German Gründlichkeit

Wer eine Zeitlang in den USA gelebt hat, vermisst dort nicht zuerst das gute Schwarzbrot – sondern die deutsche Ingenieurskunst.

Es ist schon unglaublich: Diese Nation ist zum Mond geflogen. Amerikaner haben die Wasserstoffbombe, den Herzschrittmacher und die Glühlampe erfunden – aber die Mischbatterie bei Badarmaturen ist an diesem Land vollkommen vorübergegangen. Wenn Sie sich in einem amerikanischen Badezimmer die Hände waschen wollen, können Sie bis heute nur zwischen Verbrühen oder Schockfrosten wählen.

Als ich in meine New Yorker Wohnung eingezogen bin, habe ich den Vermieter etwas irritiert gefragt, ob es denn keinen Regler für die Heizung gibt, um im Winter die Raumtemperatur einzustellen. „Of course“, meinte er fröhlich „we call it window!“

All das stört Amerikaner nicht besonders. Warum auch? Sie kennen es nicht anders. Ich jedoch habe bereits nach wenigen Wochen gemerkt, wie „deutsch“ ich in dieser Hinsicht bin.

Gründlichkeit als USP

Was die Erfindung und Entwicklung von Technik angeht, sind wir zwar nicht ganz so wagemutig wie die Amerikaner, doch unser Bestreben, Fehler zu vermeiden und stattdessen alle Probleme im Voraus zu durchdenken, hat eben auch positive Aspekte. Nicht umsonst hat uns diese Gründlichkeit zu Weltmarktführern in Küchenmaschinen, Duscharmaturen und Zylinderkopfdichtungen gemacht.

Hinweis
Als Vortragsredner spricht unser Kolumnist Vince Ebert auf Kongressen, Tagungen und Firmenfeiern in deutscher und englischer Sprache zu den Themen Erfolg, Innovation und Digitalisierung. Hier können Sie Vince Ebert als Keynote-Speaker für Ihren Event engagieren.

Wir sind eben fasziniert davon, den Kern einer Sache zu durchdringen. Das hat uns auch in der Wissenschaft sehr weit gebracht. Es waren deutsche Physiker, die vor einhundert Jahren herausgefunden haben, dass Licht sowohl eine Welle als auch ein Teilchen ist. Weil wir wissen wollten, was genau „Licht“ ist. Max Planck hat dazu die Quantenphysik entwickelt, Thomas Alva Edison dagegen nur die Glühlampe. Zugegeben: ohne ihn müssten wir wahrscheinlich bis zum heutigen Tag Netflix bei Kerzenlicht schauen.

Goethes Faust fasst diesen fast manischen Entdeckergeist wohl am besten zusammen: Wir wollen verstehen, was genau „die Welt im Innersten zusammenhält“.

Zusammenfassungen zum Thema bei getAbstract
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Faust I

Goethes Meisterwerk: Mit Faust und Mephisto rast der Leser vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Johann Wolfgang von Goethe Insel Verlag
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Faust II

Goethes Faust ist nicht nur ein Drama, sondern ein poetisches Universum. Der Schlüssel zu seinem Verständnis liegt im zweiten Teil versteckt.

Johann Wolfgang von Goethe Insel Verlag

Aber die technische Erfindung, die das am klarsten auf den Punkt bringt, ist der sogenannte Flachspüler. Eine Toilettenschüssel, die im Volksmund auch als „Kackrampe“ bezeichnet wird.

Toilettenanthropologie

Wie Sie vielleicht wissen, haben Toilettenschüsseln unterschiedliche Konstruktionsprinzipen: In Frankreich beispielsweise ist das Abflussrohr der Schüssel meist ganz hinten angebracht. So verschwindet alles, was man an festem Material produziert, sofort in den Tiefen des Raums.

Im angloamerikanischen Raum befindet sich das Loch meistens in der Mitte und ist mit Wasser gefüllt. Dadurch bekommen Sie bei jedem größeren Geschäft ein direktes, feuchtes Feedback.

Vince Ebert

Im Fachjargon heißt diese Toilettenschüssel: Tiefspüler. In Deutschland hat die Kunst der Toilettenarchitektur aber zu der bemerkenswerten Entwicklung des Flachspülers geführt.

In einem Flachspüler ist das Loch vorne angebracht, so dass das große Geschäft eben nicht sofort ins Wasser fällt. Nein! Es gleitet elegant auf die eigens konstruierte Rampe und kommt dort in seiner vollen Pracht zum Erliegen. Jedes Mal, wenn ich einem Amerikaner von der Funktionsweise des Flachspülers erzählt habe, erntete ich verständnisloses, angeekeltes Kopfschütteln. Bei einem New Yorker Bekannten führte es sogar dazu, dass wir nie wieder von ihm eingeladen wurden. „Wer solche Toiletten herstellt, ist zu allem fähig“, sagte er ernst.

Der Philosoph Slavoj Žižek hat sich bereits vor mehreren Jahren über dieses Phänomen Gedanken gemacht.

Žižek ist davon überzeugt, dass der eigentliche Grund für das unterschiedliche Toilettendesign in unseren historischen und kulturellen Wurzeln liegt.

Vince Ebert

Nehmen Sie zum Beispiel unsere französischen Nachbarn: Franzosen sind stark geprägt durch die Französische Revolution. Dort hieß es im Wesentlichen: Kopf ab und weg damit. Klassische Problemverdrängung, wenn Sie so wollen. We don’t give a shit.

Die angloamerikanische Mentalität dagegen ist deutlich pragmatischer und rationaler. „Lass den Gedanken doch erst einmal sinken …“  Deswegen: Loch in der Mitte, kurzes Feedback – danach ein rascher Druck auf die Taste und das Problem ist gelöst.

Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
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Who Built That

America’s “tinkerpreneurs” put the US in the lead of innovation and technological progress.

Michelle Malkin Simon & Schuster

Die deutsche Philosophie dagegen beschäftigt sich ausgiebig mit dem Schönen, Wahren und Guten, nicht zuletzt mit Metaphysik. Das Land der Dichter und Denker: „Lass uns die Dinge ganz genau betrachten. Aus allen Perspektiven. Mit all unseren Sinnen. Vergiss die Lösung, es ist das Problem, das zählt!“

Der Flachspüler ist also vielleicht sogar noch eine Spur klarer und treffender als Goethes Faust: Das in Porzellan gegossene Manifest der deutschen Seele!


Vince Ebert ist Diplom-Physiker, Wissenschaftskabarettist und Bestsellerautor. Sein Anliegen ist die Vermittlung wissenschaftlicher Zusammenhänge mit den Gesetzen des Humors. Seit 2004 ist er erfolgreich auf deutschsprachigen Bühnen unterwegs, ab Herbst 2020 mit seinem neuen Programm „Make Science Great Again!“ (Tickets & mehr…). Seine Bücher verkauften sich über eine halbe Million Mal und standen monatelang auf den Bestellerlisten. In der ARD moderiert er regelmäßig die Sendung „Wissen vor acht – Werkstatt“.


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Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
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The Design of Everyday Things

How to make products less confusing and more usable – it’s all in the design.

Donald A. Norman Basic Books

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Foto: Frank Eidel

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