Weniger ist wunderbar 
Unsere Welt neu denken

Weniger ist wunderbar 

Die Bestsellerautorin Maja Göpel begeistert und spaltet zugleich: Herkömmliches Wachstum ist für sie „Planetenzerstörung“ und die Mehrwertsteuerentlastung während der Coronapandemie eine „Porsche-Prämie“. Geht es nicht etwas weniger polemisch? Ihre Antwort: Leider nein.

Umweltschützer und Klimakämpfer wittern seit einiger Zeit Morgenluft: Erstmals darf sich in Deutschland eine junge, grüne Kandidatin Hoffnungen auf das Kanzleramt machen. Das Bundesverfassungsgericht hat die Regierung dazu verdonnert, beim Klimaschutz nachzubessern, und endlich melden sich auch die USA im globalen Kampf gegen den Klimawandel zurück: Präsident Joe Biden hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen seines Landes bis 2030 zu halbieren. All das ist gut. Aber ist es auch gut genug?

Jedes Jahr wandert der Tag, an dem wir bereits verbraucht haben, was für das ganze Jahr reichen sollte, im Kalender weiter nach vorn. 2019 war das der 29. Juli. (Maja Göpel)

Nicht, wenn es nach Maja Göpel geht. Ihr Anliegen ist auch nicht vorrangig der Klimaschutz. Vielmehr stellt sie unsere gesamte Lebensweise und Wirtschaftsordnung infrage. Denn was andere Fortschritt nennen, ist für sie nichts anderes als „Ausbreiten und Ausbeuten, Expandieren und Extrahieren“ – und zwar in einem Maß, das längst die planetaren Grenzen sprengt. Göpel ist überzeugt: Die Autoren von Die Grenzen des Wachstums, veröffentlicht vor knapp einem halben Jahrhundert, haben in allen Punkten Recht behalten – noch immer rasen wir mit Vollgas auf den ökologischen und zivilisatorischen Kollaps zu.

Inzwischen gibt es für immer mehr Menschen immer weniger Planet. (Maja Göpel)

Und was passiert? Wir machen munter weiter wie bisher. Seit Jahrzehnten warten wir darauf, dass Effizienzgewinne, Innovationen und vermeintlich grüner Konsum das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln – und werden abgespeist mit Elon Musks gepanzertem Cybertruck, der Entwicklung von Bienendrohnen, Abfallexporten in arme Länder und Marie Kondos gut gemeinten Tipps, wie wir den schrecklichen Wohlstandsmüll möglichst achtsam wieder loswerden. So weit, so bekannt.

Der Rebound führt zum Overshoot

Auch der Hauptgrund für das Ausbleiben der Entkoppelung ist ein alter Hut: der Rebound-Effekt. Göpel nennt das Beispiel des VW-Käfers, der Mitte der Fünfzigerjahre rund 7,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchte – und bei seiner Neuauflage rund 40 Jahre später noch genauso viel. Die Effizienzsteigerungen steckten allesamt unter der Haube: Statt 30 PS leistete der New Beetle bis zu 115 PS. Und für die Herstellung der Batterie eines großen Elektroautos fallen heute ebenso viele Tonnen CO2 an, wie ein sparsamer Benziner oder Diesel nach 200 000 gefahrenen Kilometern ausgestoßen hat. Es stimmt wohl: Noch nie haben wir so effizient gewirtschaftet wie heute. Noch nie jedoch haben wir dabei mehr Planet verbraucht als heute. Der sogenannte Overshoot Day – also der Tag eines Jahres, an dem wir den uns für dieses Jahr zustehenden Anteil planetarer Ressourcen bereits konsumiert haben – fiel 2019 für Deutschland auf den 29. Juli – und 2021 sogar bereits auf den 5. Mai.

Ich kann ja nur auf etwas verzichten, das mir nach Lage der Dinge zusteht. Der Wohlstand, in dem die westliche Welt lebt und an dem sich viele Entwicklungsländer orientieren, hätte nach den Regeln der Nachhaltigkeit aber gar nicht erst entstehen dürfen. (Maja Göpel)

Was also tun? Göpel tut, was selbst grüne Spitzenpolitiker ängstlich zu vermeiden suchen – sie plädiert für Verzicht. Den definiert sie nicht als Verlust von Bequemlichkeiten und Konsumfreuden heute, sondern als Gewinn von Versorgungssicherheit und gesellschaftlichem Frieden übermorgen.

Wir müssen ökologische und soziale Fragen zusammen denken

Die Autorin fordert, die immensen Kosten der Naturzerstörung endlich in Produkte und Dienstleistungen einzupreisen. Wir müssen das Förderband, das Umweltressourcen in Wohlstand für eine Minderheit verarbeitet und anderswo als Restmüll ablädt, in einen nachhaltigen Kreislauf verwandeln. Dafür sollten wir unsere Vorstellung von Wohlstand auf ein vernünftiges Maß zurückstutzen. Denn für ein menschenwürdiges Leben, so Göpel, bräuchten wir eigentlich nichts außer Nahrung, Trinkwasser, Behausung, Energie, Gesundheitsversorgung und Bildung.

Alle Menschen, die ich kenne, wünschen sich Liebe, Frieden, die Überwindung von Armut und eine schöne und sichere Umwelt. Warum also machen wir das dann nicht einfach? (Maja Göpel)

Vom Ziel einer gerechten Verteilung dieser lebenswichtigen Grundgüter sind wir jedoch weit entfernt. Göpel kritisiert die von Fortschrittsapologeten wie Bill Gates oder Steven Pinker zitierten Zahlen zur erfolgreichen Armutsbekämpfung insofern als irreführend, als sie nämlich auf der von der Weltbank festgelegten Armuts-Bemessungsgrenze von 1,90 Dollar pro Kopf und Tag beruhen. Nähme man, so Göpel, ein menschenwürdiges Maß von 7,40 bis 15 Dollar pro Kopf und Tag als Basis, würde die Statistik ein ganz anderes Bild zeichnen. Dann gäbe es nämlich mehr extreme Armut als noch 1981 – und das, obwohl das weltweite BIP inzwischen von 28,4 auf 82,6 Billionen Dollar angewachsen ist.

Die Losung der globalen Nachhaltigkeitsziele heißt ‚Niemanden zurücklassen‘. Auf einem begrenzten Planeten gedacht ist der Umkehrschluss: ‚Niemanden davonziehen lassen‘. (Maja Göpel)

Göpel liefert auch einen konkreten Vorschlag: Die Weltgemeinschaft könnte 10 Prozent des weltweiten BIP für den Aufbau von „Gesundheitssystemen, Bildungseinrichtungen, resilienter Landwirtschaft und erneuerbarer Energieversorgung für Menschen ohne viel Kaufkraft“ verwenden. Zufällig ist das genau die Summe, die die Reichsten der Welt derzeit in Steueroasen parken. Ein üblicher Steuersatz von 30 Prozent ergäbe für diese Gelder 2,7 Billionen Dollar, die der öffentlichen Hand für Investitionen zur Verfügung stünden.

Wenn schon nicht am fiesen Montag, dann eben am verdammten Dienstag

Als Kind umwelt- und sozialbewegter Eltern wuchs Maja Göpel in einer idyllischen Bauernhofkommune ohne Fleisch oder Coca-Cola auf, reiste mit Rucksack um die Welt und engagierte sich für globale Umweltbewegungen. Zu ihren unzähligen Terminen reist sie mit der Bahn, und das 22 Jahre alte Auto braucht sie nur, um ihre beiden Töchter zum Reiten zu fahren. Vielleicht erklärt sich aus dieser Biografie auch Göpels scheinbar ungebrochener Idealismus. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass das Streben nach immer mehr – egal ob in Form von Pillepalle, PS oder Potenz unser Schicksal sein soll.

Je energischer jemand behauptet, dass irgendetwas alternativlos sei, umso genauer sollten Sie es hinterfragen. (Maja Göpel)

Das ist – je nach Perspektive – weltfremd oder weitsichtig. Unsere Welt neu denken erschien zu Beginn der Coronakrise im Februar 2020 und war das richtige Buch zur rechten Zeit. Inmitten von Lockdown-Yoga und kollektivem Zoom-Brotbacken schien die Lust auf einen radikalen Wandel groß. Und heute? Wird jede klima- und umweltpolitische Maßnahme mit der Aussicht auf mehr begründet: mehr Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand für die Menschen im eigenen Land. Ja, eine andere Welt sei möglich – aber bitte nur, sobald das BIP wieder Vorkrisenniveau erreicht hat.

Vor diesem Phänomen warnt die Autorin im Schlusskapitel: Nach jeder inspirierenden Veranstaltung drohe der „fiese Montag“, an dem wir voller Tatendrang zur Arbeit gehen – um uns dann an alten Mauern die Köpfe einzurennen und in gewohnte Routinen zurückzufallen. Dennoch drängt sie ihre Leser, nicht den Mut zu verlieren: Auch nach einem fiesen Montag gebe es noch sechs weitere Wochentage.

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