Folge 13: Engagement im Job

Ninas Freund und Kollege Johannes ist sehr engagiert in seinem Job. Nur hat er das Gefühl, dass seine Vorschläge von seinen Vorgesetzten nicht wirklich wertgeschätzt werden. Nun fragt er sich: Soll ich so einfach weitermachen? Oder wäre es besser, wenn ich mich einfach nicht mehr so reinhänge?

Folge 13: Engagement im Job
Illustration: Christina Baeriswyl

„Und eine mit Salami. Danke!“, beendet Nina gerade die Bestellung, als sie die Klingel hört. Das muss ihr Freund Johannes sein. Freitags bestellen sie sich immer Pizza und verbringen den Abend in der Regel zu Hause, um etwas Abstand von der arbeitsreichen Woche zu gewinnen. Und diesen Abstand scheint Johannes heute dringend nötig zu haben: Statt des Fahrstuhls nimmt er die Treppe – als er bei Nina im dritten Stock ankommt, schüttelt er genervt den Kopf und seufzt. „Du kannst dir nicht vorstellen, was heute wieder los war.“

„Oh nein, war was bei der Liebeck-Präsentation?“, fragt Nina, während Johannes seine Jacke aufhängt. Wieder seufzt Johannes: „Du weißt doch noch, ich habe mir tagelang Gedanken über meinen Vorschlag gemacht. Ich habe Diagramme mit realistischen Prognosen erarbeitet. Herrgott, die halbe Nacht hab ich wachgelegen und bin durchgegangen, was mögliche Schwächen sein könnten, um auf eine Diskussion vorbereitet zu sein. Und was sagen die? ‚Vielen Dank, Herr Krause, aber das passt nicht in unser Gesamtkonzept.‘“ Er schüttelt den Kopf und wirft die Hände in die Luft. „Welches Gesamtkonzept denn bitte? Was soll ich mit so einer Rückmeldung?“

Es ist das erste Mal, dass Nina Johannes so erlebt. Er ist wirklich aufgebracht. Und verletzt. Als sie wenig später die Pizza essen, hat Johannes sich etwas beruhigt. Aber Nina merkt, dass ihn die Sache noch beschäftigt. Seit ein paar Sekunden starrt er das letztes Stück Salamipizza auf dem Teller an. Dann sagt er plötzlich: „Weißt du, was mich dabei am meisten fertigmacht? Keiner in dieser Runde gibt sich auch nur annähernd so viel Mühe wie ich. Aber das sehen die nicht. Sie haben offenbar einfach keine Zeit dafür. Vielleicht tue ich besser daran, mich künftig einfach nicht mehr so zu engagieren.“

Tatsächlich liegt Johannes damit nicht so falsch. Selbstverständlich wünschen sich Unternehmer engagierte Mitarbeiter. Mitarbeiter, die die Extrameile gehen. Aber wenn man sich zu stark mit dem Job identifiziert, zu viel Freizeit und Persönlichkeit reinsteckt, vergisst man unter Umständen, was es ist – „nur“ ein Job. Dieser Ansicht ist zumindest Unternehmensberaterin Maren Lehky:

Zu Klienten, die mit Fieber ins Büro gehen oder gar eine Krebsoperation verschieben wollen, ‚weil das jetzt (…) nicht gut passt‘, sage ich manchmal (…): ‚Am Ende bekommen wir alle nur einen Kranz mit Schleife, das ist Ihnen bewusst, oder?‘

Maren Lehky

In ihrem Buch Alles super – und selbst? wendet Sie sich zwar an Führungskräfte, doch was Sie sagt, betrifft jeden, der mit seinem Engagement unterm Strich mit mehr Frust rauskommt als mit Erfüllung. Dabei liegt die Gefahr vor allem darin, dass, wenn wir uns mit dem Job identifizieren, er plötzlich auch unseren Wert ausmacht. Da ist es nur selbstverständlich, dass wir fehlende Wertschätzung persönlicher nehmen, als wir sollten – auch wenn wir es eigentlich besser wissen. So gilt es, ein Mittelmaß zwischen Übereifer und Kapitulation zu finden. Wo genau dieses Mittelmaß liegt, kann Lehky allerdings nicht allgemein sagen:

Die Grenzziehung hängt davon ab, wie wichtig Arbeit generell in unserem Leben ist, welche Werte für uns zählen und in welcher Lebensphase wir uns befinden.

Maren Lehky

„Und deshalb musst du dir jetzt mal Gedanken machen, ob es dir den Aufwand wirklich wert ist – oder ob du die Zeit nicht lieber in was investieren willst, was dir mehr zurückgibt“, meint Nina zu Johannes. Sein Blick ruht noch immer auf dem inzwischen kalten Stück Pizza. Sie legt ihre Hand auf seine und fügt hinzu: „Das wäre nämlich nicht unethisch oder faul, sondern völlig vertretbar.“ Johannes nickt stumm. Schließlich atmet er tief durch, löst seinen Blick, greift nach den Tellern und gibt Nina beim Gang in die Küche einen Kuss auf die Stirn: „Vielleicht hast du Recht. Danke.“ Den Rest des Abends wird das Thema nicht mehr angesprochen. Doch Johannes wirkt gelöster. Und als Nina ins Bett kommt, hat Johannes nicht wie sonst den Laptop auf dem Schoß, sondern das Buch in der Hand, das er vor gut zwei Monaten aus ihrem Regal gezogen hatte, weil er das schon immer mal lesen wollte. Seitdem hatte es unberührt auf dem Nachttisch gelegen. Nina lächelt und fragt: „Und, ist es so spannend, wie du dachtest?“  

Ninas Welt
Nina ist 28 und Angestellte im Bereich Marktforschung. In ihrem Büroalltag erlebt sie immer wieder Situationen, in denen sie sich denkt: „Ich kann nicht die einzige mit diesem Problem sein.“ Wie gut, dass sie jetzt Zugang zur getAbstract-Bibliothek hat und ihre Lösungsvorschläge Gegenstand unserer neuen monatlichen Arbeitsweltkolumne sind, finden Sie nicht?

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