Hilfe für Hobbyepidemiologen
Das Gesetz der Ansteckung

Hilfe für Hobbyepidemiologen

Sind Sie auch coronamüde? Dann ist Ihnen dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Denn die aktuelle Pandemie kommt darin kaum vor – stattdessen liefert der Autor Einsichten dazu, wie man diese und andere Plagen besser in den Griff bekommt.

Seit dem Beginn der Covid-19-Pandemie Anfang 2020 ist Erstaunliches geschehen: Menschen, die sonst um Statistik eher einen großen Bogen machten, sind zu Hobbyepidemiologen mutiert. Auf einmal diskutieren wir am Küchentisch über exponentielle und abflachende Kurven, Clusterbildung, Superspreader-Events und die Reproduktionszahl R – also die Frage, an wie viele Menschen eine typische infizierte Person die Krankheit weitergibt.

Doch was wissen wir wirklich? Wem sollen wir in der Debatte um Öffnung oder Shutdown, um Maskenwirksamkeit oder -unwirksamkeit noch vertrauen? Virologenpapst Christian Drosten, Gegenpapst Hendrik Streeck oder dem einen oder anderen rührigen Ministerpräsidenten? Adam Kucharski liefert eine wohltuende Alternative zu dieser Kakofonie. Denn er hechelt den Ereignissen nicht hinterher – schließlich hat er sein Buch kurz vor Ausbruch der Coronakrise beendet –, sondern legt wissenschaftliche Grundlagen, entkräftet Ammenmärchen und unterhält seine Leser mit anschaulichen Beispielen und spannenden Geschichten. Dabei sagt er klar, was wir wissen und – noch wichtiger – was nicht.

 

Wenn du eine Pandemie gesehen hast, dann hast du … eine Pandemie gesehen.Adam Kucharski

 

Vor allem weitet er den Blick für die Anwendungsgebiete seiner Zunft: Der Autor ist Assistenzarzt an der London School of Hygiene und Tropical Medicine und hat Seuchen wie Ebola, Denguefieber und das Zika-Virus erforscht. Doch mit dem gleichen Elan widmet er sich Ansteckungseffekten und Ausbreitungsmustern bei Finanzkrisen, Online-Verschwörungstheorien, Gewalt oder Fettleibigkeit. Ausdrücklich wirft er nicht alles in einen Topf, sondern skizziert eine Methode, wie sich allgemeingültige Prinzipien der infektiösen Verbreitung von den spezifischen Eigenschaften bestimmter Ausbrüche trennen lassen.

Wie Mathematik der Malariamücke den Garaus machte

Dabei rollt er von hinten auf, was heute vielen selbstverständlich erscheint: Gegen Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der britische Forscher Ronald Ross noch große Mühe, die Welt von seiner Theorie zu überzeugen, dass Malaria durch Mückenstiche übertragen wird. Da er keine freiwilligen Versuchspersonen fand, experimentierte er mit Vögeln und ließ gesunde Tiere von Moskitos stechen, die zuvor das Blut von malariakranken Artgenossen gesaugt hatten. Auch sie erkrankten. Doch seine Kollegen wollten ihm immer noch nicht glauben. Schließlich entwickelte er mathematische Modelle, die in die Zukunft schauten: Wenn die Moskitopopulation um den Faktor X reduziert würde – zum Beispiel durch das Auskippen von Wasserfässern –, dann müsste ein Rückgang der Malariainfektionen um Y die Folge sein. Die Entwicklung gab ihm Recht. Bis heute dienen Rossʼ mechanistische Modelle als Forschungsgrundlage für Fragestellungen, die sich nicht oder nur schwer experimentell beantworten lassen.

Was Finanzinstitute mit Bandenführern und Internetpromis gemein haben

Adam Kucharski macht deutlich, dass der Weg des Fortschritts mit Irrtümern und Niederlagen gepflastert ist. Beispiel Spekulationsblasen: Isaac Newton investierte 1719 in die South Sea Company, nahm Gewinne mit, bereute den übereilten Verkauf und investierte erneut in steigende Kurse. Als die Blase wenige Monate später platzte, war er ruiniert. Newton hatte den heutigen Gegenwert von 20 Millionen Pfund verloren. „Ich kann zwar die Bahnen der Himmelskörper berechnen, aber nicht die Verrücktheit der Menschen“, soll er daraufhin gesagt haben. In den 300 Jahren nach der Mutter aller Börsencrashs ist die Finanzwelt um ein Vielfaches komplexer geworden. Doch erst seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 arbeiten Zentralbanken mit Konzepten über Netzwerkstrukturen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelt wurden, um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern. Die Modelle sollen helfen, Ansteckungseffekte im Finanzsystem zu reduzieren, Superspreader-Institutionen zu identifizieren und eine pandemische Krise zu verhindern. Kein Wundermittel – aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung.

Ähnliches gilt für den Kampf gegen Schusswaffengewalt: Kucharski fand in seiner Analyse heraus, dass etwa 10 Prozent der Schusswaffendelikte in Chicago zu 80 Prozent der Vergeltungsangriffe führten. Darauf aufbauend konzentriert sich das Projekt „Cure Violence“ auf Ausbruchsherde und Superspreader und hat die Gewalt in einigen Problemstadtteilen signifikant reduzieren können.

In ihrer Potenz unerreicht sind prominente Verbreiter von viralen Onlinebotschaften – je empfänglicher und einflussreicher, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu Superspreadern mit R-Werten von mehreren Millionen werden. Besondere Virulenz entwickeln Falschnachrichten, da diese neuartiger sind als wahre. In einer idealen Welt würden Medienunternehmen sie ignorieren. In der realen agieren sie als Pandemiebeschleuniger.

Warum Politik schwieriger ist als Physik

Viele der zitierten Beispiele und Erkenntnisse sind aus der einschlägigen Literatur bekannt. Kucharski versucht nicht, das Rad neu zu erfinden, sondern macht Vorschläge, wie es aus epidemiologischer Sicht reibungsloser laufen könnte.

 

In der Zeit, die Sie gebraucht haben, um dieses Buch zu lesen, sind etwa 300 Menschen an Malaria gestorben. Mehr als 500 weitere sind HIV/AIDS zum Opfer gefallen und etwa 80 den Masern, die meisten davon Kinder.Adam Kucharski

 

Und er nennt den Preis für neue Erkenntnisse: Studien zu menschlichem Verhalten und Epidemien aller Art greifen in die Privatsphäre Einzelner ein. So manche nützliche Studie wäre aufgrund von Datenschutzverletzungen nicht zu rechtfertigen, und die Forscher müssen in jedem Einzelfall ethische Fragen abwägen. Nichtsdestotrotz bleibt Kucharski optimistisch. Immerhin konnte die Sterblichkeitsrate durch Infektionskrankheiten in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert werden.

Für gebeutelte Entscheidungsträger in Coronazeiten hat Kucharski am Ende ein Albert-Einstein-Zitat als Trostpflaster parat. Auf die Frage, warum die Menschheit offenbar nicht in der Lage sei, sich vor der atomaren Vernichtung zu bewahren, erwiderte der Physiker im Januar 1946: „Das ist ganz einfach, mein Freund. Es liegt daran, dass Politik schwieriger ist als Physik.“

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