Folge 15: Wenn Mitarbeiter weinen

Ninas Stiefschwester Zola entdeckt per Zufall eine ihrer Mitarbeiterinnen, die sich in der Frauentoilette versteckt – in Tränen aufgelöst. Nun ist sie verunsichert: Wie spricht sie die Situation an? Und: Ist es überhaupt ihre Aufgabe, sich der privaten Probleme ihrer Mitarbeiter anzunehmen?

Folge 15: Wenn Mitarbeiter weinen

„Grauenvoll!“ Zola ist außer sich. Erst dachte Nina, sie sei wütend. Doch nein, ihre Stiefschwester ist verzweifelt. Da muss wirklich etwas passiert sein. Nina legt eine Hand auf Zolas linken Arm. „Ganz langsam, erzähl mir die Geschichte noch mal von Anfang an.“ Zola atmet tief ein und schließt die Augen. „Beim wöchentlichen Teammeeting am Freitag ist mir aufgefallen, dass Kathrin fehlte. Ich hab angenommen, dass sie vermutlich krank ist. Niemand wusste, wo sie war, also fand das Meeting einfach ohne sie statt.“ Zola macht eine kurze Pause. Sie schluckt und fährt fort: „Nach dem Meeting musste ich aufs Klo … Und als ich die Tür der Damentoilette geöffnet habe, saß da Kathrin in der Ecke, auf dem kleinen Stuhl vor dem Spiegel. Ihr Make-up war völlig verschmiert und ich konnte sehen, wie ihr Körper von kleinen Schluchzern geschüttelt wurde.“ Nun öffnet Zola ihre Augen wieder und sieht Nina flehend an. „Und was hast du dann gemacht?“ Zola wendet sich ab: „Ich bin woanders pinkeln gegangen …“ Nina hebt eine Augenbraue, kann sich ein Schmunzeln aber nicht verkneifen. Ihrer Stiefschwester ist dagegen gar nicht zum Lachen zumute: „Mann, Nina, was hätte ich denn sagen sollen? Ich hasse so was, ich kann das nicht. Außerdem wollte sie ja offensichtlich sowieso allein gelassen werden.“ Sie hält kurz inne. Nina kann sehen, wie unangenehm ihr die Sache ist. Dann fragt Zola: „Und es ist ja auch nicht meine Aufgabe als Chefin, mich da einzumischen, oder?“

Hier würde Trauerbegleiter Thomas Achenbach entschieden widersprechen. Wenn Mitarbeiter am Arbeitsplatz weinen, stecken sie wahrscheinlich in einer Krise. Und es sind genau solche Zeiten, in denen sowohl Führungskräfte als auch das Unternehmen zeigen können, dass sie sich ehrlich für ihre Mitarbeiter interessieren. Und gerade als Führungskraft sollten Sie immer mit so was rechnen, denn:

In allen denkbaren Situationen persönlicher Krisen bei Angestellten ist die Führungskraft der erste Ansprechpartner. 

Thomas Achenbach

Sei es nur, um sachliche Informationen zu besprechen – wie zum Beispiel die Dauer einer möglichen Auszeit oder die Vertretung. Sich zu distanzieren und unangenehme private Themen möglichst zu meiden, ist also nicht nur unrealistisch, sondern auch kontraproduktiv. Nur weil Führungskräfte nicht um die Probleme ihrer Mitarbeiter wissen, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt.

Image of: Mitarbeiter in Ausnahmesituationen: Trauer, Pflege, Krise
Zusammenfassung (Buch)

Mitarbeiter in Ausnahmesituationen: Trauer, Pflege, Krise

Nicht wegsehen: Wie Unternehmen gut mit persönlichen Krisensituationen ihrer Mitarbeiter umgehen.

Thomas Achenbach Campus Verlag
Zusammenfassung ansehen

Viel besser ist es, sich präventiv auf solche Situationen vorzubereiten und gerade augenscheinliche Schwierigkeiten aktiv anzugehen. Dazu ist es wichtig, dass Führungskräfte stets ansprechbar sind. Nicht nur physisch müssen sie erreichbar sein – sondern auch oder vor allem emotional. Denn wer sich nicht ehrlich für den Mitarbeiter und seine Situation interessiert, schadet mehr, als dass er nützt.

Es ist immens wichtig, dass Sie zunächst einmal wirklich verstehen wollen, was Ihren Mitarbeiter beschäftigt, und dass Sie nicht einfach nur ein aus der Welt zu schaffendes Problem sehen.

Thomas Achenbach

Wird das Problem schließlich angesprochen, sind Ratschläge tabu. Der Mitarbeiter will gehört und verstanden werden. Effektive Lösungsvorschläge greifen da nicht – zumindest nicht im ersten Schritt. Als Führungskraft sollten Sie sich vor so einem Gespräch zudem fragen, ob sie überhaupt in der Lage sind, diese – zugegeben anstrengende – emotionale Arbeit leisten zu können. Und es ist kein Versagen, wenn Sie jemand anderes hinzuziehen.  

„Es gehört auch dazu, sich gegebenenfalls Hilfe zu holen, Zola. Falls du mit Gefühlen oder emotionalen Situationen nicht so gut umgehen kannst“, meint Nina. So kann man sich entweder – und mit nötiger Diskretion – an Kollegen oder aber an professionelle Krisenbegleiter wenden. „Was du nicht tun darfst, ist es einfach ignorieren. Biete ihr wenigstens die Option an, mit dir darüber zu reden. Schick ihr eine Meetingeinladung und sag dann, du hättest bemerkt, dass sie wohl einen schwierigen Tag gehabt hätte. Wenn sie darüber reden will, gut. Wenn nicht, gib ihr Anlaufstellen – gerade auch firmeninterne –, an die sie sich wenden kann, wenn sie möchte.“ Zola seufzt: „Werde ich tun. Aber weißt du, du hast leicht reden. Du kannst mit solchen Situationen so viel besser umgehen. Bist in Sachen Emotionen und Empathie wirklich viel besser als ich.“ Nina schweigt, sagt dann: „Na klar, ich bin diejenige, die die Firmenparty schwänzen wollte, weil ich keinen Bock auf Small Talk habe …“ Für einen kurzen Moment herrscht Stille. Dann fangen beide laut zu lachen an.

Ninas Welt
Nina ist 28 und Angestellte im Bereich Marktforschung. In ihrem Büroalltag erlebt sie immer wieder Situationen, in denen sie sich denkt: „Ich kann nicht die einzige mit diesem Problem sein.“ Wie gut, dass sie jetzt Zugang zur getAbstract-Bibliothek hat und ihre Lösungsvorschläge Gegenstand unserer neuen monatlichen Arbeitsweltkolumne sind, finden Sie nicht?

Share this Story