Friede, Freude, Stillstand

Friede, Freude, Stillstand

Viele Ratgeber wollen ihren Lesern helfen, Konflikte zu lösen, zu umgehen oder gänzlich zu vermeiden. Magie des Konflikts von Reinhard K. Sprenger rät genau das Gegenteil. Einigkeit ist sowieso die Ausnahme im Leben. Sprenger legt den Finger in die Wunde unseres Harmoniestrebens – und regt damit zum Nachdenken an.

Reinhard K. Sprenger ist Autor von Managementliteratur, Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und Führungsexperte. Zu seinen Schwerpunkten gehört das Thema Konfliktmanagement, um das sich auch sein aktuelles Buch Magie des Konflikts dreht. Wie der Titel bereits erahnen lässt, sind Konflikte für Sprenger als „Motoren des Lebens“ essenziell für das Vorankommen von Individuen und Unternehmen. Sie sollten daher der Normalzustand und nicht die Ausnahme sein – auch wenn wir sie oft um jeden Preis vermeiden möchten.

Nur wer an eine gemeinsame Zukunft glaubt, lässt sich auf Konflikte ein

„Man muss etwas Gemeinsames haben, um etwas als trennend zu erleben“, ist eine von Sprengers Kernbotschaften des Buchs. Konflikte können nur dort entstehen, wo es eine gemeinsame Basis gibt. So investieren wir beispielsweise nichts mehr in Auseinandersetzungen mit dem Partner, wenn wie die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft bereits ad acta gelegt haben. Sprenger sieht Konflikte somit stets als ein Zeichen dafür, dass es noch gemeinsame Ziele und Interessen gibt. Trotzdem ist nicht jeder Konflikt nötig. Unnötig sind beispielsweise Zwiste, die sich an Banalitäten oder Engstirnigkeiten entzünden. Andere Konflikte sind hingegen – gerade für Unternehmen – lebenswichtig, da sie den Nährboden für Fortschritt und Erfolg bilden. Die hohe Kunst, so Sprenger, liegt darin, zwischen nötigen und unnötigen Konflikten zu unterscheiden.

Der Konfliktgeübte weiß, wann es sich lohnt zu kämpfen, sich einzusetzen, weil der Wirkungsgrad des Konfliktgegenstandes erheblich ist.

Reinhard K. Sprenger

In einem Kapitel widmet Sprenger sich Mehrdeutigkeiten, also den unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bewertungen von Situationen. In diesem Spannungsfeld zwischen schwarz und weiß liegt für ihn das Wesen eines jeden Konflikts begründet: Sobald das Weltbild unseres Gegenübers nicht dem unsrigen entspricht, neigen wir dazu, es als falsch abzutun und abzuwerten. Schließlich fühlen wir uns ja am nächsten an der objektiven Wahrheit. Sprengers pragmatischer Ratschlag: „grau denken“ und Kompromisse eingehen. Wer seinen Mitmenschen zuhört und andere Bewertungen respektiert, hat die Chance, die eigene Sicht auf die Welt stets mit neuen Impulsen zu ergänzen. Außerdem gibt es in der Regel kein schwarz oder weiß, sondern nur Näherungslösungen und Vergleiche zwischen verschiedenen, aber gleichermaßen gültigen Wahrheiten.

Was uns bei anderen auf die Palme bringt, schlummert oft auch in uns selbst

Vieles von dem, was Sprenger erzählt, klingt zwar nicht neu, lädt aber trotzdem zum Nachdenken ein, insbesondere über das eigene Verhalten im Konfliktfall. Oder über die Erwartungen, die wir an unsere Mitmenschen haben. Denn Konflikte entstehen immer dann, wenn unsere Erwartungen an andere nicht erfüllt werden. Sprenger appelliert an unsere Selbstverantwortung uns erinnert daran, dass wir nicht auf der Welt sind, „um nach den Erwartungen anderer zu leben“. Dementsprechend ist es auch nicht zielführend, auf Teufel komm raus an unseren Erwartungen an andere festzuhalten. Vielmehr sollte bei unterschiedlichen Erwartungen zunächst ein gemeinsamer Nenner gesucht werden. Lässt sich keiner finden, ist es möglicherweise besser, fortan getrennte Wege zu gehen. Klingt hart, aber durchaus logisch.

Ein spannender Aspekt ist das, was Sprenger „Selbstbegegnung“ nennt. Demnach offenbart uns eine Konfliktsituation immer auch einen Teil unserer Selbst. Zudem finden wir bestimmte Charakterzüge oder Verhaltensweisen bei anderen unangenehm, obwohl sie auch ein – häufig bewusst oder unbewusst unterdrückter – Teil unserer eigenen Persönlichkeit sind. Im Verhalten des Gegenübers lassen sich somit eigene Entwicklungspotenziale identifizieren, selbst wenn wir dieses Verhalten eigentlich missbilligen.

Jeder Konflikt ist Selbstbegegnung.

Reinhard K. Sprenger

Natürlich spricht Sprenger auch über das Ziel bzw. das Ende von Konflikten. Am Ende eines Konflikts müsse weder eine Lösung noch Einigkeit stehen. Im Gegenteil: Schließlich – so seine Argumentation – lassen sich etwa Interessenkonflikte nicht lösen, sondern nur besser handhaben. Statt einer Lösung sollte es vielmehr darum gehen, dass alle Beteiligten gemeinsam weitermachen wollen. Dass jeder den anderen als gleichberechtigt anerkennt, fremde Sichtweisen als bereichernd wahrnimmt, dem anderen entgegenkommt und die eigene Position als eine unter vielen versteht.

Passivität ist für Führungskräfte keine Option

Wie es sich für einen Ratgeber zum Thema Konfliktmanagement gehört, gibt es neben der Theorie (und einem kurzen Ausflug in die Systemtheorie) auch etliche Praxistipps für Führungskräfte. So erläutert Sprenger etwa die Dos and Don’ts bei Konfliktgesprächen: Ich- statt Du-Botschaften, Kritik am Verhalten und nicht an der Person, spezifische und keine allgemeine Kritik, den Blick nach vorn statt in die Vergangenheit richten – um nur einige Beispiele zu nennen.

Abgesehen davon rät Sprenger Führungskräften davon ab, Konflikte zu vermeiden oder diese untätig aus der Ferne zu beobachten. Vielmehr ist es ihre definierte Aufgabe, in Konfliktsituationen Orientierung zu bieten, eine klare Richtung vorzugeben und aktiv einzulenken. Aktives Einlenken bedeutet jedoch nicht, dass Manager Konflikte auflösen oder Probleme beseitigen. Es geht eher darum, festgefahrenen Situationen zu neuem Schwung zu verhelfen – etwa indem Konflikte offen zur Sprache gebracht werden und den Beteiligten aufgezeigt wird, welchen Nutzen sie aus der Situation ziehen können. In der Digitalisierung sieht Sprenger zusätzliche Herausforderungen für Manager. So bergen verschiedene Ambivalenzen zwischen digitalen und nichtdigitalen Ebenen viele neue Konfliktpotenziale. Nichtsdestotrotz gilt es, auch hier Konflikte offen auszutragen – zum Wohle des Unternehmens.

Bringen Sie in Bewegung, wo vorher Paralyse war.

Reinhard K. Sprenger

Apropos Wohl des Unternehmens: Gegen Ende des Buchs erinnert uns Sprenger daran, was alle Mitarbeiter vereint und stets im Zentrum einer konfliktfähigen Führung steht bzw. stehen sollte: das Streben nach optimalen Lösungen von Kundenproblemen. Schließlich ist es der Kunde, der die Gehälter am Ende des Tages bezahlt. Eine naheliegende Tatsache, die man jedoch gern vergisst.

Das Buch ist eine teilweise provokante und kontroverse, aber stets unterhaltsame Abrechnung mit dem Harmoniestreben, das Sprenger zufolge viele Unternehmen lähmt und am Vorankommen hindert. Schließlich sind Konflikte für ihn nicht das Problem, sondern die Lösung. Und nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Eine These, die so manchem notorischen Konfliktvermeider sauer aufstoßen dürfte.

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