„Was nützt eine neue Krebstherapie, wenn die keiner will, weil sie keiner versteht?“

Mai Thi Nguyen-Kims Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit vermittelt nicht nur enorm viel Wissen aus sehr unterschiedlichen Gebieten, sondern ist auch eine Basis, um mit drängenden Problemen wie Fake News und Desinformation umzugehen. Brand-eins-Redakteur Peter Lau hat sie zu ihrem Buch und ihren jüngsten Erfolgen befragt.

„Was nützt eine neue Krebstherapie, wenn die keiner will, weil sie keiner versteht?“

Was haben die Wirksamkeit homöopathischer Mittel, der Gender-Pay-Gap, die Gefahren, die von Videospielen ausgehen, und der erbliche Anteil an der Intelligenz gemeinsam? Um sie wirklich zu verstehen, braucht es wissenschaftliches Denken. Dazu gehört nicht viel: eine gewisse Offenheit, klare Maßstäbe zur Einordnung von Fakten und eine Diskussionskultur, die bei aller Freiheit eindeutigen Regeln folgt. Mit diesen Werkzeugen lassen sich nicht nur akademische Probleme besser verstehen und lösen, sondern vieles, was uns Tag für Tag begegnet, von den großen Themen der Politik bis zum kleinen Ärger im Unternehmen. Denn am Ende ist „wissenschaftliches Denken“ ein Synonym für kritisches Denken.

Das ist, knapp zusammengefasst, die These von Mai Thi Nguyen-Kims Buch Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit, dem in diesem Jahr der getAbstract International Book Award verliehen wird. Es war eine einstimmige, diskussionslose Wahl: Das Buch vermittelt nicht nur enorm viel Wissen aus sehr unterschiedlichen Gebieten, sondern auch eine Basis, um mit drängenden Problemen wie Fake News und Desinformation umzugehen. Damit ist es ein essenzieller Beitrag zu den wichtigsten Debatten, die unsere Gesellschaft derzeit zu zerreißen drohen, von Corona-Impfungen bis hin zur sozialen Gerechtigkeit.

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Zusammenfassung (Buch)

Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Wissenschaftliches Öl auf gesellschaftliche Wogen.

Mai Thi Nguyen-Kim Droemer
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Das Buch steht nicht allein. Mai Thi Nguyen-Kim betreibt seit 2016 einen YouTube-Kanal, auf dem sie regelmäßig wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt, von der Pflegekrise über Cannabis bis Glyphosat. Damit ist die promovierte Chemikerin äußerst erfolgreich – allein ihr erstes Video über Corona wurde mehr als sechs Millionen Mal gesehen. Daneben ist sie seit Jahren vielseitig präsent: Sie hat diverse Fernsehsendungen und YouTube-Kanäle moderiert, mit Komisch, alles chemisch! einen Bestseller geschrieben und ist Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft. Für ihre Arbeit wurde die 34-Jährige vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit Grimme- und Nannen-Preisen, der Theodor-Heuss- und der Leibniz-Medaille sowie 2020 mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

Die Wissenschaftsjournalistin hat nicht nur Freunde: Für Internettrolle und Querdenker ist die exponierte Aufklärerin ein perfektes Ziel für den Hass. Deshalb spricht sie ungern über ihr Privatleben, ihren Wohnort oder ihre Tochter. Ihre Arbeit schränkt sie deshalb aber nicht ein – es scheint sogar eher, als würde deren Dringlichkeit mit jedem Hasskommentar noch deutlicher.

Seit Ende Oktober 2021 hat sie eine eigene Fernsehshow auf ZDF Neo: „Maithink X“. Das Interview fand einen Tag nach der Premiere statt. Die Moderatorin saß im Zug, war aber so konzentriert, klar, freundlich und offen, wie sie alle kennen: Mai von maiLab.


Mai, wenn man sich deine Arbeit ansieht – dein Buch, deinen YouTube-Kanal, jetzt deine Fernsehshow – entsteht der Eindruck, du bist eine Frau mit einer Mission.

Ja, das stimmt vielleicht. Ich bin eine Überzeugungstäterin. Ich freue mich natürlich, wenn ich viele Bücher verkaufe oder einen Preis bekomme, aber ich freue mich darüber vor allem, weil ich weiß, dass dann das Buch gelesen wird und die Inhalte die Menschen erreichen. Mein Ziel ist, dass die Menschen Wissenschaft besser verstehen, dass sie wissenschaftlich denken lernen. Ich glaube, das ist in unserer Zeit ein unglaublich wichtiger Skill, um Fakten und Desinformation auseinanderzuhalten.

Das wolltest du schon immer, oder? Du hast gestern am Ende der Sendung gesagt: Aufklärung schafft Freiheit! Das ist ein revolutionärer Satz. Aber er taucht sinngemäß auch schon in frühen Videos auf, als dein YouTube-Kanal noch schönschlau hieß.

Nein, am Anfang habe ich die Videos vor allem aus Spaß an der Freude gemacht. Und weil ich mich manchmal fühlte wie die Mutter eines hässlichen Babys, den Naturwissenschaften, deren Schönheit nur ich allein sehe. Ich habe zu der Zeit noch als Chemikerin gearbeitet und mich immer gewundert, warum Leute das komisch finden und nicht total toll. Mit der Zeit ist Wissenschaftskommunikation für mich aber fast etwas Politisches geworden, obwohl ich kein politischer Mensch bin.

Die Frage, die mich heute treibt, heißt: Wie lässt sich die Neutralität der Wissenschaft bewahren? Ich glaube, um sie zu erhalten, müssen wir uns mehr einmischen.

Mai Thi Nguyen-Kim

Haben die Angriffe auf die Wissenschaft in den vergangenen Jahren zugenommen? Oder sind die Leugner und Ignoranten einfach nur lauter als früher?

Ich glaube, beides. Einerseits fördert das Internet die Lautstärke: Je lauter du schreist, desto mehr wirst du verbreitet. Und durch die Emotionalisierung lässt sich Desinformation auch stärker verankern. Andererseits sorgen die neuen Medien aber auch dafür, dass Menschen heute eine wissenschaftliche Empfehlung nur als eine Meinung unter vielen ansehen, weil es für sie kaum eine Möglichkeit gibt, zwischen einer seriösen Expertin und einem Scharlatan zu unterscheiden. Natürlich haben wir früher mit Menschen, die anders denken, genauso wenig gepflegt diskutiert. Aber wenn du völlig abstruse Meinungen vertreten hast wie „Die Erde ist flach“, wärst du in deiner Dorfkneipe nicht weit gekommen. Im Netz ist das anders.

Andererseits scheint es, als würden sich immer mehr Menschen nach echten Informationen sehnen – was zu deinem Erfolg beiträgt. Dein erstes Video über Corona wurde mehr als sechs Millionen Mal gesehen! Da stellt sich die Frage: Warum überhaupt ein Buch, wenn du ohnehin schon so viele Menschen erreichst?

Die Kernfragen des Buches sind: Was ist eigentlich Wissenschaft und warum sollten wir auf sie hören? Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich mit evidenzbasierter Wissenschaft auskennen. Die ersten acht Kapitel sind eigentlich austauschbar. Sie dienen vor allem dazu, das letzte Kapitel verständlich zu machen. Dafür wird viel Zeit und Differenzierung benötigt – und das bietet ein Buch natürlich mehr als eine Sendung. Manche Motive tauchen mehrfach auf, und wer was vergessen hat, kann in einem Buch einfach zurückblättern, um es nochmals zu lesen. Außerdem finde ich, dass Lesen eine sehr viel aktivere Tätigkeit ist, als wenn man sich von einem Video oder einem Podcast berieseln lässt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das eine ganz andere Art von Lernen ist. Mein Ziel ist nicht, Menschen zu belehren. Sondern ich möchte ihnen etwas an die Hand geben, mit dem sie viele verschiedene Sachen einordnen können.

Es geht nicht um Random Facts, sondern um anwendbare Methoden.

Mai Thi Nguyen-Kim

Das ist die größte Qualität des Buches: Du erklärst nicht Fakten anhand von Wissenschaft – du erklärst Wissenschaft anhand von Fakten. Beim Lesen lernt man wissenschaftliches Denken.

Ja, das war die Idee. Es gibt natürlich viele Bücher über wissenschaftliches Denken, aber die waren mir alle zu abstrakt. Dabei ist das Schöne daran, dass es überall anwendbar ist, wo es einen rationalen Diskurs gibt: in gesellschaftlichen Debatten, in der Politik …

Oder in der Wirtschaft?

Ja, natürlich. Letztlich bedeutet wissenschaftliches Denken: kritisches Denken. Und das ist ganz sicher auch dort hilfreich.

Du hast viele Fans. In den Kommentaren deines Kanals erklären immer wieder Menschen, wie froh sie sind, dass es dich gibt. Aber wie ist dein Stand unter Wissenschaftlern?

Der war von Anfang an überraschend positiv. Es gibt natürlich immer noch die Generation der Silberrücken, die Wissenschaftskommunikation grundsätzlich kritisch sieht, weil das Volk das alles gar nicht verstehen könne. Aber da findet gerade ein Wandel statt. Und die neue Generation weiß, dass man eine Vertretung in der Öffentlichkeit braucht, erst recht, seit das Gatekeeping der Medien langsam verschwindet und Autorität verloren geht. Die Menschen glauben heute nicht mehr automatisch der Presse oder den Ärzten oder der Wissenschaft. Ich habe mit der Science-Community also keine Probleme. Eher schon mit den Medien.

Was heißt das?

Die Tatsache, dass YouTube meine wichtigste Plattform ist, kommt in wissenschaftlichen Kreisen gut an, die finden das ziemlich cool. Aber in den Medien hieß es früher oft: „Ach, das ist ja nur YouTube.“ (lacht) Das ist zum Teil die Arroganz der Etablierten. Aber als ich anfing, haben mir auch viele Kolleginnen aus den Medien erzählt, wie beeindruckend sie es finden, dass ich tatsächlich forsche, etwa im Bereich Krebstherapie oder künstliches Gewebe. Die sagten oft: „Toll, dass du was Richtiges machst. Hör damit bloß nicht auf. Wir machen doch alle nur Quatsch.“ Während ich manchmal dachte: Was nützt eine neue Krebstherapie, wenn die keiner will, weil sie keiner versteht? Meine Wissenschaftskolleginnen sahen das ähnlich.

Warum eifert dir dann niemand nach? Du bist die bekannteste Wissenschaftsjournalistin Deutschlands – aber du bist auch die einzige, die man kennt.

Ich kann nur alle dazu einladen, mitzumachen. Es ist viel zu tun! Und es gibt natürlich einige Science-YouTuber. Gerade in Sachen Information läuft auf YouTube sehr viel. Es gibt auch eine Biologin auf TikTok, die dort dieWissenschaftlerin heißt. Aber es ist nicht einfach, eine große Reichweite aufzubauen. Das war bei mir auch harte Arbeit. Und es war viel Glück dabei. Ein glücklicher Zufall war, dass ich mich zu einem guten Zeitpunkt entschieden habe, das in Vollzeit zu machen.

Viele, die als Wissenschaftlerinnen arbeiten, haben gar nicht die Zeit, um nebenher einen Kanal aufzubauen. Zumal es immer schwieriger wird, überhaupt sichtbar zu sein. Das ist ein Henne-Ei-Problem: Wie mache ich gute Inhalte, wenn mich noch keiner sieht und ich deshalb kaum Unterstützung habe?

Mai Thi Nguyen-Kim

Ich habe inzwischen zwei Vollzeitmitarbeiter, beide ebenfalls promovierte Wissenschaftler. Und ich habe einen mal gefragt: „Glaubst du, du könntest diesen Job auch machen, wenn du keinen Doktor gemacht hättest?“ Er sagte Nein, denn erst durch die Promotion habe er gelernt, wie Wissenschaft funktioniere, wo es Interessenkonflikte gäbe oder wie man seriöse Quellen fände. Da sind wir dann wieder beim wissenschaftlichen Denken.

Brauchen wir vielleicht schon in der Schule ein Fach Wissenschaftliches Denken, zusätzlich zu Biologie, Chemie, Physik und so weiter?

Ja, absolut! Wir bräuchten ein neues Schulfach, zu dem kritisches Denken gehört, aber zum Beispiel auch: Wie unterscheide ich ein logisches Argument von einem Scheinargument? Medienkompetenz müsste ebenfalls dabei sein. Und Quellenkompetenz. Ich glaube, damit könnte man früh anfangen, in der fünften Klasse. Das wäre ungemein wertvoll.

Gestern war die Premiere deiner ersten eigenen Fernsehshow – wie war das für dich?

Ich kann das gar nicht sagen. Wir arbeiten seit März sehr intensiv an der Staffel, dann haben wir aufgezeichnet, geschnitten – ich habe das so oft gesehen … Ich weiß nicht mehr, wie ich das finden soll.

Keine Sorge, es war toll. Für jemanden, der nie fernsieht, war nur das Publikum etwas befremdlich. Dass die ständig klatschen … Warum habt ihr euch entschieden, die Sendung vor Publikum aufzuzeichnen?

Das ist klassisches Science-Slam-Feeling! Wissenschaft und Publikum schließen sich doch nicht aus. Ich hatte von dieser Sendung bereits eine Vorstellung, lange bevor ich YouTube gemacht habe.

Früher habe ich amerikanische Late-Night- Shows geschaut. Ich fand damals Politik und Wissenschaft vergleichbar komplex und habe nie verstanden, warum die Leute Shows zur Politik sehen, aber nicht zur Wissenschaft.

Mai Thi Nguyen-Kim

Es gab natürlich Sendungen über schwarze Löcher oder das Weltall – aber mit dem echten Leben hatten die nichts zu tun. Ich wollte schon damals eine Sendung, die wie eine Vorlesung de luxe für alle ist. Außerdem hat es mir mit dem Publikum viel Spaß gemacht. Das ist viel schöner, als mit ein paar Leuten in einem leeren Studio zu stehen oder Videos zu Hause aufzunehmen.

Du experimentierst offensichtlich gern. Sogar dein Buch ist formal recht ungewöhnlich. Da stellt sich natürlich die Frage: Was willst du noch ausprobieren?

Ich muss schauen. Ich glaube nicht, dass Wissenschaft und Entertainment ein Widerspruch sind – die Frage ist meiner Meinung nach nur, ob die Unterhaltung der Wissenschaft hilft. Wenn sie das tut, bin ich daran interessiert.


Über dieses Gespräch
Dieses Gespräch erschien zuerst in der Sonderpublikation Die besten Bücher des Jahres von brand eins. Die Publikation entstand im Zusammenhang mit einer neuen Medienpartnerschaft des getAbstract International Book Award mit brand eins, weshalb wir das Interview hier nachdrucken.

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