Folge 6: Aufschieben und der Fluch hoher Erwartungen

Nina erhält mit einer Präsentation eine lang ersehnte Chance. Doch sie schiebt die Aufgabe weiter und weiter von sich weg. Warum tut sie das? Und viel wichtiger – was hilft gegen die Aufschieberei?

Folge 6: Aufschieben und der Fluch hoher Erwartungen

Seufzend schließt Nina das Browserfenster und damit ihre Facebookseite. Sie kannte die letzten Posts ihrer Freunde schon auswendig. Doch kaum sah sie die leere PowerPoint-Seite mit dem Namen «Landingpage-Präsentation» wieder vor sich, spürte sie, wie Frustration in ihr aufstieg – und mit ihr das drängende Bedürfnis, zurück zu Facebook zu gehen. Oder YouTube. Oder Twitter. Ihre Zeit mit irgendwas zu füllen, was nichts mit dieser verdammten Präsentation zu tun hatte.

Dabei saß Nina genau deswegen erst am Computer. Sie hatte an der Präsentation arbeiten wollen. Und zwar an der Präsentation, die ihr neuer Chef überraschenderweise ihr ganz allein zugeteilt hatte. Die Präsentation, die ihre große Chance war, endlich ihre Idee zu der neuen Landingpage vorzustellen. Sie sollte am nächsten Donnerstag stattfinden. Nina schaute auf ihren Kalender – es war Montag.

Prokrastination ist eine Arbeitsstörung, genauer eine Störung der Selbstregulation, gegen die Sie etwas tun können! 

Höcker, Engberding und Rist

Nina schüttelt den Kopf, schließt die Augen: Sie wartete seit Wochen darauf, ihre Idee vorstellen zu können. Während der Meetings hatte sie sich das nie getraut – und jedes Mal hätte sie sich dafür ohrfeigen können. Doch plötzlich, einfach so, bekam sie vom Chef die Aufgabe, ihre Ideen zusammenzutragen und zu präsentieren – und ihr Chef hatte explizit gesagt: «Wobei Sie Ihre Gedanken dazu natürlich auch einbauen dürfen.» Nina hatte innerlich so lange um diese Aufgabe gebettelt. Doch nun da sie ihr zugeteilt war, schob sie sie mit jedem Tag vehementer, fast sogar schon panisch vor sich her. Was war los mit ihr?

Die Vorstellung, dass wir uns bei einem spannenden Projekt automatisch in die Arbeit stürzen, sofort in einen Flow geraten und begeistert Überstunden machen, entspricht nicht wirklich der Norm. Höcker, Engberding und Rist schreiben in ihrem Buch «Heute fange ich wirklich an!», dass auch vermeintlich interessante Aufgaben großes Potenzial haben, aufgeschoben zu werden. Und zwar immer dann, wenn wir mit diesen Aufgaben eben nicht nur große Freude, sondern vielmehr große Ansprüche sowie große mögliche Fehlschläge verbinden. Gerade Reden und Präsentationen sind anfällig für die sehr lebendigen Vorstellungen, negatives Feedback zu bekommen, und damit die «große Chance verspielt» und unseren Ruf ruiniert zu haben. Diese negativen Gefühle werden oft zu einer self-fulfilling prophecy, weil wir uns selbst kleinreden und unter Druck setzen. Und dass wir uns nicht wirklich verausgaben können, führt nicht nur zu Unzufriedenheit, sondern möglicherweise sogar in eine Depression.

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Zusammenfassung (Buch)

Heute fange ich wirklich an!

Aufschieberitis ist schlimm, aber heilbar.

Anna Höcker, Margarita Engberding und Fred Rist Hogrefe
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Um das zu verhindern und mit dem eigenen Zeitmanagement wieder Frieden zu schließen, kommt man am Planen kaum vorbei, meinen Höcker & Co. Das Trio warnt aber auch vor zu großen Ambitionen. Es reicht vollkommen aus, schon täglich zwei Mal eine Stunde daran zu arbeiten. Dabei ist absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ein Muss. Das bedeutet: Sowohl Rechtfertigungen à la «Dann komme ich morgen eine Stunde früher und mache dann weiter» wie auch Kasteiungen im Stil von «Das schaffe ich sowieso nicht» sind tabu. Und gerade bei Perfektionismus schadet es nicht, in sich hineinzuhorchen und eine Antwort darauf zu liefern, ob es wirklich möglich ist, Hochleistungen zu vollbringen, wenn man sich unters Damoklesschwert zwingt? Oder ist der Perfektionismus vielmehr Teil eines Selbstbilds, das einem selbst gefällt?

Nina löst sich am Ende von der Idee, «Druck und Stress für gute Resultate zu brauchen». Sie schiebt alle Gedanken beiseite, die ihr zuschreien, dass sie eigentlich keine Zeit für einen beschissenen Plan hat. Sie beginnt, ihre Präsentation in Arbeitsteile zu gliedern – inklusive Pufferzeiten und Zeitblöcke fürs Üben und Verfeinern. Die einzelnen Aufgaben teilt Nina rückwärts auf die ihr verbliebene Zeit auf. Egal wie unwichtig oder kurz eine Aufgabe scheint, Nina weist ihr einen Platz in einem fest definierten Zeitfenster zu. Die Fenster sind meist zwischen einer halben und anderthalb Stunden lang.

Setzen Sie sich ehrlich damit auseinander, ob Ihnen eine Störung nicht dann und wann durchaus entgegenkommt, damit Sie vor sich rechtfertigen können, nicht wie geplant zu arbeiten.

Höcker, Engberding und Rist

Als sie fertig ist, lächelt Nina zufrieden. Stolz blickt sie auf ihre Notizen und sieht, dass «Ablauf Titel/Untertitel, Rundmail zur Themenabfrage» ja schon für diesen Nachmittag auf dem Plan stehen. Kurz überlegt sie, ob sie nicht schon genug geleistet hat für heute. Schließlich sollten Druck und Stress ja der Vergangenheit angehören. Lieber nicht überlasten und so. Der Plan aber scheint sich mit seiner unangreifbaren Logik und seinen eben noch von ihr enthusiastisch umrandeten Zeitfenstern gegen sie verschworen zu haben.

Nach kurzem Überlegen aber hält sie an ihrem Plan fest und setzt sich and die Aufgabe. Als der Timer sie nach der vereinbarten Stunde unterbricht, fühlt sie sich, als könnte sie den nächsten Schritt eigentlich schon vorziehen. Aber dieses Mal ist es der Plan, der nachzugeben hat. Und so respektvoll gebend und nehmend kommt Nina täglich ein Stück voran – bis sie die Präsentation am Mittwochabend zum fünften Mal flüssig vor ihrem Spiegel und am kommenden Tag fehlerfrei im Meeting hält.


Ninas Welt
Nina ist 28 und Angestellte im Bereich Marktforschung. In ihrem Büroalltag erlebt sie immer wieder Situationen, in denen sie sich denkt: «Ich kann nicht die einzige mit diesem Problem sein.» Wie gut, dass sie jetzt Zugang zur getAbstract-Bibliothek hat und ihre Lösungsvorschläge Gegenstand unserer neuen monatlichen Arbeitswelt-Kolumne sind, finden Sie nicht?

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