„Durchsetzungsstärke ist positive Aggression“

Jens Weidner unterstützt Gewalttäter dabei, Aggressionen in den Griff zu bekommen – und Manager, sie stärker auszuleben. Ein Gespräch über ein Gefühl, das in jedem von uns schlummert, aber richtig kanalisiert die Basis für Erfolg sein kann.

„Durchsetzungsstärke ist positive Aggression“
@jensweidner

Herr Weidner, woher kommt Ihre Faszination für das Thema „Aggressionen“?

Jens Weidner: Aus der Retrospektive: Als Schüler war ich Opfer von Aggressionen. Eher klein und schmächtig zwangen mich die größeren Jungs in der Klasse dazu, Mettwurstbrötchen mit lebenden Regenwürmern zu essen, sonst gab es Schläge. Das ging so lange, bis ich mich einmal im Klassenraum übergab und der Lehrer meinte: „Ich weiß nicht, warum du dich übergeben hast, aber was ich noch weniger verstehe ist, wieso sich das da bewegt!“ Damit hatte das ein Ende. Ob ich deswegen später Erziehungswissenschaften und Sozialarbeitswissenschaften studiert habe, weiß ich nicht. Aber es reizte mich. Und an der Leuphana Universität in Lüneburg konnte man es mit dem Schwerpunkt Kriminologie tun. Irgendwann kam mein Professor auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust auf ein Praktikum in den USA hätte, und zwar in einem Gefängnis. Das war jetzt nicht gerade meine Wunschvorstellung, aber ich sollte Geld, ein Auto und eine Wohnung bekommen. Und so kam es auch: Ich bekam 200 US-Dollar im Monat, eine alte Rostbeule und die Wohnung befand sich im Zellentrakt der erfolgreich therapierten Gewalttäter.

Jackpot …

Das war es dann am Ende wirklich. Die haben dort eine sehr erfolgreiche Therapiemethode angewandt, die ich gelernt habe. Und zu meinem eigenen Erstaunen ermöglichte mir diese Methode – ich bin ja eher der bürgerliche Typ (lacht) –, mit hochaggressiven Menschen zu arbeiten. Darüber habe ich dann meine Masterarbeit geschrieben, wurde quasi von einem Gefängnisdirektor eingekauft, promovierte und verdiente anständig. Bei einem Seminar lernte ich später den Direktor eines großen deutschen Sozialinstituts kennen, der ein neues Therapieprogramm für Gewalttäter entwickeln wollte. Wir haben mit dem Team einen Pitch gemacht, den haben wir gewonnen und so wurde aus einer Behandlung von zehn Gewalttätern pro Jahr eine Behandlung von 1000 bis 2000 Gewalttätern pro Jahr, verteilt auf den deutschsprachigen Raum. Und am Ende war es dann David Bosshart, Geschäftsführer des Gottlieb Duttweiler Institute for Economic and Social Studies, der sagte:

Du kannst doch gut mit Gewalttätern, kannst du das nicht auch für Manager anwenden?

Weil die alle zu aggressiv agieren?

Eben genau nicht! David Bosshart sagte damals: Wir haben so viele hochqualifizierte Frauen und Männer, die im Business ständig von Typen abgeschossen werden, die einfach taffer sind. Die setzen nur auf Qualität, es fehlt ihnen aber der Biss. Und er wollte, dass ich sie – nur ein wenig – aggressiver mache. Ich sollte sie verrohen. Und so haben wir eine neue Methode entwickelt, basierend auf der bestehenden, und wenden diese nun ebenfalls schon einige Jahrzehnte an. Zudem schrieb ich damals Die Peperoni-Strategie, was zum Bestseller wurde und damit zeigte: Das Thema trifft den Nerv der Zeit.

Allerdings: Aggressionen werden von den meisten Menschen spontan als schlecht empfunden. Es hat immer einen negativen Touch.

Erst einmal ja. Wenn Sie zu Ihrem Sohn sagen: „Ich werde nun zu einem aggressiven Erziehungsstil wechseln“ oder in Ihrem Team von jetzt auf gleich aggressiv agieren, würde ich Ihnen auch dringend raten, das nicht zu tun. Das ist aber nur die eine Seite. Psychoanalytisch gesehen ist Durchsetzungsstärke positive Aggression.

Denn ich kann destruktive Energie in konstruktive umwandeln.

Jens Weidner

Das nennt man Sublimieren, es ist die Umsetzung aggressiver Energie in kulturelle Leistung. Insofern ist das positiv und wissenschaftlich wasserdicht. Trotzdem sprechen wir von Seminaren zur Förderung der Durchsetzungsfähigkeit oder „Positioniere dich erfolgreich“ – denn breit akzeptiert ist die Sache mit dem positiven Einsatz von Aggression natürlich noch immer nicht.

Sie haben sich in Ihrem Leben mit sehr aggressiven und sehr friedliebenden Menschen auseinandergesetzt. Wie kommt es, dass einige ihre Aggressionen „im Griff“ haben und sie bei anderen unkontrolliert herausbrechen?

Hier geht’s ja um eine Frage der Sozialisationsforschung, um die Entwicklung des Menschen. Warum wird man Banker – oder Bankräuber? Die Antwort darauf ist immer die gleiche: Sie sind immer ein bisschen biologisch determiniert. So gibt es auf der einen Seite Yoga-Babys, die Sie quasi „wachrütteln“ müssen, damit sie mal einen Still- oder Essensvorgang abschließen, weil die so entspannt sind. Und andere Babys machen einen derartigen Terror, dass die Eltern schon nach drei Monaten klinikreif sind. Die haben sozusagen etwas mehr Energie mitbekommen. Ab hier ist es nun eine Frage von Kultur, Sozialisation und Erziehung: Schafft man es, diese Power in eine gute Richtung zu lenken, dann wird aus diesem Baby jemand, der eine Firma gründet, Arbeitsplätze schafft und fair zu seinen Mitarbeitern ist. Schafft man es nicht, wird aus einem kleinen Quälgeist später eher ein gewalttätiger Hooligan.

Viele gehen ja davon aus, dass, wenn man einmal in die Gewaltschiene abgerutscht ist, es keinen Weg mehr heraus gibt.

Das ist natürlich nicht so. Es gibt die Theorie der produktiven Realitätsverarbeitung:

Wir sind alle in der Lage, jederzeit unsere Realität neu zu gestalten.

Jens Weidner

Auch Sie könnten jetzt nach diesem Gespräch aufstehen, Ihre Familie verlassen, Ihr Kind verlassen, das wäre grundsätzlich möglich. Und wenn man dieses Wissen seinen eigenen Handlungen zugrunde legt, dass eben jeder seine Realität produktiv verändern kann, lassen sich positive Veränderungen erreichen. Dazu braucht es nur rund fünf Prozent Eigenmotivation innerhalb einer Therapie, dann gelingt das mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Lassen wir die Auswirkungen auf andere einmal außen vor. Was ist auf Dauer besser: seine Aggressionen auszuleben oder sie zu unterdrücken?

Rauslassen! Sie konstant zu unterdrücken macht auf Dauer krank. Denn das bedeutet ja auch, dass es einen konstanten Auslöser gibt. Die sind hochindividuell, und in unserer Arbeit spüren wir sie auf und unterstützen dabei, die ausgelöste Aggression zu kanalisieren. Wobei jeder selbst herausfinden muss, wie ihm das am besten gelingt. Wichtig ist nur, den Aggressionen auf den Grund zu gehen, und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ansonsten wird man auf Dauer ein Magengeschwür oder eine Bulimie entwickeln, nach 21:30 Uhr zu viel Alkohol trinken oder andere ungesunde Dinge tun, bei denen Autoaggressionen eine Rolle spielen.

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Zusammenfassung (Buch)

Hart, aber unfair

Vom Opfer zum Täter: So tricksen Sie Ihre Gegner aus.

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Gibt es so etwas wie einen idealen Blitzableiter, wenn es darum geht, seine Aggressionen herauszulassen?

Der Klassiker ist sicher Sport. Aber auch Kultur. Also jede Art von Kreativität. Ich kann mir vorstellen, dass Sie, wenn Sie schreiben, eine Art Tunnelblick entwickeln. Sie nutzen die Kraft der Aggression, um einen Artikel zu schreiben, der das Zeug hat, einen Effekt zu erzielen, vielleicht einen Sturm auszulösen. Sie haben Ihre Alltagsaggression kompensiert, umgewandelt – und so geht es mir selbst beim Schreiben auch.

Wenn ich mal wieder ein wenig ‚aggro‘ unterwegs bin, weil in meinen Augen jemand Mist an der Fakultät gebaut hat, setze ich mich hin und schreibe bis 23 Uhr an einem Buch. Ich bin dann total erschöpft, habe aber die Power dieser Aggression genutzt, um produktiv zu arbeiten, und kann entspannt schlafen.

Jens Weidner

Wenn ich mir derzeit die Medien anschaue, beschleicht mich das Gefühl, die Welt wird immer aggressiver. Wie erleben Sie das?

Die Welt war immer aggressiv. Wir haben ja aktuell die unterschiedlichsten Konflikte, gleichwohl gibt es immer weniger Aggression auf den Straßen. Die Anzahl an Vergewaltigungen, Schlägereien, Raubüberfällen hat sich in den letzten Jahren konstant verringert. Man könnte also meinen, die Gesellschaft werde pazifistischer. Aber:

Was exponentiell explodiert ist, ist die Bereitschaft zu mobben. Weil die Möglichkeiten dazu so unglaublich einfach und zahlreich sind.

Jens Weidner

Ich könnte nun auf Ihrem LinkedIn-Profil ein paar Statements über die dümmste Journalistin der Welt veröffentlichen, schreibe noch einen komischen Satz dazu und alle Frauenhasser werden sich mit einklinken. Zudem kann ich Ihnen ja anonym drohen, ich kann mir ja ein Fakeprofil erstellen und mit dem agieren. Diese Freiheit, aus der Anonymität heraus Menschen zu verletzen – in jedem von uns steckt nun einmal etwas Böses, mal mehr, mal weniger – kann ich nun legal ausleben, mit mir und meinem Computer. Ich kann Macht über andere haben, indem ich, bleiben wir bei dem Beispiel LinkedIn, um 23 Uhr noch einen Post schreibe, weil ich weiß, dass Sie dann nicht ruhig schlafen können. Ich habe, entspannt vor meinem Computer sitzend, Macht über Ihren Alltag, Ihre Gefühle, Ihr Leben.

Gibt es Gruppen, in denen Mobbing besonders verbreitet ist?

Mobbing gab es auch immer schon. Besonders in den Schulen in den Jahren zwischen der siebten und zehnten Klasse. Und Mädchen sind hier meilenweit vorne. Es ist wirklich der einzige Straftatbereich, in dem Mädchendelikte überwiegen. Auch viele meiner Studentinnen in der sozialen Arbeit waren Opfer von Mobbing oder haben selbst gemobbt, um nicht selbst zum Opfer zu werden. Insofern haben wir also auf den Straßen – auch durch Corona – weniger Aggressivität, dafür aber eine Zunahme an häuslicher Gewalt. Und wir haben ein exponentielles Wachstum von Hass im Internet, weil Mobbing dort derzeit noch weitgehend straffrei ist.

Wie schaffe ich es, dass ich selbst in diesen doch sehr herausfordernden Zeiten nicht durchdrehe?

Das ist eine Frage des Mindsets. Also wie man als produktive Realitätsverarbeiterin die Wirklichkeit wahrnimmt. Und wenn man sagt: Klar, der momentane Zustand ist schwierig, aber ich schaue trotzdem nach vorne. Optimismus bedeutet ja nicht, immer nur gut drauf zu sein, sondern eine konkrete Idee der eigenen Zukunft zu haben. Was wird man, ganz konkret, in drei Monaten tun? Zum Beispiel: In drei Monaten fahre ich wieder ans Meer, da kann ich wieder reisen. Und ist das in drei Monaten doch nicht möglich, setzt man sich einen neuen Termin.

Arbeiten Sie mit einem positiven Zukunftsentwurf. Menschen, die das tun, kommen besser durch eine Krise.

Jens Weidner

Wer stattdessen im Alltag festhängt, und der ist derzeit nicht witzig, wird irgendwann aggressiv. Aggressiv auf das Virus, auf die Welt, die Medien, den Arbeitgeber, die Eltern. Und dann entsteht Wut. Und die sucht sich ihre Bahn. Es ist einfach besser, die Aggression zu kanalisieren, und das ist Einstellungssache. Optimismus bedeutet ja nicht „Alles ist rosarot“. Optimisten haben die Bereitschaft, zu verlieren. Sie verfügen über ein besonderes Maß an Risikobereitschaft.

Ein Beispiel dazu?

Ich selbst schiebe immer etwa zehn Projekte gleichzeitig an. Und ich denke: Von denen werden fünf auf jeden Fall etwas. Erfolgreich werden in der Regel aber nur zwei. Und zwar zwei, von denen ich angenommen hatte, dass sie sicher wenig Erfolgsaussichten haben. Ich liege also immer falsch. Aber da ich weiß, dass ich immer falschliege, setzt mir das nicht zu. Ich nennen das Schrotgewehrprinzip. Als Pessimist würde ich nun sagen: Acht Projekte sind nichts geworden, was für eine vergeudete Zeit, was für eine schlimme Quote. Als Optimist sage ich: Ohne meine herausragende Schrotgewehrstrategie hätte ich diese zwei Perlen nicht gefunden. Genial! Es ist immer eine Frage der Bewertung. Optimisten haben einen Leitsatz: Am Erfolg bin ich Schuld, am Misserfolg die anderen. Jeder Optimist weiß natürlich, dass das Selbstbetrug ist. Aber diese Haltung hat ganz konkrete körperliche Folgen: Sie führt zu besserem Schlaf, zu besserer Arbeitsleistung. Und zu einer positiveren Selbsteinschätzung. Optimisten, so sagt man, leben im Durchschnitt 19 Prozent länger als Pessimisten. Dasselbe zeigt sich bei Untersuchungen in Kliniken: Optimistische Menschen werden eher, oder schneller, gesund.

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Zusammenfassung (Buch)

Die Peperoni-Strategie

Mehr Biss im Beruf zeigen, und der Karriere steht nichts mehr im Weg. (Aber passen Sie auf, dass Ihnen die Schärfe nicht im Hals stecken bleibt!)

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Kann ich als Pessimist optimistisches Denken lernen?

Ja. Es ist immer ein Frage der intrinsischen Motivation. Den meisten Erfolg haben Menschen, die im Tandem arbeiten: Pessimisten unter optimistischer Führung. Zum Beispiel, wenn Sie als CEO 300.000 Euro investieren wollen, aber mit einem Pessimisten zusammenarbeiten, der zufälligerweise der Prokurist des Ladens ist, und sagt: „Bist du irre? Das rechnet sich nicht, dann sind wir bei der Steuererklärung nicht liquide.“ Eine Win-win-Situation. Denn als Optimist können Sie so zwar an der Investition festhalten, jedoch an einer, die das Geschäft nicht kaputtmacht. Es gibt Berufe, in denen Pessimisten für das Wohl der gesamten Organisation sorgen – wenn sie richtig eingesetzt sind. Nehmen wir einen Sicherheitschef: Der sieht in allen Menschen das Schlechte, für ihn ist jeder ein potenzieller Verbrecher. Doch seine Einstellung erhöht die Sicherheit der Organisation, weil er natürlich die Sicherheitsvorkehrungen konstant ausbaut – und nicht alles verriegeln und verrammeln kann, weil man wiederum seinem Wirken Grenzen setzt.

Sie schreiben oft über den sogenannten Best-of-Optimisten. Was zeichnet diesen aus?

Er traut sich, Projekte anzugehen, ohne unter Kritik und gemachten Fehlern zu leiden. Ein Best-of-Optimist kann einen Haufen einstecken. Diese Menschen sind innovationsfreudig und bereit, um der Innovation willen zu scheitern. Als Best-of-Optimist starte ich mutig, und wenn ich es schaffe, werden die Kritiker am Ende Abbitte leisten. Solche Macher sind immer ein wenig getrieben, gehen selten wirklich in Pension. Sie gründen selbst im höheren Alter noch neue Firmen. Sie agieren aus einer gewissen Freiheit heraus, was auch dafür sorgt, dass sie stets gut gelaunt ausschauen.

Kommen wir zur letzten Frage: Wie gehe ich als Optimist mit Pessimisten in meinem Team oder unter meinen Mitarbeitern um?

Respektvoll, motivierend. Delegieren Sie Schutzmaßnahmen, Regelabklärungen, Compliance-Angelegenheiten und alles, was keinen Mut braucht, an sie. Alles andere macht die todunglücklich. Und wenn Sie merken, dass die Leute sich trotz all dieser Sicherheitsaufgaben zu Optimisten entwickeln: Befördern Sie sie!

Über den Autor
Jens Weidner lehrt Erziehungswissenschaften und Kriminologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Er hat auch das Buch Die Peperoni-Strategie verfasst und ist Entwickler eines Anti-Aggressivitäts-Trainings für gewalttätige Wiederholungstäter.

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