Psychologisierung ist ein Irrweg

Es gab eine Zeit, da war das Seelenleben eines Menschen gottähnlich. Es galt als uneinsehbar, hermetisch verschlossen, nicht zugänglich. Das ist lange her. Die Zeichen stehen auf Transparenz: Alles soll sich öffnen, alles muss ans Licht gezogen werden. Das ist ein Fehler.

Reinhard K. Sprenger, zvg

Das ist der Einsatzpunkt der Psychologie. Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts entthront sie Gott und alphabetisiert unser Gefühlsleben. Sie erlaubt uns den unscheuen Blick aufeinander und gibt uns eine Sprache, gewisse psychische Vorgänge (von der sie behauptet, dass es sie gibt) wahrzunehmen und über sie zu sprechen. Dank unseres psychologischen Wissens können wir nun beim Reden über unsere Befindlichkeit auf vorformulierte Interpretationsmuster zurückgreifen. Wir reden dann vom Ödipus-Komplex, von Verdrängungen, vom Über-Ich.

Auch die Unternehmen nähern sich den „mentalen“ Dimensionen ihrer Mitarbeiter mithilfe der Psychologie und ihren intuitiv eingängigen Sprachkreationen.

Da gibt es griffige Typentaxonomien für Mitarbeiter, rote, grüne und blaue Typen, Team-Präferenz-Profile, große ‚Eltern-Ichs‘ und kleine ‚Erwachsenen-Ichs‘, man identifiziert INTJs und ESFPs und derlei Staunenswertes mehr.

Auf den Schreibtischen von Mitarbeitern einiger Firmen stehen Displays, die das jeweilige „Stärken-Schwächen-Profil“ ausweisen – damit man psychologisch sensibel kommunizieren kann. Auf den Chefetagen diagnostiziert man viel „Narzissmus“ (die Nachfolger-Mode von Burnout), ja „Psychopathen“ oder Sonstwieverkrümmte, die man sich alle männlich vorstellen muss und die mit Tunnelblick und Dominanz das ganze Unternehmen gefährden.

In Kreativitätsworkshops entdeckt man das „innere Kind“ (wo hatte es sich nur versteckt?), bei Team-Entwicklungen steht man im Kreis, fasst sich an den Händen, schließt die Augen und singt Gemeinschaftsförderndes. In Mitarbeitergesprächen kommt allerlei Unausgesprochenes „zur Sprache“. Und in Assessment-Centern kommt man „hinter“ etwas und „entdeckt“ so manch wohlweislich Verstecktes: Die Psychologie behauptet ja eine Hintergrund-Ebene, auf der ein „Eigentlich“ hinter den beobachtbaren Phänomenen verborgen steuert: „Da steckt doch was dahinter!“ Hat jemand „herausgefunden“, zu welchem Typ er gehört und in wessen Stammesreihe er sich einflechten darf, hat er das Problem der Selbstfindung gelöst. Die Gattung verschluckt das Unergründbare.

Kein Zweifel: Die Psychologie hat sich krakenhaft in die Unternehmen hineingearbeitet und den Unternehmen den Erlaubnisschein für jedwede mentale Intervention ausgestellt.

Das Management, das ja ständig die Grenze zwischen der Verantwortlichkeit des Individuums und der Organisationsstrukturen verhandelt, hat nun die Möglichkeit, in therapeutischer Absicht die Organisation bis weit in die Privatsphäre der Menschen vorzuschieben. Für alles, was früher Manager und Mitarbeiter einfach nur taten, gibt es heute eine eigene Didaktik: das psychologisch Richtige.

Was ist davon zu halten? Wenig.

Paul Valery schrieb: „Der Mensch ist nur an seiner Oberfläche Mensch.“ Die Oberfläche ist diejenige, auf der Menschen wohnen. Wir sind gut beraten, den anderen für das zu nehmen, was wir beobachten können. Wir müssen die Oberfläche respektieren. Sie darf nicht „Fassade“ sein, hinter die wir zu schauen versuchen. Wir müssen die Ich-Grenzen respektieren, uns verbeugen vor der Inidividualität und Unverstehbarkeit des anderen. Und wir müssen uns entlasten von dem „Da steckt doch was dahinter.“

Wenn wir ebenso respekt- wie liebevoll Distanz zum andern halten, dann sollten wir ihn in seiner Unverstehbarkeit ehren. Ihn als Geheimnis betrachten. Wir sollten den Einzelnen wieder entrücken, verhüllen, erhöhen. Ihn wieder auf den Sockel stellen.

Nur wenn wir jemanden intransparent lassen, behält er seine Magie. Denn aus der Distanz sehen wir den Anmut, aus der Nähe die Poren.

Wie Sie dieses Abstandnehmen konkret in Ihrem Managementalltag herstellen? Das wissen Sie selbst! Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie denken (und tun) sollten, sondern nur wie Sie denken können. Wenn Sie sich dem zuvor Gesagten anschließen, fallen Ihnen bestimmt etliche Institutionen in Ihrer Firma ein, die hochinvasiv sind. Und auf die Sie verzichten können. Wenn Ihnen Anstand wichtig ist.

Den anderen ehren, indem wir gerade nicht psychologisieren, das habe ich in einen Song gegossen. Hier können Sie ihn hören:

Song
Titel: SPRENGER Die Band – Ich will dich nicht verstehn
Hier können Sie das Album „Sprenger 5“ bestellen.
Songtext

Ich will dich nicht verstehn

Ich lass dich unbekannt
Du bleibst Poesie
Schalt die Lichter aus
Seh ohnehin zuviel

Ich senke meinen Blick
Will nur dein Rätsel sehen
Rühr nicht am Tabu
Bleib vor dem Schleier stehen

Mysterium befreit
Weil es nicht alles zeigt
Nur das Geheimnis bleibt
Ich will dich nicht … will dich nicht verstehen

Ich bleib dir gerne fremd
Lauer dir nicht auf
Durchsuche nicht dein Herz
Will dich nicht durchschaun

Der Schein um dich herum
Vor Leichtigkeit so schwer
Dein inneres Heiligtum
Da ist noch so viel mehr

Mysterium befreit
Weil es nicht alles zeigt
Nur das Geheimnis bleibt
Ich will dich nicht … will dich nicht verstehen

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