Nirgendwo hin

Als Kind hatte ich oft den Wunsch, morgens lange liegen zu bleiben. Heute bleibe ich liegen. Ich muss nirgendwo hin. Ich kann nirgendwo hin. Ich darf nirgendwo hin.

Reinhard K. Sprenger, zvg

Als Kind hatte ich oft den Wunsch, morgens lange liegen zu bleiben. Ein Wunsch nach Frieden und Ruhe, das Genießen der Stille. „Selig, wer sich vor der Welt / ohne Hass verschließt …“ Nichts wollen, allein sein, nirgendwo hin müssen. Vielleicht noch aus dem Fenster schauen, auf den Himmel draußen. Nicht gefangen sein in der Schule oder auch im Sichbeweisenmüssen bei den anderen. Das Sonnenlicht, das mich weckte, es fiel auf den Schreibtisch, leuchtete auf. Weiß.

So begann für mich der perfekte Tag. Er stach heraus, glich nicht den anderen, den routinierten. Er fand zurück zu dem, was gestern war, und leitete mich zu dem, was morgen sein würde. Eine lange Weile, die nie langweilig war. 

Zeitschnitt.

Das Virus hat alle Macht an sich gerissen. Ich bleibe liegen. Ich muss nirgendwo hin. Ich kann nirgendwo hin. Ich darf nirgendwo hin. Die Zeit stockt. Keine Vorträge mehr halten, keine Flüge buchen, kein Einkommen mehr haben als Selbständiger. Vielleicht noch aus dem Fenster schauen, auf den Himmel draußen … nein, damals als Kind war es doch etwas ganz anderes. Es war ersehnt, immer wieder, war mein Wunsch, Konsequenz meines freien Willens. Und eben nicht von den Umständen forciert. Lange noch vor der Zeit, als Dauergetriebene was von Entschleunigung keuchten.

Wie unterschiedlich doch dieselbe Situation erlebt wird, wenn sie freiwillig oder erzwungen ist!

Genau darum geht es heute. Wir können viele Dinge beeinflussen. Aber nicht alle.

Es gibt auch das Unvorhersehbare, das wir nicht gewählt haben. Auch die kalten Duschen des Lebens, die uns passieren und unter denen wir leiden. Jedoch: Wie wir darauf reagieren, ist unsere Entscheidung.

Wenn wir die Dinge nicht verändern können, können wir immer noch unsere Einstellung ändern. Wir sind jedenfalls dem Schicksal nicht vollumfänglich ausgeliefert. Wir können zum tatenlosen Daheimbleiben in der Corona-Krise „Ja“ sagen, uns entschließen, sie anzunehmen. Die Krise uns zur Aufgabe machen, die Gestaltungsspielräume nutzen, die uns bleiben. Wir können, spreche ich es aus, ihr Sinn geben.

Nur wenige haben diesen Gedanken der Sinn-Gebung so detailliert entfaltet wie der österreichische Psychologe Viktor Frankl. Als Überlebender von vier Konzentrationslagern erkannte er: „Jeder Mensch behält bis zum letzten Augenblick seines Lebens die Freiheit, über seine Haltung zu der tragischen Situation zu entscheiden.“


Zusammenfassung zum Thema bei getAbstract
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Man’s Search for Meaning

Viktor E. Frankl survived Nazi death camps and learned a lot about the meaning of life. He teaches that lesson in this classic text.

Viktor E. Frankl Beacon Press

Dieses Potenzial des Menschen nannte Frankl „die Trotzmacht des Geistes“. Es ist die geistige Einstellung dem Leiden und der Tragik gegenüber, die darüber entscheidet, ob der Mensch es bewältigen oder an ihm verzweifeln wird. Niemand kann uns die Freiheit nehmen, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gibt immer ein so oder so. Auch in der Corona-Krise.

Dabei geht es nicht darum, eine graue Realität rosarot anzumalen oder sich irgendetwas schönzureden. Man kann sehr deutlich das Defizit sehen. Aber die Einstellung der Sinn-Gebung anerkennt das, was ist, wie es ist. Ent-Schiedenheit macht den Unter-Schied.

Gilt das auch, wenn ein wichtiger Mensch fehlt? Wenn die, die man liebt, fort sind?

Gilt das auch für jene, die gerade in diesen Tagen um ihre wirtschaftliche Existenz bangen? Ja, es gilt auch dann.

Aber es ist keine leichte Übung. Wenn man die Dinge aus der Distanz betrachtet, rückwirkend zum Beispiel, dann wird man erkennen: Man kann nichts verlieren, ohne etwas zu gewinnen. Wenn man bereit ist, es zu sehen. Das plötzliche, unerwartete Gefühl von Glück, von Freiheit. Und wenn es nur die lächerliche Erfüllung des Kinderwunsches ist, morgens länger liegen zu bleiben.


SPRENGER Die Band: Nirgendwo hin

Nirgendwo hin

Songtext

Der Tag erwacht
Ich bin glücklich
Ich muss nirgendwo hin

Die Welt da draußen, kann draußen bleiben
Alles gut so und auch ohne dich
Ich bleib liegen, lass mich treiben
Einfach sein
Einfach sein

Der Tag erwacht
Ich bin glücklich
Ich muss nirgendwo hin

Weiße Wolken, weiße Kissen,
Geh nicht ans Telefon, sprich nach dem Ton
weiße Blumen und nichts müssen
Einfach sein
Einfach sein

Nur im Bett, nicht um zu schlafen, das ist der perfekte Tag
Das Gefühl von Glück und Freiheit, wenn ich gar nicht aufstehen mag
Diese Stille, diese Ruhe, wie es früher einmal war
Ich genieß die lange Weile, das ist der perfekte Tag

Der Himmel mild sagt: Guten Morgen!
Kann wohl auch ohne dich ganz glücklich sein
Kleine Auszeit, will ich mir borgen
Einfach sein
Einfach sein

Der Tag erwacht
Ich bin glücklich
Ich will nirgendwo hin


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