PISA: Sind Sie schlauer als ein Neuntklässler?

Alle drei Jahre werden 15-jährige Schüler von der OECD zu den Kernkompetenzen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften befragt. Die Resultate der aktuellsten Studie sind zum Teil alarmierend. Was kann man dagegen tun?

Photo by Min An from Pexels
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Die PISA-Studie kennt mittlerweile jeder. Dass die ihr zugrundeliegenden Methoden und die Wege zur Ermittlung vergleichbarer Daten aber kontinuierlich weiterentwickelt werden, ist weniger bekannt. So wurde die PISA-Studie 2015 erstmals digital durchgeführt, und seit 2018 setzt man bei der Befragung zur Kompetenz Lesen (Schwerpunkt der aktuellen Studie) auf die Simulation einer digitalen Umgebung, etwa auf die Nachbildung gängiger Online-Informationsquellen wie Foren und Blogs. In diesem Jahr nahmen 600 000 Schüler aus insgesamt 79 Ländern daran teil, nun liegen die Ergebnisse vor. Sie sind für Deutschland und die Schweiz nicht nur schmeichelhaft.

Wie den Medienmitteilungen der EDK (Eidgenössische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren) und der Technischen Universität München zu entnehmen ist, schneiden Schüler in der Schweiz und in Deutschland zwar insgesamt mit der Note „Gut“ ab. Aber der Anteil an leseschwachen Schülern in beiden Ländern ist gestiegen.

Situation in Deutschland

Die Schülerinnen und Schüler in Deutschland schneiden bei den Lesefähigkeiten besser als der Durchschnitt der 15-Jährigen in den OECD-Staaten ab. In sieben OECD-Staaten zeigen Jugendliche allerdings signifikant bessere Leistungen, etwa in Estland, Kanada, Finnland und Polen. Deutsche Schülerinnen und Schüler befinden sich in etwa auf Augenhöhe mit gleichaltrigen Kindern in Frankreich, Großbritannien, den USA oder Japan. Allerdings ist auch der Anteil der besonders Leseschwachen groß (21%), und er ist sogar signifikant größer als in den oben genannten Ländern. Alarmierend ist auch, dass der Anteil besonders Leseschwacher in den nicht gymnasialen Schulen seit 2009 gestiegen ist (auf 29%).

Situation in der Schweiz

Die Schülerinnen und Schüler in der Schweiz schneiden bei den Lesefähigkeiten, wie bereits 2015, im OECD-Mittelfeld ab, wobei die Schweiz – wie viele andere OECD-Länder auch – eine „prozentuale Zunahme bei der Gruppe der leseschwachen Jugendlichen zu verzeichnen“ hat (plus 4%). Im Vergleich mit anderen Ländern steht sie nicht gut da: Innerhalb der Gruppe der Referenzländer hat nur Luxemburg einen höheren Anteil an Schülern, die die Mindestanforderungen nicht erfüllen. Auch der Anteil Jugendlicher mit sehr hohen Lesekompetenzen (8%) liegt etwas niedriger als der Durchschnitt der OECD-Länder (9%), allerdings noch knapp vor Österreich (7%). Kanada (15%) und Finnland (14%) geben hier den Takt vor, beide Länder haben proportional deutlich mehr lesestarke Schülerinnen und Schüler. Ebenfalls wurde festgestellt, dass seit der ersten PISA-Erhebung im Jahr 2000 eine Abnahme der Lesefreude bei den 15-jährigen Jugendlichen festzustellen ist, auch in der Schweiz.

Woran liegt’s? 

Angesichts der Menge an Informationen, mit denen alle Leser im digitalen Zeitalter täglich konfrontiert sind, sei die Fähigkeit, aus zahlreichen Quellen verlässliche Informationen zu ziehen besonders wichtig, heisst es in der OECD-Interpretation zur Studie:

„Beim Lesen geht es nicht mehr hauptsächlich darum, Informationen zu extrahieren. Es geht darum, Wissen aufzubauen, kritisch zu denken und fundierte Urteile zu fällen.“

Nicht nur Schülerinnen und Schüler seien zunehmend mit dubiosen Informationsquellen konfrontiert.  Im digitalen Zeitalter seien die Geschwindigkeit, Menge und Reichweite von Information die perfekte Voraussetzung für die Proliferation von Fake News, ergänzt man seitens der OECD. Konnten Schüler bis vor wenigen Jahren meist verlässliche Antworten in abgesegneten Schulbüchern finden, sei das heute nicht mehr überall der Fall – und aufgrund des rasanten Wandels werden Lerninhalte in immer kürzeren Abständen revisionsbedürftig. Eigenverantwortliche Weiterbildung neben der Schule erweist sich je länger desto mehr als wichtiger Entwicklungspfad, dazu bedürfe es aber immer größerer Lese- und Unterscheidungskompetenzen. Fähigkeiten im Übrigen, die echte und dauerhafte Relevanz im Leben haben, und zuerst gelernt werden müssen mitunter auch von Personen, die schon lange nicht mehr im schulpflichtigen Alter sind.

„Da der Einfluss von Schule und Familie auf die Lesefähigkeit der Schüler abnimmt, ist es unerlässlich, dass die Schulen ihre Anstrengungen zur Förderung der Lesefähigkeit verstärken, um den Anforderungen der digitalisierten Welt gerecht zu werden“, sagt die OECD. Ihre Erläuterung weist besonders auf die Langzeitfolgen dieser Entwicklung hin: Menschen, die sich in einer digitalen Landschaft nicht orientieren können, seien von einer aktiven Beteiligung in den Lebensbereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur ausgeschlossen.

Benedikt Herles, Autor von Zukunftsblind, bemängelte im Gespräch mit getAbstract erst kürzlich das deutsche System: “Wir schicken unsere Kinder immer noch in ein Bildungssystem, das funktioniert, als ob es darum ginge, Arbeiter für die Schraubenfabrik oder fürs Büro der Schraubenfabrik zu qualifizieren – aber nicht darum, mündige Bürger auf ein digitales Zeitalter vorzubereiten.” Und Herles ergänzt: „Der Schulunterricht muss zeitgemäß werden, sowohl im Hinblick auf Lernmethoden als auch auf Lerninhalte.“

Die OECD pflichtet ihm nun bei: „Bei Bildung geht es nicht mehr nur darum, den Menschen etwas beizubringen, sondern den Menschen dabei zu helfen, einen zuverlässigen Kompass und die Navigationsinstrumente zu bauen, um ihren eigenen Weg durch eine zunehmend unbeständige, unsichere und unklare Welt zu finden.“

Wie gelingt das?

Die einfachste Antwort auf diese Frage ist: Mehr lesen! Wer mehr liest, ist intelligenter, stressresistenter und lebt obendrein länger als Menschen, die wenig lesen. Und die beste Nachricht: Lesen ist in erster Linie Übungssache! Je mehr Menschen, und vor allem junge Menschen, lesen, desto besser funktioniert es auch. Im Schnitt lesen wir heute zwar ohnehin mehr als vor 20, 50 oder gar 100 Jahren, parallel dazu „verarmen“ wir allerdings, was die Vielfalt der Textsorten angeht.

Wir lesen zwar im Schnitt mehr als unsere Großeltern, aber wir lesen vor allem Kurz- und Kürzestnachrichten, was unser Gehirn konditioniert – und zwar darauf, bei längeren oder schwierigeren Texten schneller abzuschalten.

In Zeiten, da es nur noch auf wenige Fragen einfache oder kurze (und richtige) Antworten gibt, wird diese Konditionierung ein Problem, denn wegen ihr fehlen immer mehr Menschen schlicht die Kapazitäten, komplizierte(re) Sachverhalte zu durchdringen.

Wir empfehlen deshalb an dieser Stelle nicht den x-ten „Schneller Lesen“-Ratgeber, sondern einen ausgiebigen Blick in unsere Abteilung für Literaturklassiker, um sich Anregungen für „Long Reads“ zu holen, für die man sich – wie für den Sport, den Schlaf und seine Liebsten – täglich die nötige Zeit nehmen sollte. Vielleicht ist es sogar genau jetzt soweit?


Nächste Schritte
Wer seine eigenen Lesefähigkeiten testen will, kann das hier mit den PISA-Fragen tun. Mehr zum Thema finden Sie auch in folgenden Kanälen mit relevantem Wissen bei getAbstract: Digitalisierung, Gesellschaft, Das Internet, Generation Y.

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