Mit Innovationskraft aus der Existenzkrise
Die Stunde der Optimisten

Mit Innovationskraft aus der Existenzkrise

Die Menschheit steht vor existenzbedrohenden Problemen. Wieder einmal. Für Thomas Straubhaar kein Grund zu verzweifeln. Aber Anlass für eine tiefgreifende Umgestaltung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ein optimistischer und zugleich scharfsichtiger Blick auf das, was sich ändern muss. Und zwar schnell.

Mit Innovationskraft Katastrophen abwenden

Die Menschheit steht vor enormen Herausforderungen, allen voran der Klimawandel. Für Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Hamburg, ist das eine Tatsache – aber längst noch kein Grund, in Untergangsszenarien zu schwelgen. In seinen Augen haben wir Menschen durchaus das Zeug dazu, drohende Katastrophen abzuwenden. 

Nur Innovation kann die Kräfte freisetzen und die Dynamik auslösen, die eine rechtzeitige Anpassung ermöglichen.Thomas Straubhaar

Auch in der Vergangenheit stand die Menschheit schließlich oft am Abgrund. Zu Beginn der 1970er-Jahre nahmen manche Wissenschaftler an, dass es bis zum Jahr 2000 nicht mehr genug Land geben würde, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Solche und andere düstere Vorhersagen haben sich nicht bewahrheitet, weil die Menschen ihr Verhalten angepasst und neue Lösungen entwickelt haben – etwa ertragreicheres Saatgut oder effizientere Bewässerungssysteme. Vor allem unsere Innovationskraft als Spezies ist für Straubhaar ein Grund zur Hoffnung.

Mit ökonomischer Resilienz die richtigen Lösungen finden

Das menschliche Innovationspotenzial ist nach Straubhaars Ansicht unerschöpflich und kann deshalb immer wieder Wege finden, das Problem der begrenzten Ressourcen zu lösen. Allerdings muss sich das Innovationstempo erhöhen. Straubhaar wirbt eindringlich dafür, dass die Politik Freiräume bietet und Anreize schafft, damit Menschen die Initiative ergreifen und eigenständig Neuerungen entwickeln. Sie muss ein Klima erzeugen, in dem sich Erfinder und Gründer wohlfühlen. 

Gelingen kann das nur, wenn Wirtschaft und Gesellschaft sich tiefgreifend verändern. Für Straubhaar ist ökonomische Resilienz das Mittel der Wahl. Menschen und Gesellschaften müssen lernen, mit einschneidenden Veränderungen umzugehen und sich rasch an eine neue Situation anzupassen.

Ein Vorbild für eine resiliente Wirtschaftsplanung sieht Straubhaar in der biologischen Evolution. Sie belohnt Anpassungs- und Reproduktionsfähigkeit. Zufällige Schwankungen ändern nichts an dieser grundsätzlichen Ausrichtung. In der ökonomischen Evolution vollzieht sich das Wechselspiel von Zufall und Notwendigkeit in Form des Wettbewerbs. Im Wettbewerb besteht, wer die besten Lösungen für alle möglichen Probleme hervorbringt, wobei der Markt darüber entscheidet, welche das konkret sind.

Mit einem neuen Gesellschaftsvertrag das Wohlergehen aller sichern

Spätestens an dieser Stelle beschleicht einen beim Lesen das Gefühl, dass die Sache vielleicht doch nicht so einfach ist, wie sie sich liest. Gleiches gilt für Straubhaars Vorschläge für einen fundamentalen Politikwandel. Er mahnt nicht nur eine neue Steuer-, Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Sozialpolitik, sondern einen ganz neuen Gesellschaftsvertrag an.

In einer resilienten Wirtschaftspolitik für das 21. Jahrhundert gehört das Soziale an den Anfang und nicht nachrangig ans Ende staatlichen Handelns.Thomas Straubhaar

Auch wenn Digitalisierung und Globalisierung das Leben vieler Menschen verbessert haben, gibt es einige Verlierer des strukturellen Wandels. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass die Interessen der Reichen schwerer wiegen als die der Armen. Die Gesellschaft polarisiert sich. Es gehört in Straubhaars Augen zu den drängendsten Aufgaben, allen gleiche Chancen zu bieten. Jeder muss in der Lage sein, durch eigene Leistung aufzusteigen.

Der Autor schlägt vor, einen Gesellschaftsvertrag zu schließen, der auf zwei Säulen ruht: Freiheit und Gemeinschaftlichkeit. Jeder darf tun, was er will, aber muss zugleich das Wohlergehen aller im Blick behalten. Für die Privilegierten bedeutet das, dass sie zugunsten der weniger Privilegierten freiwillig zurückstecken. Es kommt ihnen langfristig zugute, wenn sie andere an ihrem Wohlstand teilhaben lassen und wenn alle sozial abgesichert sind, zum Beispiel mit Grundsicherungsmodellen.

Mit klarem Blick die Vorteile der Veränderungen sehen

Straubhaar ist sich durchaus bewusst, dass so massive Veränderungen alles andere als leicht zu realisieren sind. Die Angst vor Veränderung, so der Autor, ist so alt wie die Menschheit. Das rührt daher, dass Neuerungen oft zunächst eine Verschlechterung bewirken. Die Vorzüge des Neuen erkennen wir erst, wenn wir gelernt haben, damit umzugehen. Deshalb neigen wir dazu, den Wandel negativer zu sehen, als er ist. 

Probates Gegenmittel für diese Skepsis ist Aufklärung. In Anlehnung an Hans Roslings Factfulness macht Straubhaar deutlich, dass Phasen des Strukturwandels historisch gesehen stets zu Fortschritt geführt haben. Wenn bestimmte Tätigkeiten verschwanden, entstanden dafür neue Jobs. Das funktionierte nicht immer reibungslos, aber tendenziell hat sich das Leben der Menschen durch den technologischen Fortschritt kontinuierlich verbessert. 

Mit neuen Kennzahlen und Zielen den Wandel vorantreiben

Der Autor ist überzeugt, dass wir die negativen Folgen der Globalisierung und Digitalisierung nur mit mehr Globalisierung und Digitalisierung wettmachen können. Ein gewagter Ansatz, der aber durchaus bedenkenswert ist. Schon lange verlieren zum Beispiel Kennzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) an Aussagekraft. Das BIP gründet auf der Vorstellung, dass Volkswirtschaften sich in In- und Ausland trennen lassen. Das ist schlicht überholt. Hinzu kommt, dass die Kennzahl der zunehmenden Bedeutung der Datenwirtschaft nicht gerecht wird. Auch Entwicklungen wie Gratisangebote im Netz oder die Sharing Economy finden darin keinen Niederschlag. Höchste Zeit also für neue Sichtweisen und Kennzahlen.

Das BIP ist in keiner Weise geeignet, Aktivitäten zu erfassen, die nicht auf Erden im Inland, sondern im Orbit ohne staatliche Grenzen und losgelöst ablaufen.Thomas Straubhaar

Auch mit dem Festhalten an Massenbeschäftigung oder lebenslanger Vollzeitarbeit muss Schluss sein. Straubhaar plädiert dafür, dass sich Human- und Sachkapital, Mensch und Maschine auf neue Weise verbinden. Mehr Kapital, egal welcher Art, steigert die Produktivität und dadurch den Wohlstand aller. Kein Mensch sollte künftig noch gezwungen sein, sinnlose, unnötige oder gefährliche Tätigkeiten auszuüben. Funktionieren wird das nur, wenn Bildung einen neuen Stellenwert bekommt. Dazu legt Straubhaar Modelle für lebenslanges Lernen vor, die in jedem Fall Beachtung verdienen – unabhängig davon, ob man seinen Optimismus teilt.

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