Folge 7: Die Angst, aussortiert zu werden

Ninas 53-jähriger Kollege Herbert hat Angst, mit dem Tempo der neuen Arbeitswelt nicht mehr Schritt halten zu können. Muss er um seinen Job bangen, wenn er durch die Digitalisierung immer weiter zurückzufallen scheint?

Folge 7: Die Angst, aussortiert zu werden

„Au! Scheiße“, flucht Nina innerlich und hält sich die Hand vor den Mund. Sie wollte im Laufen gerade einen Schluck von ihrem Kaffee nehmen, als ein Knall durch den Flur hallt und Nina so erschrickt, dass sie sich den Rand der Kaffeetasse an die Zähne schlägt. Die Hand noch immer vor dem Mund haltend läuft sie langsam zu dem Büro, aus dem statt eines Knalls nun schnelles, energisches Klicken zu hören ist – es ist Herberts Büro. Herbert ist das Urgestein der Firma und hat die Logistik des Unternehmens maßgeblich beeinflusst. Bislang hat Nina ihn immer nur kurz in Gesprächen mit Leuten aus der oberen Führungsebene gesehen. Da hat er ganz anders gewirkt als der ältere Mann, der jetzt mit angespanntem Gesicht auf den Bildschirm starrt.

Nina klopft vorsichtig an den Türrahmen und Herbert zuckt zusammen. „Ich… will nicht stören. Ich ähm… Kann ich helfen?“, fragt Nina unbeholfen und bereut schon, dass sie nicht einfach weitergegangen ist. Zu ihrer Überraschung aber beruhigt sich Herbert schnell, macht einen langen Hals in Richtung Tür und als er niemanden im Flur hört, nickt er kaum merklich. „Dieses Outlook… Ich möchte einen neuen Termin eintragen, aber mir werden immer nur meine E-Mails angezeigt.“ Kommentarlos schließt Nina zuerst die Tür und dann die vier Outlookfenster auf Herberts Bildschirm. Sie öffnet den Kalender. Lächelnd nickt sie Herbert zu. „Schau, ist ganz einfach, man muss nur wissen wo sich die Dinge verstecken“, sagt sie und will gerade wieder gehen, als Herbert meint: „Genau das ist mein Problem.“ Dann beginnt er zu erzählen. Er habe das Gefühl, vor kurzem noch die ersten Modems für die Firma bestellt zu haben. Und nun entwickle sich die ganze digitale Welt jeden Tag ein Stück schneller. Niemand scheint damit ein Problem zu haben, es gar zu bemerken – außer ihm. „Ich habe noch gute 10 Jahre bis zur Rente, verstehen Sie… Ich bin noch nicht bereit, jetzt aufzuhören.“

Viele Leute mit 40 oder gar 50 fühlen sich von der Digitalisierung überrollt, weiß Hans-Georg Willmann. Sie sehen in ihr eine unmittelbare und unaufhaltsame Bedrohung für ihren Arbeitsplatz – obwohl sie das gar nicht müssten. Warum, das erklärt Willmann in:

Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
Image of: Durchstarten mit 50 plus

Durchstarten mit 50 plus

Was bietet ein Brillantring aus altem Eisen? Erfolgreich bewerben mit über 50.

Hans-Georg Willmann Campus Verlag

Mit 50 Jahren spielen Themen wie die finanzielle Absicherung und Familienplanung selten noch eine tragende Rolle. Über all die Jahre haben sich die meisten in diesem Alter neben einzigartiger Expertise und Fähigkeiten wie Disziplin oder Durchhaltevermögen auch berufliche Netzwerke erarbeitet. Den Anschluss verpassen sie also nicht durch einen minderen altersbedingten Wert – sondern lediglich durch eine vermeintlich notwendige defensive Haltung. Schockstarre ist jedoch selten erfolgversprechend. In Bewegung zu bleiben, ist das Geheimnis: Gerade durch die Fortschritte, die etwa die Lern- und Fortbildungskultur gemacht haben, hat auch die ältere Generation so viele Möglichkeiten wie noch nie, um sich auf den neusten Stand zu bringen. Denn die Arbeitswelt 4.0 verlang vor allem eines: Den Willen zur Agilität, sprich, Anpassungsfähigkeit. Und der ist altersunabhängig. Zudem meint Willmann:

Für viele Aufgaben, die in der digitalen Welt neu entstehen, gibt es heute (noch) keine Berufsausbildung. Viele Firmen wissen nicht, wonach sie eigentlich suchen, um Stellen zu besetzen, die sie noch nicht einmal präzise beschreiben können.

Hans-Georg Willmann

Wer das für sich nutzen und seine – gerade auch altersbedingten – Alleinstellungsmerkmale mit den passenden Weiterbildungen für zeitgemäße Stellen verbindet, steht hervorragend da – auch wenn das Eintragen von Terminen manchmal etwas länger dauert.

Herbert ist überrascht, als ihm Nina das alles erzählt. Doch dann winkt er ab – es scheint ihm peinlich zu sein: „Das ist für Sie vielleicht auch schwierig zu verstehen. Entschuldigen Sie, ich wollte Sie damit nicht belästigen.“ Etwas verwirrt verlässt Nina das Büro; hat sie ihm nun helfen können oder nicht? Sie weiß es nicht, bis Herbert drei Tage später an ihre Tür klopft. „Ich habe mich eingeschrieben Smart Factory und seine Folgen für die Logistik. Wollt ich Sie nur wissen lassen.“ Verschmitzt lächelnd hebt er seine Kaffeetasse in Ninas Richtung. Dann ist er auch schon wieder verschwunden. Nina greift nach ihrer Tasse und grinst breit, bevor sie einen großen Schluck nimmt.


Ninas Welt
Nina ist 28 und Angestellte im Bereich Marktforschung. In ihrem Büroalltag erlebt sie immer wieder Situationen, in denen sie sich denkt: «Ich kann nicht die einzige mit diesem Problem sein.» Wie gut, dass sie jetzt Zugang zur getAbstract-Bibliothek hat und ihre Lösungsvorschläge Gegenstand unserer neuen monatlichen Arbeitswelt-Kolumne sind, finden Sie nicht?

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