Mehr Empathie im Arbeitsalltag?

Die Forderung hat Konjunktur. Aber sie unterschlägt: Wir können keine Aussagen über die Beweggründe anderer Menschen machen, die über die Projektion der eigenen hinausgehen.

Reinhard K. Sprenger, zvg

Mitgefühl hat Konjunktur. Genauer: die Empathie, das Einfühlungsvermögen. In der Tat kann der Mensch ein mitfühlendes Wesen sein, das ist einer seiner sympathischsten Züge. Insofern ist Empathie ein verführerischer Begriff, gegen den die Stimme zu heben sich leicht missverstehen lässt.

Wir müssen uns aber nicht in den Untiefen der Erkenntnistheorie verirren, um zu wissen: In einem starken Sinne funktioniert das Einfühlen nicht. Selbst wenn wir uns mit dem Eigenpsychischen gut auszukennen glauben – spätestens bei Fremdpsychischen stehen wir vor einer Nebelwand.

Die Neurophysiologie sagt uns nüchtern: Verstehen ist unwahrscheinlich.

Reinhard K. Sprenger

Zwar reichen unsere Annahmen psychischer Zustände aus, um zu kooperieren und Verhaltensweisen anderer einigermaßen verlässlich vorherzusagen. Aber in letzter Konsequenz werden wir den anderen nie verstehen. Wir werden nie wissen, wie er uns erlebt. Wir werden nie wissen, wie sein inneres Bild aussieht, wenn wir beide glauben, wir sprächen über denselben Sachverhalt.

Etwas Zweites kommt hinzu: Wenn wir unsere Emotionen in eine standardisierte Form bringen, sprechen wir ihnen ihre Einzigartigkeit ab. Unter der Losung „Man muss den Leuten doch helfen!“ wird so der Raum für Individuelles, Nicht-Verstehbares und vielleicht auch Schützenswertes kleiner. Sogar in der Psychoanalyse hat Jacques Lacan stets davor gewarnt, zu schnell und zu vollständig verstehen zu wollen.

Es muss Raum für den Nicht-Sinn und das Nicht-Verstehen offen gehalten werden. Ein Zuviel an emphatischem ‚Verstehen‘ des Patienten führt zu groben Irrtümern.

Reinhard K. Sprenger

Was der Patient sagt, wird durch den Wunsch des Analytikers, es möglichst genau zu verstehen, einer „sekundären Bearbeitung“ unterzogen; es wird begradigt, geglättet und geschönt. Die Lobpreisung der Empathie verwischt mithin den Unterschied zwischen uns selbst und dem Nächsten.

Was im Klinischen noch erlaubt sein mag – im Unternehmen hat die Frage: „Warum tut jemand das?“ nichts zu suchen, wenn man das Prisma des Anstands dazwischen schiebt. Dort gilt es, Distanz zu halten, nicht zu spekulieren, nicht im Seelensumpf zu wühlen. Sondern auf die Frage „Warum?“ zu antworten: „Das weiß ich nicht, und ich will es auch nicht wissen. Ich brauche keine Erklärungen, ich maße mir nicht an, in die Tiefe seiner Psyche zu schauen.“

Ja, es ist nachgerade respektlos, über Motive zu spekulieren und die eigenen Beweggründe auf den anderen zu übertragen. Der vor allem eines ist: anders. Wir müssen wieder lernen, zwischen uns und dem anderen zu unterscheiden. Und vielmehr sein Handeln zu respektieren. Ich kann nur wissen: Er tut es! Warum, ist irrelevant. Deshalb muss ich auf sein Handeln reagieren, nicht auf seine möglichen Absichten.

Noch bei jeder Fallstudie, die ich mit Führungskräften lösungsorientiert diskutiere, stochern sie in der Psyche ihrer Mitarbeiter herum, erwägen Motive, glauben versteckte Interessen zu erkennen bis hin zu psychologischen Großanalysen der betreffenden Personen. Das ist ebenso treuherzig wie übergriffig.

Reinhard K. Sprenger

Wir können keine Aussagen über die Beweggründe anderer Menschen machen, die über die Projektion der eigenen hinausgehen. Wir kommen, wie die Erkenntnistheorie uns sagt, aus dem hermeneutischen Zirkel der Selbstbezogenheit nicht heraus. Das einzige, auf was wir uns stützen können, ist die mehr oder weniger selektive Beobachtung des Verhaltens – also das, was öffentlich „zwischen“ Menschen geschieht, nicht „in“ ihnen.  

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Die Absage an den Mystizismus ist auch operativ hilfreich: Die Arbeit vieler Führungskräfte fordert vor allem schnelles Handeln.

Manchmal ist es besser, nicht zu sehr in sich zu gehen, um seine Pflicht zu tun. Das heißt nicht, dass einem Menschen egal sein dürfen. Aber wer alles weiß, handelt nicht.

Reinhard K. Sprenger

Wer jedwede seelische Befindlichkeit berücksichtigt, wer das Leid anderer Menschen zu (!) nahe an sich heranlässt, ist paralysiert. Er gleicht einem Chirurgen, der sich nicht traut, den ersten Schnitt zu tun. Oder eben jenem Gesinnungsethiker, dem es gleichgültig ist, was faktisch passiert – Hauptsache, er selbst fühlt sich gut.  

Was geht mich das an? Vielleicht lauschen Sie meinem Song „An mein Kind“.

SPRENGER Die Band: An mein Kind
Sontext

An mein Kind

Schau den Mann, sein Herz ist frisch gebrochen
Seine Träume, vom Wind verweht
Von seinem Kampf hast du keinen Schimmer
Also sei freundlich. Immer.

Sieh die Frau, sie hat ihr Spiel verloren
Das Tier war stärker als die Medizin
Von ihrem Kampf hast du keinen Schimmer
Also sei freundlich. Immer.

Sieh das Kind, das früh schon für Dämonen
Seiner Seele braucht die ganze Kraft
Von seinem Kampf hast du keinen Schimmer
Also sei freundlich. Immer.

Schau mich an, wie ich mich täglich mühe
Älter werdend Würde zu bewahren
Von meinem Kampf hast du keinen Schimmer
Also sei freundlich. Immer.

Das Trinker-Paar, wartend in der Schlange
Nervöses Lächeln, flatterhafter Blick
Von seinem Kampf hast du keinen Schimmer
Also sei freundlich. Immer.

Die erschöpfte Ruine eines Lebens
Wenn du sie siehst, erinnere dich daran
Das jeder Mensch, wem du auch begegnest
Kämpft seinen eignen Kampf.

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