Warum fasst ihr alte Schinken zusammen?

Gerade sind die Klassiker-Abstracts Nr. 998, 999 und 1000 in unserer deutschen Bibliothek erschienen. Wir machen den Praxistest: Sparen Sie Zeit und Nerven, wenn Sie sie gelesen haben?

Warum fasst ihr alte Schinken zusammen?
Für Schinken gilt: Je älter, desto besser. Als Zusammenfassungen in unserer Bibliothek kommen sie sogar mit Hand und Fuß.

Mit der Frage „Wozu soll das gut sein?“ muss man sich als Literaturwissenschaftler schon beschäftigen, bevor man sich überhaupt an der Universität einschreibt. Bei mir stellte die Frage erstmals mein Vater, ganz ernst, am Esstisch, ein paar Wochen vor der Immatrikulation, und seither hat es eigentlich nie mehr aufgehört: „Warum alte Bücher? Wer braucht Leute, die sich wissenschaftlich damit beschäftigen? Wozu soll das gut sein?“

Je älter man wird, desto stärker stellt sich heraus: Solche Fragen kommen vor allem von Leuten, die keine allzu starke Bindung zum Lesen haben, es eher als Mittel zum Zweck betrachten. Dabei tun die meisten von uns ja tagein, tagaus kaum etwas anderes – die weitverbreitete Arbeit im Homeoffice hat diesen Trend sogar noch einmal verstärkt.

Egal ob im Teamchat, in Shared Documents oder in der fast schon klassischen Email: Wir schreiben mehr, aber vor allem sind wir damit beschäftigt, zu lesen, zu lesen und nochmal zu lesen. Statistisch gesehen lesen wir auch in diesem Jahr wieder mehr Bücher als im letzten. Allerdings: Die Zeichen, dass uns Zeit und Lust an langen Texten abhandenkommen, und wir vor allem eher stupide Newshäppchen und -ticker konsumieren (und herumschicken), mehren sich ebenso.

Gut also, dass getAbstract es mit der nun 1000 Titel umfassenden deutschen Klassiker-Bibliothek möglich macht, auch kunstvollere oder komplexere Texte in aller Kürze zu verstehen! So haben Literaturmuffel eine Ausrede weniger, denn: Wissen, worum es geht, selbst wenn man keinen blassen Dunst von (oder kein Interesse an) literarischen Genüssen hat, war nie einfacher als mit diesem Gratis-Angebot.

Im nächsten Bewerbungsgespräch können Sie dann beim Stichwort ‚Teamwork‘ nicht nur mit ‚Einer für alle, alle für einen‘ punkten, sondern wissen außerdem, dass der Satz nicht von Andi Brehme sondern von Alexandre Dumas stammt.

Michael Sommer, Grimme Online-Preisträger 2018, und sein Playmobilensemble helfen Lesemuffeln, und getAbstract steuert gratis die fundierte Zusammenfassung des Roman-Klassikers von Alexandre Dumas bei.

Das Erlangen fundierten Halbwissens für virtuelle Bewerbungsgespräche ist aber nur ein Ziel, das sich Interessierte nun setzen sollten. Denn in literarischen und philosophischen Klassikern steckt das ganze Wissen unserer modernen Welt, von der ständig behauptet wird, sie sei so unverständlich, gar unberechenbar – aber nicht selten wird sie gerade hier erstaunlich zugänglich erklärt und von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Klassiker sind Klassiker, weil sie eben nicht aus der Mode kommen.

Sie glauben uns nicht? Wir machen die Probe aufs Exempel und schauen bei den soeben veröffentlichten, letzten drei Abstracts 998, 999 und 1000 genauer hin.

Nummer 998:
Die Pest von Albert Camus

Es gibt Zusammenfassungen, die erfreuten bei ihrem Erscheinen eine große Zahl unserer Kunden. Etwa Brian S. Wesburys Die neue Ära des Wohlstands aus dem Jahr 2000. Ein zeitgeistiges Wirtschaftsbuch, das Aufbruch und Prosperität predigte – und ein paar bis heute nützliche Hinweise zum Investieren enthält. Ein Klassiker aber ist das Buch nicht. Warum nicht?

Ganz einfach: Es enthält Denkansätze und Moden, die nicht überlebt haben. So behauptete Wesbury vor zwanzig Jahren noch, dass nationale Regierungen bald ihre Macht einbüßen werden, weil immer mehr Menschen miteinander über das Internet in Kontakt treten. Ein Blick ins Wirtschaftsbucharchiv von 2020 sagt uns: Nein, nein und nochmals nein. So geht es grob geschätzten 90 Prozent der Bücher, die erscheinen. Sie erfüllen kurzzeitig ihren Zweck, sorgen womöglich für einigen Aufruhr – fünf Jahre später aber hat man sie vergessen, weil das, was drinsteht, keinen Wert mehr hat.

Klassiker sind anders. Sie enthalten keine Moden, und wenn doch, dann nur, um sie als solche aus-, oder bloßzustellen. Aus diesem Grund sind sie immer zeitgemäß, und nicht nur, wenn gerade die allgemeine Stimmung passt.

Gleichwohl gibt es Momente, da erweisen sich literarische Bücher und Geschichten als Treiber der Realität (der Ökonomienobelpreisträger Robert Shiller hat gerade – genau – ein Buch darüber geschrieben), öfter als beinahe prophetisch – und wenn sie wirklich gut sind, halten sie sogar zeitloses Wissen bereit, um im Hier und Jetzt adäquat zu handeln.

Als ein solches Buch stellte sich in diesem Jahr Die Pest von Albert Camus heraus – und das erklärt auch, warum es zu Beginn der Covid-19-Pandemie überall ausverkauft war.

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Zusammenfassung (Buch)

Die Pest

Eine Epidemie bricht aus – die einzigen Gegenmittel: Verantwortung und Solidarität.

Albert Camus Rowohlt Verlag
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Der Roman, übrigens Camus‘ erfolgreichste Prosaveröffentlichung, liefert eine realistische Beschreibung, wie Gesellschaften auf eine tödliche Epidemie reagieren, egal, wann sie auftritt: Zunächst versuchen die Behörden, das Problem zu leugnen, dann verkünden sie hastig Gegenmaßnahmen. Manche Menschen hamstern, wuchern und töten, andere entwickeln Solidarität und Mitgefühl. Eine Gruppe Männer, die gar nicht erst versucht, eine sinnlose Krankheit zu verstehen, handelt: Die Männer stellen Hygieneregeln auf, isolieren Kranke, begraben Verstorbene und entwickeln dann ein Heilmittel. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Manchmal ist es tatsächlich so, dass das Lesen eines Klassikers reicht, um im Ausnahmefall bessere Entscheidungen zu treffen als alle, die ihn nicht gelesen haben – und nun auf eine deutlich höhere Anzahl aktueller Abstracts zum Umgang mit Pandemien und ihren Auswirkungen angewiesen sind.

Aber: Ein Klassiker kann sogar noch mehr. Albert Camus hievt nämlich die uns seit diesem Jahr nur allzu bekannte Szenerie auf eine höhere Ebene und warnt seine Leser vor falscher Sicherheit, wenn ein Impfstoff in greifbarer Nähe ist: „Krankheitserreger“ wie Totalitarismus, Rassismus oder gedankenloser Opportunismus werden nie ganz verschwinden. Die Epidemie ist in Die Pest mehr als eine Krankheit: Sie ist eine Allegorie auf die Ausbreitung sozialer Fehlentwicklungen, die zu einer Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes führen können – und deren grundlegende Ideen sich mitunter sogar schneller verbreiten als ein Virus.

Von Jens Spahn oder Christian Drosten werden wir solch philosophische Überlegungen wohl in absehbarer Zeit nicht hören, und das ist auch nicht ihr Job. Aber klar wird doch: Zeitgeist und Expertise sind das Eine. Zum Klassiker avanciert aber ein Buch erst, wenn seine Botschaft über sich selbst und seine Geschichte hinausweist.

Nummer 999:
Die fünf Ringe von Miyamoto Musashi

Man muss kein Orakel sein, um anzunehmen, dass The 7 Habits of Highly Effective People (Die 7 Wege zur Effektivität) von Stephen R. Covey auch in diesem Jahr wieder zu den meistheruntergeladenen Zusammenfassungen unseres Archivs gehören wird. Das war die letzten Jahre so, also stehen die Chancen gut, dass der Titel von 1989 auch morgen noch Konjunktur hat. „7 Habits“ ist damit das, was man einen „modernen Klassiker“ nennt – den Downloadzahlen tut das hoffentlich jetzt keinen Abbruch.

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Zusammenfassung (Buch)

Die 7 Wege zur Effektivität

Haben Sie Erfolg und sind trotzdem unzufrieden? Möchten Sie gerne ein intaktes Familienleben haben und sich in Ihrem Beruf wohl fühlen?

Stephen R. Covey GABAL
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Einerseits liegt das daran, dass der Titel situationsunabhängig genug verfasst, und trotzdem packend geschrieben ist – das Wissen, das drinsteckt, ist auch 30 Jahre später (also: nach dem Mauerfall, nach der Finanzkrise, nach 9/11, nach der Digitalen Revolution und sogar während der Coronavirus-Pandemie) noch täglich in der Praxis brauchbar. Andererseits ist die „7“ im Titel kein Zufall, sondern ein subtiler Marketinggag:

Die häufigste Antwort auf die Frage nach der Lieblingszahl oder bei der Frage nach einer beliebigen Zahl zwischen Eins und Neun ist die Zahl Sieben. Weil die Farbe ‚blau‘ so häufig als Lieblingsfarbe genannt wird, wird dieses Phänomen Blue-Seven-Phänomen genannt.

Wikipedia

Aus Japan stammt nun ein Klassiker, der viel älter ist, kein Marketing nötig hatte, aber trotzdem weiterhin Hochkonjunktur hat: Die Rede ist von Miyamoto Miyamotos 1645 erschienenem Lebenswerk. Worum geht’s?

Kurz vor seinem Tod brachte Musashi, seineszeichens Samurai, die Quintessenz seiner lebenslangen Suche nach Perfektion zu Papier: Das Buch der fünf Ringe.

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Zusammenfassung (Buch)

Das Buch der fünf Ringe

Vom Schwertkampf fürs Leben lernen.

Miyamoto Musashi Piper Verlag
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Als Sammlung von Lebensweisheiten hat es enorme Verbreitung gefunden, bis heute wird das Buch aber auch als wertvoller Strategieratgeber von Managern gelesen: Schon früh richteten japanische Firmenchefs ihre Marketing- und Führungsstrategien an Musashis Klassiker aus. Und noch heute nutzen Manager Das Buch der fünf Ringe als Inspirationsquelle, um auf umkämpften Märkten die Oberhand zu behalten. Viel bemerkenswerter als die reine Popularität ist aber, dass das Buch eben nicht nur von Kampftaktiken, Fechtfiguren und Siegesstrategien handelt, sondern tatsächlich ein Buch über Ethik, mithin ein Ratgeber für bewusste, entscheidungsstarke Lebensführung ist. Für Musashi zeigt sich der Weg des Kriegers nämlich in jedem Augenblick des Alltagslebens, und Kampfkunst dient ihm eher als Mittel zur Erlangung einer allgemeinen Lebenshaltung als dem Krieg.

Nächstes Mal also, wenn es in Ihren Fingern zuckt und Sie zum Covey greifen wollen, geben Sie Musashi den Vorzug. Machen Sie aus 7 einmal 5 – und geben Sie nachher ruhig damit an, statt eines „modernen Klassikers“ einen „echten Klassiker“ (oder zumindest das Abstract dazu) gelesen zu haben.

Nummer 1000:
Wissenschaft als Beruf von Max Weber

Erinnern Sie sich noch an den Anfang dieses Texts? „Warum alte Bücher? Wer braucht Leute, die sich wissenschaftlich damit beschäftigen?“ Wir ahnen: Sie wissen es nun längst. Aber als kleine Zugabe, weil es unser 1000. zusammengefasster Klassiker ist, und weil 2020 das 100. Todesjahr des berühmtesten deutschen Soziologen des 20. Jahrhunderts ist, lassen wir Max Weber persönlich zu Wort kommen – und zwar mit einem Zitat, das sich mit seiner eigenen Profession beschäftigt:

Der wissenschaftliche Fortschritt ist ein Bruchteil, und zwar der wichtigste Bruchteil jenes Intellektualisierungsprozesses, dem wir seit Jahrtausenden unterliegen und zu dem heute üblicherweise in so außerordentlich negativer Art Stellung genommen wird.

Max Weber

Könnte eine Einsicht im Lichte der aktuellen Debatten rund um Experten und selbsternannte Experten, um Durchbrüche bei der Impfstoffsuche und um die nötigen nächsten Schritte in der Coronakrise aktueller sein als diese?

Nun, sie stammt aus dem Jahre 1919. Und sie stellt u.a. klar, dass medizinische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zwar beschreiben können, was man unternehmen kann, um beispielsweise ein Leben zu erhalten. Ob dieses aber im Einzelfall erhalten werden soll, ist eine Wertung und kann eben deshalb wissenschaftlich nicht beantwortet werden. Ob also etwa der „Zweck die Mittel heilige“ – bei Impfungen, Lockdowns etc. – ist eine Frage, die sich der Wissenschaft entzieht, was Wissenschaftler davon abhalten sollte, sie „als Wissenschaftler“ zu beantworten.

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Zusammenfassung (Buch)

Wissenschaft als Beruf

Wissenschaft und Fortschritt als Grundbedingung des modernen Menschen – das kritisiert und verteidigt Max Weber in seinem epochalen Text.

Max Weber Matthes & Seitz Berlin
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Tatsächlich wurde die Rede, die dem Buch zugrunde liegt und durchaus auch wissenschaftskritisch ist, schon 1964, als man in Heidelberg Max Webers 100. Geburtstag feierte, wiederentdeckt. Sie gilt heute als ein Höhepunkt seines Werks, hat die Soziologie im 20. Jahrhundert grundlegend mitgeprägt und wird bis heute immer wieder herangezogen, wenn es um die politische Verantwortung von Wissenschaft geht.

Entdecken Sie die Klassiker neu!

Bücher müssen nicht neu sein, um aktuell und relevant zu sein. Oft ist es genau andersherum: Wer Goethes Faust II gelesen hat, kann sich andere Bücher zum Thema „Inflation“ sparen. Wer Masse und Macht von Elias Canetti kennt, kann über manche Thesen zum Thema Populismus nur müde lächeln. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Zeit also, sich wieder einmal mit den Klassikern des Denkens, den großen Geschichten zu beschäftigen. Sie sind nicht allein: Ein großer Teil unserer Zeitgenossen gibt an, zu wenig Zeit zum Lesen kanonischer Bücher zu haben – das aber gern ändern zu wollen. Der Blick in unsere Klassikerbibliothek ist ein erster Schritt!

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Klassiker

Bücher, die man kennen muss! getAbstract präsentiert Ihnen die wichtigsten Klassiker der Weltgeschichte. Tausend Werke – aus Literatur, Philosophie, Psychologie, Ökonomie und anderen…

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