Die vielen Vorteile der Fernarbeit

Der Ausbruch des Coronavirus könnte zu dem führen, was Bloomberg News als „das weltweit größte Work-from-home-Experiment“ bezeichnet hat.

Die vielen Vorteile der Fernarbeit
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Zurück bleibt die Sitzfleischdelle im Bürosessel: Seit Jahren steigt weltweit die Zahl derer, die von zuhause oder unterwegs, jedenfalls fern des Firmensitzes arbeiten, mitunter auch an mehreren Orten gleichzeitig. Es hat sich herumgesprochen, dass manch hochspezialisierter Arzt in Hongkong operieren kann, sein Patient aber in einem Mannheimer OP liegt.

Von „Remote Work“ mögen zwar nicht immer Leben (oder immerhin: Körperteile) abhängen, die Vorteile des Arbeitens jenseits des Arbeitsplatzes liegen aber auf der Hand: Es gibt Arbeitgebern die historisch einmalige Chance, die besten Talente dort einzustellen, wo sie sich nun mal befinden, am eigentlichen Firmensitz die Kosten zu senken und attraktivere Konditionen für die eigenen Mitarbeiter zu schaffen. Nachweislich reduziert das sogenannte „Home Office“ Stress – jeder Pendler, erst recht Pendler mit Kindern, weiß das aus Erfahrung. „Remote Work“ sabotiert aber auch die größte uns im Wirtschaftsleben bekannte Ablenkungsmaschine: den Büroalltag. Wer in Ruhe arbeiten kann, ohne dass er von Kollegen an den Kicker-Tisch, in die Cafeteria oder in das x-te sinnbefreite Meeting zitiert wird, ist nachweislich fokussierter und auch produktiver.

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Sie glauben das nicht? In Deutschland, wo das Home Office weiterhin eher ein Nischendasein fristet, befinden Sie sich in bester Gesellschaft. Aber auch in den USA ist die Skepsis gegenüber Fernarbeit verbreitet. Im Jahr 2016 mussten mehrere US-Bundesbehörden feststellen, dass sie tatsächlich funktioniert: Als sie ihre Mitarbeiter aus ihren Home Offices zurück ins Büro riefen – mit der Begründung, es gebe keine Beweise für die Wirksamkeit der Fernarbeit – waren die Ergebnisse ernüchternd. Die Krankmeldungen schnellten in die Höhe, das HR wurde geflutet mit Urlaubsanträgen, Mitarbeiter drängten auf eine Reduzierung ihres Pensums, und während all das passierte, stagnierte die Produktivität bei rasch sinkender Arbeitsmoral.

Das Ganze ist wenig überraschend: In einem Bericht legt Gallup eine ganze Reihe von Nachweisen dafür vor, dass die Möglichkeit, abseits des Büros zu arbeiten, nicht nur initial die Effizienz erhöht, sondern über das wachsende Engagement der Arbeitnehmer auch zu einem weiteren messbaren Produktivitätsschub führt. Damit nicht genug. Das Angebot von Fernarbeitsoptionen ist auch ein wirksames Mittel gegen das Abspringen der besten Mitarbeiter: 51% der von Gallup befragten Arbeitnehmer gaben etwa an, dass sie ihren derzeitigen Arbeitsplatz für einen Job mit flexibler Arbeitszeit verlassen würden.

Wenn mehr Menschen von dort arbeiten, wo sie sich nun einmal aufhalten, hat dies nicht zuletzt auch Vorteile für die Umwelt: In Ländern, in denen die meisten Mitarbeiter mit dem Auto zur Arbeit fahren, steigt die Luftqualität bei sinkender Abnutzung der PKWs. Von einer Reduktion des Zeitverlusts im Stau auf Highway XY gar nicht zu reden. Auch der öffentliche Verkehr wird entlastet: Busse und Bahnen sind nicht nur weniger voll und kommen besser durch die Rush Hour, auch Kosten, die durch die mancherorts enorme Auslastung für starke Abnutzung sorgen, können auf diesem Wege gesenkt werden.

Herausforderungen und bewährte Praktiken

Klar: Bei allen nüchtern festzustellenden Vorteilen bringt die Arbeit von zu Hause auch Herausforderungen mit sich. Für manche Menschen kann die physische Isolation belastend wirken. Andere fühlen sich im Home Office stärker unter Druck, rund um die Uhr ansprechbar zu sein, was sich auf ihr Privatleben und ihr psychisches Wohlbefinden auswirken kann.

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In The Remote Leader’s Guide to Managing a Team teilt Matthew Barby, der in London für Hubspot tätig ist, bewährte Praktiken für die Leitung von Teams, die über Kontinente und Zeitzonen hinweg arbeiten. Er betont vor allem die Notwendigkeit, „Leitplanken“ zu setzen, die die Parameter für eine stabile Online-Arbeitsumgebung festlegen. Zu den Regeln, die Remote-Teams aufstellen sollten, gehören eine Vereinbarung von zwei Stunden pro Tag, in denen alle Teammitglieder arbeiten und für Besprechungen zur Verfügung stehen; und die Planung und Einhaltung wiederkehrender Besprechungen, wie z.B. wöchentliche Teambesprechungen und Einzelgespräche.

Um zu verhindern, dass sich „flexible“ Arbeitszeiten in endlose Arbeitstage verwandeln, schlägt Barby vor, dass die Führungskräfte ihre persönlichen Kalender teilen. Indem sie die für persönliche Verpflichtungen und Freizeit blockierte Zeit anzeigen, können sie ihren Mitarbeitern ein realistischeres Bild ihrer Verfügbarkeit und ihrer Arbeitspraktiken vermitteln – und im Gegenzug gesündere Arbeitsgewohnheiten bei den entfernten Teammitgliedern fördern. Hier finden Sie weitere nützliche Ratschläge:

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Ars Technica ist so etwas wie ein Pionier der Fernarbeit: Das Unternehmen arbeitet seit seiner Gründung vor 20 Jahren als volldigitale Nachrichtenredaktion. In einem informativen Beitrag teilt der leitende Technikredakteur der Website, Lee Hutchinson, mit, wie sein Arbeitgeber „Remote Work“ zu einer Erfolgsgeschichte gemacht hat. Besonders nützlich ist seine Beschreibung, wie die Mitglieder seines Teams Online-Technologie nutzen, um effiziente Arbeitsabläufe zu ermöglichen. So unterhalten sie beispielsweise einen Internet-Relay-Chat über Slack, bei dem die Mitarbeiter morgens als erstes „Hallo“ sagen. Das gibt den Kollegen das Gefühl, sich in einer gemeinsamen Arbeitsumgebung zu befinden – selbst wenn sie sich alle noch in ihren eigenen Schlafzimmern oder mit einem (guten) Kaffee auf der Terrasse hocken.

Der richtige Mix

Natürlich unterscheiden sich flexible Arbeitsmodelle enorm voneinander, gleichwohl scheint es aber einen „Sweet Spot“, einen idealen Mix, zu geben, wenn es um die richtige Balance zwischen Fern- und Büroarbeit geht. Gallup fand diesen Sweet Spot in einem Verhältnis von 60-40% bis 80-20%. Tatsächlich empfinden Mitarbeiter, die an drei bis vier Tagen in der Woche von zu Hause arbeiten und die restlichen ein oder zwei Tage im Büro verbringen, das höchste Level an Engagement.

Das Coronavirus mag viele dazu zwingen, gegen ihren Willen von zu Hause aus zu arbeiten. Aber für einige Unternehmen und Mitarbeiter kann dieses unfreiwillige Experiment die Initialzündung sein, um neue Arbeitsmodelle auch jenseits des Ausnahmezustands in Betracht zu ziehen, schlicht weil sie langfristig positive Auswirkungen zeitigen.


Nächste Schritte:
Die Soziologin Maren Lehky sprach mit getAbstract erst kürzlich über die notwendige Trennung zwischen Beruf und Privat im Home Office. Hier geht’s zum Interview.

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