Stadtluft macht frei!

Warum lassen sich so viele Menschen in Berlin nieder und nicht in Büttelborn? Die überraschende Antwort: Weil in Berlin deutlich mehr positiv Verrückte herumlaufen.

Also Leute mit exotischen Beziehungsmodellen, verschrobenen Geschäftsideen, grotesk anmutenden Lebensentwürfen. Diese Konzentration enormer Heterogenität sorgt interessanterweise nicht für mehr Komplikationen im Miteinander, sondern für mehr kreativen Austausch, mehr Experimentierfreude und, am Schluss, sogar für mehr Wirtschaftswachstum. Was aller Unkenrufe zum Trotz für Berlin gilt, gilt in noch viel stärkerem Maße für New York – eine Stadt, in der ich fast ein Jahr gelebt habe.

Im „Big Apple“ trifft man permanent auf die skurrilsten Gestalten. Einmal saß mir in der Subway ein Typ gegenüber, der leise in sein Handy gesprochen hat. Plötzlich beugte er sich zu mir herüber und sagte: „Bist du dir wirklich sicher, dass du von Jesus Christus gerettet wirst?“ Irritiert blickte ich auf sein Handy und fragte: „Ist er etwa dran? Kann ich kurz mit ihm sprechen?“ Ich bin zwar Atheist, möchte aber deswegen noch lange nicht, dass dort oben schlecht über mich geredet wird.

Jedes Mal, wenn mir so etwas passierte, habe ich mich gefragt: Warum tust Du Dir diese Stadt an? Die Antwort ist banal: Weil es so unglaublich aufregend ist! In New York leben mehr Polen als in Warschau, mehr Iren als in Dublin – und es gibt keinen Ort außerhalb Chinas, an dem sich mehr Chinesen aufhalten. Luzern ausgenommen. Und alle inspirieren sich gegenseitig.

Kleibers Gesetz

Aus der Biologie ist bekannt, dass ein Organismus umso träger und langsamer abläuft, je größer er wird. Ein Phänomen, das als „Kleibers Gesetz“ bezeichnet wird. Daher ist eine Gazelle deutlich spritziger als ein Blauwal. Geht es aber um Kreativität, Ideenreichtum und Innovationsfähigkeit, dann verhält sich die Sache genau umgekehrt. Der Physiker Geoffrey West fand heraus, dass eine zehnmal größere Stadt siebzehnmal innovativer ist als die kleine. Dazu maß er die Anzahl von Patenten, die Größe von Forschungsetats oder die Verbreitung schöpferischer Berufe. Eine fünfzigmal größere Stadt ist schon hundertdreißigmal innovativer. In der Physik bezeichnet man das als „superlineare Skalierung“.

In einer größeren Stadt steigt also nicht nur die Gesamtzahl der Ideen, sondern auch der Ideenreichtum pro Einwohner.

Vince Ebert

In großen Metropolen läuft deshalb auch alles schneller ab. Vor einigen Jahren haben Forscher die Gehgeschwindigkeiten der Menschen in unterschiedlichen Städten gemessen. Es ergab sich, dass New Yorker doppelt so schnell gehen wie die Einwohner von Bern. Das Klischee stimmt also wirklich. Und in meiner Heimatstadt Amorbach, einer Viertausend-Seelen Gemeinde mitten auf dem Land, ist es sogar noch extremer. Wenn Sie von der Fußgängerzone in Amorbach einmal pro Stunde ein Foto aufnehmen und aus den Bildern ein Daumenkino basteln, dann bewegen sich beim Abspielen die Leute in normaler Geschwindigkeit!

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Wahrscheinlich gibt es wenige Orte auf der Welt, die ähnlich herausfordernd sind wie der Big Apple. Der Lärm, der Geruch, die hohen Kosten, die extremen Temperaturen, das ständige Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten Kulturen und sozialen Schichten, die Präsenz von Menschen aller Art auf vergleichsweise kleinem Raum. Wimmelt es auf der einen Straßenseite vor Wallstreet-Bankern in teuren Maßanzügen, begegnet man auf der anderen schon den armen Teufeln, die emotional zerstört und schreiend an jeder fünften Ecke stehen – all das ist körperlich und seelisch extrem kräftezehrend. Ich kann verstehen, dass dieser Irrsinn für viele nicht infrage kommt. Erst recht in Zeiten von Corona.

Und dennoch hat diese Stadt für viele nach wie vor eine große Faszination. Als im Jahre 1626 niederländische Seefahrer den ansässigen Ureinwohnern dieses Stück Land für gerade mal sechzig Gulden abgekauft haben, war alles andere als klar, dass auf diesem Grund einmal eine der schillerndsten Metropolen der Welt entstehen sollte. Was allerdings schon damals klar war: Städte haben eine magische Anziehungskraft! Denn sie sind Orte der Hoffnung, der Weltoffenheit und der kulturellen Vielfalt.

Die Stadt: Ein Katalysator der Moderne

Man kann sogar behaupten, dass die Moderne ihren Anfang in den Städten nahm. Städte waren die Wiege der Demokratie, der Philosophie und der Industriellen Revolution. Je städtischer eine Gesellschaft wurde, desto mehr verdrängten soziale Aufsteiger mit neuen Ideen und Tatkraft die alten feudalen Eliten.

Plötzlich entstanden Konkurrenz, Unternehmergeist, Risiko und Wettbewerb. Die Schichten mischten sich untereinander. Mit Handel und Handwerk brachten sich die Menschen freiwillig in Abhängigkeiten, und das wiederum förderte Kreativität, Wissenstransfer, Toleranz und Innovation.

Vince Ebert

In Berlin, New York oder Tokio kann jeder seinen Geschäften und Ideen nachgehen, aber die Stadt gehört doch allen. Sie ist vielfältig, bunt und mannigfaltig. Je größer die Stadt, desto wahrscheinlicher trifft man dort Künstler, Krebsforscher, Playboys, Raumfahrer, Erfinder oder Startup-Unternehmer. Manchmal trifft man sogar heterosexuelle Friseure oder gutgelaunte Politessen.

Kurzum: Die Dynamik von Städten beruhte schon immer auf ihrer Vielfalt. Und auf der Zahl der „Verrückten“, die in der Stadt leben. „Stadtluft macht frei“, hieß es bereits im Mittelalter. Und, ja: Selbstverständlich kann es auch in Amorbach richtig spannend sein. Allerdings nur, wenn man total auf Forstwirtschaft abfährt.


Vince Ebert ist Diplom-Physiker, Wissenschaftskabarettist und Bestsellerautor. Sein Anliegen ist die Vermittlung wissenschaftlicher Zusammenhänge mit den Gesetzen des Humors. Seit 2004 ist er erfolgreich auf deutschsprachigen Bühnen unterwegs, ab Herbst 2020 mit seinem neuen Programm „Make Science Great Again!“ (Tickets & mehr…). Seine Bücher verkauften sich über eine halbe Million Mal und standen monatelang auf den Bestellerlisten. In der ARD moderiert er regelmäßig die Sendung „Wissen vor acht – Werkstatt“.


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Foto: Frank Eidel

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