Folge 1: Der passiv-aggressive Chef

Ninas Vorgesetzter versetzt ihr in letzter Zeit häufig bewusst gesetzte Nadelstiche, nun sogar im Beisein der Kollegen. Konsequenzen hatte das bisher nicht. Was kann Nina dagegen tun?

Folge 1: Der passiv-aggressive Chef
Illustration: Christina Baeriswyl

Nicht sagen, was man denkt, es aber trotzdem deutlich zeigen: Aggressivität kann indirekt sein – ohne ihr Ziel zu verfehlen. Auch die Zeichen von Ninas Chef sind subtil. In einem Meeting fragt er sie plötzlich, weshalb sie ihm ihren heutigen Beitrag nicht geschickt hat. Augenblicklich setzt sie zur Verteidigung an: «Sie haben mir nicht gesagt, dass ich…».

Aber er unterbricht ihren Satz mit lautem Seufzen und sagt: «Ist gut, Nina, ist gut. Dann machen wir’s eben ohne den Beitrag. Aber künftig erwarte ich, dass Sie ihre Mails regelmäßig abrufen.» Alle starren Nina an. Und obwohl sie genau weiß, dass er ihr nichts von einem Beitrag gesagt hat, nickt sie schweigend. Mittlerweile schläft Nina vor jedem Meeting unruhig. Spricht sie ihren Chef darauf an, gibt er sich unwissend: Sie solle nicht alles persönlich nehmen.

Eigentlich weiß Nina es besser. Die Art, wie ihr Chef mit ihr spricht, wie er sie bevormundet, vor möglichst vielen Leuten grundlos bloßstellt: Alles gezielte Angriffe. Erst kürzlich gab es in der Firma einen Workshop zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation“. Gebessert hat sich aber nichts. Offenbar denkt ihr Chef, in nett formuliertem Mobbing ein Schlupfloch gefunden zu haben. Wieso kommt er damit durch? Autor Markus Fischer, Pionier der gewaltfreienKommunikation in Deutschland und Ausbilder von Coaches und Mediatoren in dieser Methode, weiß es: Worte spielen bei verbaler Gewalt nur eine untergeordnete Rolle, und es gibt per se keine gewaltfreie Sprache. Was einen Satz böswillig macht, ist die Intention. Fischer plädiert deshalb für einen neuen Denkansatz:

Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
Image of: Die neue gewaltfreie Kommunikation

Die neue gewaltfreie Kommunikation

Fair kommunizieren und dabei sich selbst treu bleiben.

Markus Fischer BusinessVillage GmbH

Der Grund, warum sprachliche Gewalt trotz Workshops so selten aufhört, liegt also darin, dass ein veränderter Umgang eine Persönlichkeitsentwicklung der Beteiligten voraussetzt. Alles andere endet falsch:

Bei guten Intentionen in Repression, bei böswilligen in passiver Aggressivität.

Nina kann ihr Problem also theoretisch begründen – das ist gut zu wissen. Um gegen die Angriffe ihres Chefs vorzugehen, hat sie nun zwei Optionen. Die erste ist so einfach wie rabiat: ein Jobwechsel (übrigens auch nicht ganz aggressionslos). Aber: Will sie wirklich aufgeben? Nein, sie will mehr von ihrem beruflichen Leben. Bloßes Ausharren passt also genauso wenig zu ihrem Plan. Deshalb entscheidet sie sich für die zweite Option: Aktiv werden.

Sie erinnert sich an die Mitarbeiter, die sie während der Meetings nur angestarrt haben und beschließt, einige von ihnen darauf anzusprechen. Das Ergebnis der Gespräche überrascht sie. Tatsächlich verstehen sie Nina und erzählen ihr von ihren eigenen Erlebnissen mit demselben Chef. Nina sammelt die Aussagen ihrer Mitarbeiter, genauso wie E-Mails, in denen ihr Chef sie indirekt beleidigt, beschuldigt oder sich in seinen Vorwürfen verstrickt.

Mit den gesammelten Beweisen steht Nina jetzt vor dem schwierigsten Teil des Aktivwerdens: Dem Gang zur Personalabteilung.

Andere mögliche Instanzen wären der Geschäftsführer, eine Gewerkschaft oder gar ein Anwalt. Tausende Ausreden hat sich Nina bereits überlegt, sie manchmal sogar geglaubt, um das Problem nur bloß nicht so groß werden zu lassen, dass sie ihre Komfortzone verlassen und sich aktiv für sich selbst einsetzen müsste.

Nun klopft sie an der Tür, und danach erzählt sie alles. Vom permanenten Stress, vom eigenen Motivationsverlust (und dem der anderen), den Produktivitätseinbußen des ganzen Teams. Sie untermauert ihre Aussagen mit den Nachweisen, die sie über die letzten Wochen gesammelt hat, gibt – nach Rücksprache mit den Kollegen – auch die Namen derer an, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und darüber Auskunft geben würden.

Als sie die Tür des Büros wieder hinter sich schließt, ist Nina so erleichtert wie schon lang nicht mehr. Denn von nun an herrschen klare Verhältnisse: Entweder ihr Problem wird ernstgenommen. Oder sie stellt fest, dass dieser Arbeitsort nichts für ihre Zukunft ist.


Ninas Welt
Nina ist 28 und Angestellte im Bereich Marktforschung. In ihrem Büroalltag erlebt sie immer wieder Situationen, in denen sie sich denkt: «Ich kann nicht die einzige mit diesem Problem sein.» Wie gut, dass sie jetzt Zugang zur getAbstract-Bibliothek hat und ihre Lösungsvorschläge Gegenstand unserer neuen monatlichen Arbeitswelt-Kolumne sind, finden Sie nicht?

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