Fachkräftemangel: IWC oder Rolex?

Schöne neue Welt: Der Wandel auf dem deutschen Arbeitsmarkt vollzieht sich rasant, und er treibt mitunter skurrile Blüten. Worauf müssen Personalverantwortliche nun achten?

Photo by Andrea Natali on Unsplash
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Beim ersten Lesen klingt die folgende Passage aus einem aktuellen Artikel der FAZ vielleicht lustig, viele HR-Abteilungen in Deutschland stellt die Entwicklung hinter der Anekdote aber vor enorme Schwierigkeiten:

Thorben – noch ohne Job, aber mit konkreten persönlichen Neigungen – postet in dem Forum der jungen Wirtschaftswissenschaftler (Slogan: „Die Manager von Morgen“), Wiwi-Treff, einen Beitrag, den er „IWC oder Rolex?“ nennt. „Hallo Freunde“, schreibt Thorben, „aktuell bin ich neben der Suche eines Arbeitgebers auch auf der Suche nach einer passenden Uhr, mit der ich mich zu meinem Einstieg gerne belohnen möchte.“ Thorben schwankt zwischen zwei Modellen, die jeweils zwischen 5000 und 10.000 Euro kosten. Sein Eintrag im Forum ist populär. In 106 Posts geben ihm die anderen Tipps.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wir gönnen Thorben seine Uhr, egal für welches Modell er sich entscheidet. Aber: Wie kommt es, dass nicht mehr nur Satirefiguren wie BWL-Justus (hier seine Facebook-Präsenz) solche Fragen stellen, sondern tatsächliche Bewerber im Vorstellungsgespräch, mitunter totale Grünschnäbel? Sie fordern höhere Einstiegsgehälter ebenso selbstverständlich wie das Recht, den eigenen Hund mit zur Arbeit bringen zu können, oder ein eigenes, bestenfalls hippes „Dienstfahrrad“ (wie die FAZ weiss, sind sie dafür statistisch nicht nur deutlich unpünktlicher, sondern auch häufiger krank). Aber: sie bringen die Forderungen immer öfter durch! Wie kommt das?

Die einfache Erklärung:

Fachkräftemangel. Der herrscht eben nicht nur in Branchen, die hochkompetitiv oder mitten im Sturm der digitalen Transformation sind, sondern auch im Schornsteinfegergewerbe, unter Lokführern und innerhalb des wohl grössten Unternehmens der Welt, der Katholischen Kirche, die zur Zeit händeringend nach anständig-qualifizierten Kandidaten für das Priesteramt sucht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die gute Nachricht für Thorben, Justus und ihre ganze Alterskohorte? Ihre Aussichten werden sogar noch besser. Denn aktuell steht der grosse „Exodus“ der Babyboomer (der geburtenstarken Jahrgänge also) aus dem Arbeitsleben erst am Anfang, nicht nur in Deutschland. In den nächsten zehn Jahren wird deshalb rund ein Drittel aller deutschen Konzernmitarbeiter in den Ruhestand gehen – und die meisten von ihnen müssen spätestens dann ersetzt werden. Zum Ende der 2020er-Jahre werden allein in Deutschland bis zu 3 Millionen Stellen unbesetzt sein, schätzt der Trendforscher Sven Gábor Jánszky. Wie reagiert man unternehmensseitig rechtzeitig und richtig auf die neuen Ansprüche der aussichtsreichsten Bewerber? In Das Recruiting-Dilemma gibt Jánszky darüber detalliert Auskunft. Die Kurzversion?

HR-seitig gilt: Entweder, Unternehmen professionalisieren sich im Anwerben immer neuer (auch internationaler) Fachkräfte, oder sie spezialisieren sich auf die Mitarbeiterbindung. Egal, wie sie sich entscheiden: HR-Management beruht künftig vor allem auf softwaregestützter Datenanalyse, und viele bisherige HR-Aufgaben werden auf andere Instanzen verteilt.

Für die Teppichetage gilt: Führungskräfte werden verstärkt als Coachs ihrer Mitarbeiter tätig sein; nicht sie, sondern Headhunter nehmen Fachkräfte bald (und: lebenslang) unter Vertrag. Für Manager und Unternehmer wird es folglich unumgänglich, guten Kontakt auch zu ehemaligen Mitarbeitern zu halten, um diese zurückholen zu können, wenn sie sie wieder brauchen.

Wir von getAbstract wünschen zum Abschluss allen Berufseinsteigern viel Erfolg (sind aber gerade etwas unsicher, ob die Recruitingverantwortlichen das nicht viel nötiger haben)!


Nächste Schritte
Egal ob Arbeitnehmer oder Arbeitgeberin: unsere getAbstract-Themenkanäle Fachkräftemangel, Personalbeschaffung, Mitarbeiterbindung, Wissensmanagement, Vergütung, Generation Y, HR-Strategie und – Achtung! – Demografiegerechtes Personalmanagement helfen Ihnen weiter, wenn es darum geht, die richtige Stelle zu finden und/oder sie richtig zu besetzen.   

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