In der Kürze liegt die…

…Kürze.

In meiner letzten Kolumne ging es darum, wie man ein Buch zusammenfasst, in dem inhaltlich eigentlich nicht viel steht. Diesmal geht es um die kuriose Frage, wie man ein Buch zusammenfasst, in dem noch weniger steht – nämlich kaum Text: Was mache ich, wenn ein Buch nur gerade so umfangreich ist, wie seine Zusammenfassung am Ende werden soll? Gibt es das?

Ja, gibt es. Es liegt vor mir. Ein Buch von rund hundert Seiten, handlich klein, die Schrift dafür sehr groß. Hier und da eine Abbildung, hinten die Quellennachweise. Jede Kapitelüberschrift erhält ihre eigene Seite, und am Ende eines jeden Kapitels sind mehrere Seiten für Notizen vorgesehen (insgesamt 18), auf denen sich lediglich leere Linien nebst Copyright-Angaben befinden. Fertig. Wenn man die Textseiten, die durchaus etwas hergeben, zusammenzählt, kommt man ungefähr auf den Umfang eines Abstracts (naja, maximal auf die doppelte Länge).

Erkennen Sie mein Problem? Meine Aufgabe als Bücherkomprimierer besteht eigentlich darin, ein Buch zusammenzufassen, nicht es umzuschreiben. Bei einem Buch von 700 Seiten wäre ich voll in meinem Element. Auch bei einem Buch von 222 Seiten. Auch bei einem Buch von neunzig Seiten, wenn sie denn normal bedruckt wären. Dieses Büchlein dagegen ist die Hölle. Okay, ich muss nicht viel lesen, weil nicht viel drinsteht. Aber ich muss die paar Zeilen kondensieren, und darf dabei selbstverständlich nicht die Formulierungen der Buchautoren verwenden – das wäre ein Verstoß gegen das Urheberrecht, gegen die vertraglichen Bestimmungen und nicht zuletzt: gegen mein Berufsethos. Und hinzufügen darf ich erst recht nichts.

Nun, ich verstehe sehr gut, wenn Sie jetzt fragen, ob dieses Buch überhaupt zusammengefasst werden muss. Die Antwort ist aber einfach: Ja. Denn getAbstract stellt seinen Kunden relevante Bücher in einem immer gleichen Format vor. Unsere Leser sollen sich nicht darum kümmern müssen, wie dick das jeweilige Buch tatsächlich ist. Selbst ein Tausend-Seiten-Wälzer wird von uns auf etwa sechs Seiten präsentiert. In grob geschätzten 99,9 Prozent aller Fälle funktioniert das ordnungsgemäß. Bleiben 0,1 Prozent, in denen das Werk selbst schon sein Abstract sein könnte – oder ein „Pixi“-Bändchen.

Zu allem Überfluss sind die wenigen Sätze in Beyond Leadership auch noch wohlgefügt. Die Autoren haben die besten Formulierungen also bereits verwendet. Pech für mich, und mir bleibt nichts anderes übrig als mehr oder weniger dasselbe nochmals zu schreiben, nur anders. Weil das Ergebnis ein „ganz normales“ Abstract ist, merkt das niemand und alle sind zufrieden. Fest steht aber auch: Wenn alle Autorinnen und Autoren ihre guten Ideen so knapp, präzise und lesbar zu Papier brächten wie Mölleney und Sachs, wäre getAbstract als Produkt überflüssig und ich meinen Job los. Aber pssst … erzählen Sie das bloß nicht weiter! Zum Glück werden 99,9 Prozent unserer Kunden und Leser von diesem Umstand nie etwas erfahren.

Ihr

Hagen Rudolph


Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
Image of: Beyond Leadership

Beyond Leadership

Wie mehr Wertschätzung jedes einzelnen Mitarbeiters das Wir-Gefühl und die Motivation fördert.

Matthias Mölleney und Sybille Sachs Verlag SKV

Alle getAbstract-Kolumnen von Hagen Rudolph finden Sie hier.

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