation. Stichwort: Work-Life-Balance.

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Erfolgsfaktor Work-Life-Balance

Work-Life-Balance ist beileibe kein Luxus, sondern sie liefert im Handumdrehen, was jeder will: motiviertere und produktivere Mitarbeiter.

Silke Michalk und Peter Nieder Wiley-VCH
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In seinem Buch Die 4-Stunden-Woche beschreibt Timothy Ferriss, wie sich innerhalb kurzer Zeit das eigene Gehalt verdoppeln und die Arbeitszeit dabei halbieren lässt. Das ist sicher etwas übertrieben dargestellt, doch das Buch enthält zahlreiche Tipps, wie jeder in weniger Arbeitszeit mehr erreichen kann. Drei davon kurz zusammengefasst:

  1. Praktizieren Sie „Management by Absence“ – viele Probleme klären sich ohne Ihr Zutun.
  2. Begegnen Sie dem Informations-Overkill mit einer gesunden Portion Ignoranz: keine dummen Schlagzeilen, kein Fernsehen und die E-Mails nur einmal pro Tag checken.
  3. Delegieren Sie alles, was Sie von Ihrer Hauptaufgabe abhält.
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The One Thing

Wer sich auf eine einzige Sache konzentriert, kann jedes Ziel erreichen.

Gary Keller und Jay Papasan Redline Verlag
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So ist das natürlich nicht für jeden zu hundert Prozent umsetzbar. Doch es zeigt im Kern, wo man ansetzen muss, um in weniger Zeit das gleiche Pensum schaffen zu können: Besinnung auf das Wesentliche. Wobei wir wieder bei der Studie aus Island sind. Diese hat gezeigt, dass die Arbeitnehmer die reduzierte Arbeitszeit viel effektiver gestaltet und genutzt haben. Man konzentrierte sich mehr und die gewonnene Freizeit sorgte für mehr Erholung. Und das wiederum bedeutete im Umkehrschluss: Die Arbeitnehmer fühlten sich fitter, waren glücklicher und kamen motivierter zur Arbeit.

Gestaltungsspielraum bei der Umsetzung

Eine 4-Tage-Woche lässt sich unterschiedlich gestalten. In der Regel kommt jedoch eines der drei folgenden Modelle zum Einsatz:

  • 80 % Arbeitszeit bei vollem Lohn
  • 80 % Arbeitszeit bei reduziertem Lohn
  • 100 % Arbeitszeit auf vier Tage verteilt bei vollem Lohn
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Zusammenfassung (Buch)

Halbe Arbeit, ganzes Leben

Mit weniger Arbeit zufriedener leben – kein Traum, sondern einfach machbar.

Axel Mengewein Ariston Verlag
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Ebenso kann die reduzierte Arbeitszeit auch auf fünf Tage verteilt werden – beim deutschen Unternehmen Rheingans gibt es beispielsweise schon seit dem Jahr 2017 den 5-Stunden-Tag. Möglich ist das vor allem deshalb, weil man die Zeitfresser im Unternehmen – lange oder unnötige Meetings sowie komplizierte technische oder administrative Prozesse – definiert und bewusst modifiziert oder auch „eliminiert“ hat. Auch die Struktur eines Arbeitstages wurde angepasst:

Intensive, konzentrierte Arbeitsphasen wechseln sich mit bewussten Pausen ab. Der Schwatz mit dem Kollegen und auch die private Nutzung von Computer und Smartphone wurden in den Feierabend vertagt.

Mit Blick auf den Lohn lässt sich sagen, dass natürlich von den Arbeitnehmern weniger Arbeitszeit bei vollem Lohn das beliebtere Angebot ist. Doch es zeigt sich zunehmend, dass Menschen für Benefits wie flexiblere Arbeitszeiten bereit sind, auf einen Teil ihres Lohns zu verzichten. In Zahlen ausgedrückt und basierend auf einer Studie von Mercer wäre dazu sogar jeder Zweite bereit.

Kritische Stimmen verstummen nicht

Interessant ist zudem, dass mit reduzierter Arbeitszeit oft sogar der Umsatz des Unternehmens steigt – zumindest in der Anfangszeit. Auch hier gibt es bereits zahlreiche Beispiele aus der Praxis. So praktiziert eine Marketingagentur aus Australien bereits seit dem Jahr 2018 das 4-Tage-Modell und fährt damit sehr erfolgreich. Laut eigenen Aussagen konnte der Umsatz in der Zeit nach der Einführung verdreifacht werden. Und auch Microsoft hat die 4-Tage-Woche im Rahmen eines Experiments ausprobiert – und zwar in Japan. Das Ergebnis: ein Produktivitätsplus von 40 Prozent.

Dennoch gibt es weiterhin kritische Meinungen zur 4-Tage-Woche. Besonders laut sind dabei die Stimmen derer, die sagen, dass das mit der Produktivität der Mitarbeiter auf Dauer schnell wieder abnehmen wird. Alles, was neu ist, macht bekanntlich erst einmal Spaß und man ist mit Begeisterung dabei. Dann kommt der Alltag und man kehrt zur alten (Nicht-)Produktivität zurück. Andere bemängeln, dass eine 4-Tage-Woche nur in bestimmten Branchen funktionieren kann. Besonders im Dienstleistungssektor oder im Handel wird es schwierig – auch wenn die Mitarbeiter ihren zusätzlichen freien Tag in der Woche nicht alle gemeinsam am selben Tag nehmen.

Unsere (Arbeits-)Welt braucht mehr Flexibilität

Diese Einwände sind nicht unbegründet. Doch VUCA und die zunehmende Digitalisierung unserer Arbeitswelt lassen gar keine andere Möglichkeit zu, als sich über neue Arbeitsformen und damit auch Arbeitszeitmodelle Gedanken zu machen. Zudem können aktuelle Ereignisse innerhalb kurzer Zeit ein komplettes Umdenken in Organisationen nötig machen. Vor Corona war Homeoffice in unzähligen Betrieben nicht erwünscht, wurde oftmals sogar pauschal abgelehnt. Heute werden Tausende Arbeitnehmer nie wieder zu 100 Prozent in die Büros zurückkehren.

Die 4-Tage-Woche ist demnach eine Option, auf sich verändernde Wünsche von Arbeitnehmern und die immer neuen Herausforderungen in der Arbeitswelt zu reagieren. Eine andere sind flexible Arbeitszeiten, sodass jeder Arbeitnehmer seine Arbeitszeit mehr nach dem eigenen Tagesrhythmus gestalten kann. Neue Teilzeitmodelle sind nicht zuletzt wichtig, um Eltern eine funktionierende Balance zwischen Familie und Beruf zu ermöglich. Und wer weiß – vielleicht behält John Maynard Keynes doch noch Recht. In acht Jahren ist viel möglich!

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