„Zeit lässt sich nicht managen, sie lässt sich nur bewusst gestalten.“

Lothar Seiwert beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Zeit. Den aktuellen Wertewandel, der damit einhergeht, dass Menschen mehr Zeit für sich einfordern, sieht er als positives Omen für eine selbstbestimmtere Zukunft jedes Einzelnen.

„Zeit lässt sich nicht managen, sie lässt sich nur bewusst gestalten.“

Herr Seiwert, Ihre ersten Bücher zum Thema Zeitmanagement erschienen in den 1980er-Jahren. Was hat sich seitdem verändert?

Lothar Seiwert: Von Peter Drucker stammt das Zitat: „If there is any one secret of effectiveness, it is concentration. Effective executives do first things first and they do one thing at a time.” Und dieses Zitat ist die Antwort auf alle Fragen zum Thema Zeitmanagement. Denn Zeit als solche werden Sie niemals managen können. Was Sie können: Ihren Umgang mit der Zeit bewusster organisieren. Und das ist eine Frage der Fokussierung und des Setzens von Prioritäten. Besonders wichtig ist das, wenn Ihnen 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche unzählig viele Kommunikationswege zur Verfügung stehen. Kommunikation findet heute direkter und schneller statt als je zuvor. Das hat sicher seine Vorteile, führt aber auch dazu, dass wir die Zeit selbst aus den Augen verlieren. Dringlichkeit und Komplexität haben ein Ausmaß erreicht, das uns zu hektischen Zeitgenossen macht, die ständig ihrer Zeit hinterherrennen. Wir sprechen hier von „Dynaxity“ (deutsch: Dynaxität). Gesund ist das nicht.

Die berühmte „Hetzkrankheit“, von der Sie in Ihren Büchern und Artikeln schreiben …

Das ist dann „Hurry Sickness“. Achten Sie mal gezielt auf den heutigen Sprachgebrauch. Die Frau bei Media Markt „holt schnell die CD“. Ich selbst fahre „geschwind zum Copyshop“. Und die Mutter holt „rasch die Kinder aus der Schule“.

Es geht immer um das ‚schnell‘ und darum, immer mehr in die zur Verfügung stehende Zeit hineinzupressen.

Wenn ich meine Teilnehmer in früheren Seminaren fragte, mit welcher Zielerwartung sie gekommen seien, war die Antwort immer die gleiche: Wie kann ich meine Zeit effektiver und effizienter nutzen? Zum Glück zeigt sich hier aber nun seit einigen Jahren eine Veränderung, die sicher auch mit einem Wertewandel von Materialismus zu Hedonismus einhergeht.

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Zusammenfassung (Buch)

Das neue 1 x 1 des Zeitmanagement

Zeit-Liebe statt Zeit-Diebe – in einfachen Schritten wird hier gezeigt, wie Sie Ihre Minuten und Stunden am Weglaufen hindern.

Lothar Seiwert Gräfe und Unzer Verlag
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Sie meinen: Licht am Ende des Tunnels? Woher?

Immer mehr Menschen – besonders die jüngere Generation – fragen sich: Wozu diese Hetze, dieses Gerenne? Ich will lieber mehr Zeit für mich.

Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?

Gerade eben hatte ich ein Gespräch mit meinem Sohn über das Thema Beförderung. Ich fragte ihn, ob er bei seiner Chefin schon danach gefragt habe. Und er fragte zurück: „Warum soll ich nach einer Beförderung fragen? Noch weniger Zeit für mich und das Bisschen mehr Gehalt bzw. sogar noch mehr kassiert der Staat in der dann nächsthöheren Steuerklasse ohnehin wieder ein. Ich bin doch nicht blöd!“ Und so wie er denken mittlerweile sehr viele junge Menschen.

Aber doch nicht die Mehrheit …? Bei getAbstract ist „Karriere“ einer der populärsten Themenkanäle.

Der Wirtschaftspsychologe Lutz von Rosenstiel hat mit Blick auf die Einstellung zum Job drei Typen von Menschen evaluiert: die Karrieristen, die Freizeitkönige und die Idealisten. Die erste Gruppe ist, ich will nicht sagen „vom Aussterben bedroht“, aber sie werden immer weniger. Ausschließlich auf Karriere setzen heute nur noch die Wenigsten. Dann gibt es eine Handvoll Idealisten, die mit ihrem Handeln die Welt verbessern wollen. Aber die größte Gruppe bilden mit rund 60 Prozent mittlerweile längst die Freizeitkönige („freizeitorientierte Schonhaltung“). Und ich selbst finde das wunderbar, denn das zeigt auch eine neue Einstellung gegenüber der Zeit, die einem zur Verfügung steht. Zeit ist ein Werkzeug, ein Tool, das wir eben nach unseren individuellen Wünschen gestalten, einsetzen und nutzen können.

Wie hat sich denn in Ihren Augen die Pandemie auf den Umgang mit unserer Zeit ausgewirkt?

Corona war in dieser – wie in vielfacher – Hinsicht Fluch und Segen zugleich. Viele haben auf der einen Seite die eigene Zeit wieder bewusster wahrgenommen und sich in diesem Zusammenhang mit der Frage beschäftigt: Was will ich eigentlich? Warum mache ich diesen Job? Warum lasse ich mich so hetzen? Die Pandemie hat unsere Welt also auch ein wenig entschleunigt.

Andererseits haben Homeoffice und Remote-Arbeit dafür gesorgt, dass die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit immer mehr aufgebrochen wurden.

Studien zeigen, dass viele im Homeoffice länger arbeiten und selbst spät am Abend und am Wochenende noch E-Mails beantworten. Das Büro zu Hause hat den Feierabend verschwinden lassen, weil Dinge wie Arbeitsweg, Laptop ausschalten und „im Büro lassen“ weggefallen sind. Selbst die Tatsache, dass man sich morgens nicht mehr für die Arbeit „fertig machte“, sondern meist im Jogginganzug oder sogar Pyjama vor dem Bildschirm saß, hat dazu beigetragen, dass Privat und Beruflich immer fließender ineinander übergingen. Der unvergessene Karl Lagerfeld bemerkte dazu so trefflich: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

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Zeitmanagement mit Microsoft Office Outlook

Nehmen Sie sich heute etwas Zeit – und gewinnen Sie sie in Zukunft doppelt und dreifach zurück!

Lothar J. Seiwert, Holger Wöltje und Christian Obermayr Microsoft Press
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Und was haben äußere Einflüsse bewegt? Gibt es nicht auch Positives zu vermelden?

Nun, die Pandemie hat ebenfalls gezeigt: Was die Effizienz betrifft, ist äußerer Druck mitunter sehr hilfreich. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel wir Menschen innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne auf die Reihe bekommen, wenn wir müssen. Dabei ist es egal, ob wir etwas Positives vor Augen haben – etwa am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub – oder etwas Negatives – einen anstehenden Krankenhausaufenthalt zum Beispiel: Wenn wir nur wenig Zeit haben, arbeiten wir überdurchschnittlich schnell und schaffen die Dinge vom Tisch. An einem normalen Arbeitstag gelingt uns das oft nicht – finden Sie das nicht seltsam?

Doch. Woran also scheitert unser „Zeitmanagement“ am häufigsten?

Die Menschen haben Hemmungen oder gar Angst, Nein zu sagen. Man denkt, man sei unersetzbar. Will das vielleicht auch sein – und reagiert deshalb zu jeder Zeit und schnell. Doch niemand ist unersetzbar. Nehmen wir das Beispiel vom Krankenhaus: Wenn Sie wegen eines Unfalls in die Klinik kommen, geht es in Ihrem Team ja auch weiter. Die Dinge ließen sich organisieren. Mein Rat an alle, die glauben, unersetzbar zu sein, und sich deshalb die Agenda unnötig voll machen: Seid ein wenig egoistischer! Organisiert besser, priorisiert die Aufgaben, um in weniger Zeit die gleiche Arbeit zu schaffen. So liegt auch mehr Freizeit drin!

Was raten Sie noch?

Teilt eure Jobs! Die Praxis zeigt, dass zwei halbe Stellen mehr als eine ganze sind. Teilen sich zwei Personen einen Job, ist der Outcome immer größer als bei einer Vollzeitstelle. Nicht, weil beide eigentlich 60 Prozent arbeiten, sondern weil man bei kleineren Pensen effizienter, organisierter, fokussierter schafft. Dass sich weltweit immer mehr flexiblere Arbeitszeitmodelle durchsetzen, ist deshalb für alle Seiten ein Segen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten das auch hierzulande weiter proaktiv vorantreiben. „New Work“ lässt grüßen.

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Life-Leadership

Wer keine Zeit hat, dem hilft auch ein Organizer nichts.

Lothar J. Seiwert Campus Verlag
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Das bedeutet?

Warten, bis etwas passiert, das hat auch nach Corona wenig Aussicht auf Erfolg. Sie müssen die Dinge selbst in Bewegung bringen, die eigene Welt beeinflussen – das ist Selbstmanagement in seiner besten Form. Wer Prozesse anschiebt, unterstützt sich selbst maßgeblich dabei, die eigene Zeit zu organisieren und einzuteilen. Durch gutes Selbstmanagement holen Sie sich quasi die Macht über Ihre Zeit zurück. Denn, fragen Sie sich hier selbst: Was würden Sie beispielsweise tun, wenn Ihnen jemand 200 Franken klauen will.

Mich wehren?

Gut. Und was tun Sie, wenn Ihnen jemand zwei Stunden Ihrer Zeit „klauen“ will?

Kommt darauf an, wer es ist und worum es geht.

Sehen Sie: So geht es vielen. Mit Geld sind wir aufmerksamer, pingeliger, auch umsichtiger als mit unserer Zeit. Aber Zeit, die verflossen ist, kommt nicht mehr zurück. Geld können Sie sich oft wiederholen oder neu verdienen. Das klingt sehr simpel, aber wir denken kaum je so weit, denn wir haben den ganzen Tag Termine – nur einen Termin mit uns selbst, zur Selbstbefragung, die das ändern könnte, vergessen wir. Wann, wenn nicht heute, wäre ein guter Tag, um das zu ändern? Denn: Beginnen Sie erst morgen, haben Sie schon wieder 24 Stunden verloren.

Über den Autor
Prof. Dr. Lothar Seiwert
genießt seit Jahren den Ruf des führenden Zeitmanagement-Experten. Die German Speakers Association (GSA) wählte den internationalen Keynote-Speaker in die „Hall of Fame“ der besten Vortragsredner und zu ihrem Ehrenpräsidenten. Er ist auch Autor zahlreicher Bestseller wie Die Intervall-Woche, Life-Leadership, Simplify your life und das Bumerang-Prinzip.


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