Folge 5: Freundschaften am Arbeitsplatz

Ninas Kollegin Ellen drängt sie immer wieder dazu, privat etwas gemeinsam zu unternehmen. Nina jedoch reicht eine Arbeitsbeziehung vollkommen aus. Doch wie bringt sie das Ellen schonend bei? Und was wird das Team sagen?

Folge 5: Freundschaften am Arbeitsplatz

Tatort Kaffeeautomat. 7 Uhr am Morgen. «Nina!», schallt es durch den Büroflur und Nina zuckt zusammen. Wieso ist Ellen schon da? Die kommt doch sonst erst um acht. Und das weiß Nina ganz genau. Schließlich erscheint sie selbst seit einigen Tagen 45 Minuten früher am Arbeitsplatz, um eben besagter Ellen nicht auf dem Flur zu begegnen.

Es ist mittlerweile fast allen Kollegen aufgefallen, dass Nina und Johannes immer öfter gemeinsam etwas unternehmen. Doch während alle anderen verstanden haben, dass Nina eigentlich nur mit Johannes mehr Zeit verbringen will, versucht Ellen sie ständig zu Aktivitäten abseits des Büroalltags zu überreden. So auch heute. «Nina, ich bin heute früher dran, weil wir nach Feierabend wieder losziehen. Kommst du wenigstens heute mal mit?» Nina versucht es mit «Weißt du…», und Ellen verdreht die Augen. «Kapiert. Nicht dein Ding.» Dann fügt sie an: «Aber am Wochenende? Schreib mir nachher einfach kurz, wann es dir passen würde.» Grinsend verabschiedet sich Ellen und Nina trägt ihren mittlerweile kalten Kaffee zum Schreibtisch. Kaum sitzt sie, poppt schon ein «Ich warteeee!!» im Team-Chat auf – zusammen mit fünf Emojis.

Nina erinnert sich an die Geschichte mit ihrem Chef. Sie musste damals zwar Mut aufbringen, sich zu wehren. Doch es gab plausible Gründe. Bei Ellen fühlt sich Nina jedoch gleichermaßen als Opfer und als Täter. Einerseits möchte Ellen nur ihre Freundin sein, und das ist grundsätzlich ja erst einmal positiv zu bewerten. Andererseits respektiert Ellen Ninas Grenzen nicht. Svenja Hofert und Thorsten Visbal kennen die Probleme der «anonymen Einzelkämpfer». In ihrem Buch

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Zusammenfassung (Buch)

Ich hasse Teams!

Teams sind toll. Manche kriegen darin sogar die Tollwut.

Svenja Hofert und Thorsten Visbal Eichborn Verlag
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erklären sie, warum einige Menschen ihre Arbeit am liebsten allein erledigen. Sie zeigen auf, dass deren Wunsch nach Teamgeist seinen Ursprung eher im Konformismus und Karriereeifer hat. Doch damit ecken sie an und sie haben es zwischen all den idealisierten Vorstellungen von Teamarbeit nicht leicht. Vor allem, wenn die Ellens dieser Welt jeden Kollegen gleich zum neuen Familienmitglied küren.

Die Autoren sprechen vielen anonymen Einzelkämpfern aus der Seele. Ihr Rat: Am besten ehrlich und direkt sein. Wer nicht viel erzählen mag oder lieber Zeit mit seiner Familie verbringen will, soll genau das sagen. Es ist okay, der ruhigere Typ zu sein und das auch so zu kommunizieren. Eine solche Offenheit beugt einem Ruf als «mysteriöser Einzelgänger» vor und hält andere davon ab, sich private Dramen zusammendichten. So sympathisch Gespräche über Privates bei anderen ankommen, sie liefern Angriffsfläche. Plötzlich macht einen die kürzliche Scheidung unzuverlässig und wird zum Kündigungsgrund umfunktioniert. Und mit dem unter der Hand verratenen „geheimen Kinderwunsch“ wirft man sich vielleicht sogar selbst raus. Deshalb tut man in einem beruflichen Umfeld tatsächlich gut daran, bei oberflächlichen Themen zu bleiben – gerade, wenn man das selbst möchte. Verpasst man so die ein oder andere Büroparty? Möglich. Aber man bleibt sich selbst treu. Und ist damit nicht der asoziale Eigenbrötler, sondern ein charakterstarkes Original. Zudem kann eine zwanghafte dauernde Freundlichkeit der Karriere genauso schaden, denn:

Zu starke Anpassung an das Team kann dazu führen, dass Menschen das Gespür für eigene Stärken, Wünsche und das «Ich» verlieren

Svenja Hofert und Thorsten Visbal

Nina fasst sich also ein Herz, sie bittet Ellen um eine kurze Kaffeepause. Mit einer etwas zittrigen Stimme erklärt sie ihr, dass Arbeitskollegen eben für sie Kollegen sind und sie nicht mit jedem auch eine private Freundschaft pflegen muss. Ellen reagiert überraschend ernst und verständnisvoll – von dem Schultertätscheln und dem «Ist doch okay, Nina!» mal abgesehen. Und auch Johannes wird nicht thematisiert. Das findet Nina zwar komisch, denn ihre regelmäßigen Treffen widerlegen ja eigentlich den Fakt, dass sie Arbeit und Beruf gerne trennt. Doch Ellen scheint verstanden zu haben. Denn in den kommenden Tagen gibt es mal hie und da eine kurze Plauderei. Weitere Einladungen bleiben aber aus. Nina fühlt sich endlich richtig respektiert. Und das Team? Auch hier gibt es kein negatives Feedback.


Ninas Welt
Nina ist 28 und Angestellte im Bereich Marktforschung. In ihrem Büroalltag erlebt sie immer wieder Situationen, in denen sie sich denkt: «Ich kann nicht die einzige mit diesem Problem sein.» Wie gut, dass sie jetzt Zugang zur getAbstract-Bibliothek hat und ihre Lösungsvorschläge Gegenstand unserer neuen monatlichen Arbeitswelt-Kolumne sind, finden Sie nicht?

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